Beunruhigend: Vier von zehn Menschen haben Gewalt erfahren

Von: Thorsten Karbach
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Trauma
In einem Projekt wurden Patienten des Aachener Klinikums befragt, ob sie schon einmal in ihrem Leben Opfer von Gewalt waren. Foto: dpa
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Packendes Thema: Nils Kohn erläutert den wissenschaftlichen Teil des Projektes.

Aachen. Diese Zahl stimmt nicht nur Ute Habel nachdenklich. Von 5212 Patienten des Aachener Universitätsklinikums haben 41 Prozent in ihrem Leben Gewalt erfahren – körperliche, sexuelle, psychische, auch wirtschaftliche, wenn ihnen zustehende Leistungen von Behörden oder Geld vom Partner nicht ausgehändigt wurden. Das haben sie in einem anonymen Fragebogen zugegeben.

Es waren alles ganz normale Patienten. Sie hatten Platzwunden oder Bauchschmerzen – alle möglichen Erkrankungen und Leiden. Eine solch hohe Zahl war nicht zu erwarten. 41 Prozent!

Die Erfahrungen sind für die Betroffenen oftmals wie ein schwerer Rucksack, den sie durchs Leben schleppen. Dass Gewaltopfer schneller erkranken, dass sie häufiger in Depressionen verfallen oder Alkohol trinken, war bislang kaum mehr als eine naheliegende Vermutung. Die Befragung der Patienten der Aachener Klinik sorgt für einen in dieser Form bislang einzigartigen Datensatz, aus dem Ute Habel, die leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik Aachen, mit ihren Mitstreitern in einem Projekt nun wertvolle Rückschlüsse ziehen kann. Sie sagt: „Wir mussten uns einfach des Themas annehmen, wir wussten bislang nicht, welche Rolle Gewalt bei unseren Patienten spielt. Eine solche Untersuchung hat es in diesem Umfang noch nicht gegeben.“

Vor zwei Jahren war die Arbeit an dem Projekt aufgenommen worden, gefördert wird es vom Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes NRW ebenso wie von der Europäischen Union. Es heißt „Gender Gewaltkonzept“, die Ergebnisse werden also auch oder gerade in der Hinsicht analysiert, inwieweit Männer und Frauen betroffen sind. Es sind Ergebnisse, die nicht minder nachdenklich machen:

Die meisten in der Psychiatrie

2404 Frauen und 2808 Männer haben Fragebögen ausgefüllt. Das Verhältnis spricht ungefähr dem Bild im Aachener Klinikum. Die Befragten kommen aus allen Kliniken und Abteilungen des Universitätsklinikums, sind mindestens 18 Jahre alt. Die meisten Patienten mit Gewalterfahrung wurden dabei in der Psychiatrie aber auch in der Notaufnahme und der Gynäkologie gezählt. 22,3 Prozent der befragten Patientinnen sind schon einmal Opfer von körperlicher, 29 Prozent von psychischer, 13,3 Prozent von sexueller und 17,8 Prozent von wirtschaftlicher Gewalt geworden. Unter den Patienten haben 22,2 Prozent mindestens einmal körperliche, 21 Prozent psychische, 3,2 Prozent sexuelle und 17,5 Prozent wirtschaftliche Gewalt erfahren. Bei Frauen kommt die Gewalt meist aus dem Umfeld. Bei Männern wird sie oft von Fremden ausgeübt. Durchaus zu erwarten war der signifikante Unterschied bei sexueller Gewalt.

Eine andere – besorgniserregende – Erkenntnis der Befragung: Es haben mehr Patientinnen und Patienten angegeben, sich nie jemandem anvertraut zu haben als dass sie den Vorgang bei der Polizei gemeldet haben. „Gewalt ist immer noch ein Tabu-Thema“, sagt Ute Habel. Es müsse endlich angemessen angesprochen werden.

Denn die gesundheitlichen Konsequenzen sind für die Gewaltopfer enorm. Das hat die Untersuchung am Klinikum ebenfalls gezeigt: Dass sie unter chronischen Schmerzen und Magen-Darm-Syndromen leiden, haben 38,7 Prozent der Befragten mit Gewalterfahrung angegeben, aber nur 28,7 Prozent der Patienten ohne Gewalterfahrung. Andere Beispiele: Unter Schlafstörungen leiden 28,1 Prozent der Patienten mit Gewalterfahrung, aber nur 15,2 Prozent der ohne eine solche. Depressionen haben 28 Prozent, suizid- also selbstmordgefährdet sind 14,2 Prozent. Bei Patienten ohne Gewalterfahrung sind es gerade einmal 9,7 beziehungsweise 2,8 Prozent.

Um mehr über die Gewaltopfer zu erfahren, wurden in einem zweiten Schritt des Projekts 150 Interviews mit Betroffenen geführt. Jedes dauerte vier Stunden.„Wir haben sehr tiefgehende Informationen erhalten, die Rückschlüsse zwischen den persönlichen Gewalterfahrungen und den Folgen möglich machen“, erläutert Nils Kohn, der mit dem wissenschaftlichen Teil des Projekts betraut ist.

Erfahrungen der Beratungsstelle

Viele Werte und Antworten decken sich mit den Erfahrungen, die der Aachener Verein „Frauen helfen Frauen“, eine Beratungsstelle für die gesamte Städteregion, vorzeigen kann. Im Zuge des Projekts hat der Verein 103 Frauen zwischen 18 und 63 Jahren (Durchschnittsalter 39 Jahre) befragt. Zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund, 39,8 Prozent sind verheiratet, 34 Prozent geschieden. Mit folgendem Ergebnis: 25,2 Prozent haben angegeben, an einer Erkrankung oder Verletzung zu leiden. 34,6 Prozent an einer psychischen Erkrankung. 70 Prozent waren in den vergangenen beiden Jahren in ambulanter Behandlung, 44,7 Prozent ein bis zehn Mal, 7,8 Prozent 40 bis 100 Mal. Je mehr Zahlen da sind, umso besser wird die Dimension des Problems von Gewalt in der Gesellschaft deutlich.

Klar, Gewalt ist immer eine subjektive Empfindung. Es gibt keine objektiven Kriterien. Beginnt körperliche Gewalt mit der Ohrfeige und reicht ein festes Zupacken? Es ist im Grunde vollkommen egal, denn wer Gewalt – körperlich oder psychisch – empfindet, der hat ab diesem Moment eine Last zu schleppen. „Frauen helfen Frauen“ hebt seit Jahren die Stimme für Gewaltopfer – jedenfalls für Frauen, die Opfer von Gewalt werden. 2013 führten die Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle, die vor 36 Jahren gegründet wurde, 1135 Einzelgespräche.

Nun wissen die Projektpartner, dass unter den befragten Patienten 37,3 Prozent der Menschen mit Gewalterfahrung regelmäßig Nikotin konsumieren, dagegen nur 23,8 Prozent der anderen Patienten. 15,6 Prozent greifen zum Alkohol, bei den Patienten die keine Erfahrung mit Gewalt angaben sind des nur 6,4 Prozent. Bei illegalen Drogen sind es 6,6 Prozent gegenüber 1,4 Prozent, bei der übermäßigen Medikamenteneinnahme 3,9 zu 0,6 Prozent. Und die Tendenz zu Selbstverletzungen ist bei 4,4 Prozent der Gewaltopfer vorhanden. Bei Menschen, die nie Gewalt erlitten haben, liegt dieser Wert bei 0,5 Prozent.

Doch die Daten alleine reichen den Projektpartnern nicht. „Wir würden auch gerne helfen“, sagt Habel. Deswegen wurde als Modellprojekt eine Beratungsstelle für die Patienten des Klinikums eingerichtet, in der Ärzte, Psychologen, Sozialpädagogen und weitere Experten bei sozialrechtlichen wie psychologischen Problemen helfen. So eine Beratung und daraus resultierende Hilfe kann unendlich lange Krankengeschichten verkürzen, die Flucht in Abhängigkeiten von Alkohol und Schlimmeren stoppen. Natürlich hat eine solche Beratung Grenzen. Aber sie ist auch eine Chance, den Patienten besser begegnen zu können. Und es wäre fahrlässig, eine solche Chance nicht zu nutzen.

Mehr noch: Modellhaft wurde eine Frage in den Aufnahmebogen der Patienten, die ins Klinikum kommen, eingebaut, die das Thema Gewalt aufgreift. Auch das ist so nicht üblich in einer Klinik. Das sei ein dringend notwendiger Tabu-Bruch, finden die Verantwortlichen. „Vor Jahren war die Frage nach Alkoholkonsum ein ähnliches Tabu“, erklärt Aynur Özdemir von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik. Heute ist sie fester Bestandteil. Nur wenn eine Gewalterfahrung bekannt ist, kann sich am Ende auch das Personal im Klinikum auf den Patienten entsprechend einstellen. 400 medizinisch Tätige sind am Universitätsklinikum beschäftigt – von der Hebamme über die Krankenschwester bis zum Arzt. Auf Nachfrage wurde deutlich, dass sich die meisten nicht ausreichend auf Patienten vorbereitet fühlen, die unter den Folgen von Gewalt leiden. Die Mitarbeiter sollen mehr wissen und entsprechend geschult werden können.

Die hohe Zahl der Gewaltopfer hat alle negativ überrascht. Wie groß mag da erst die Dunkelziffer in der Gesellschaft sein? Erwartet wurde, dass mehr Frauen als Männer betroffen sind, wobei die Datenlage bei Männern bislang sehr dünn war. Doch so ist es nicht. Eine weitere Überraschung. Die Untersuchungen werden gewiss weitere bringen. Das Projekt läuft noch bis Juni 2015, und bis dahin werden auch neurowissenschaftliche Analysen ausgewertet. „Wir untersuchen, ob bestimmte Gewaltformen bestimmte Erkrankungen stärker bedingen, und es gibt erste Hinweise, dass da ein Kausalzusammenhang besteht“, erläutert Nils Kohn. Die Zahlen sprechen schon jetzt für sich – und stimmen nachdenklich. Nun sollen sie ins Land getragen werden.

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