Aachen/Jülich/Langerwehe - Betrugsprozess gegen drei Männer aus Kamerun könnte zu Ende gehen

Betrugsprozess gegen drei Männer aus Kamerun könnte zu Ende gehen

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
15548521.jpg
Unwissender Handlanger oder Drahtzieher eines großen Betruges? Ilongo W. (34). Foto: Ralf Roeger
15548528.jpg
Nur ein Fahrer, oder wusste er, dass er Menschen um Zehntausende Euro betrog? Alberto W. (37). Foto: Ralf Roeger
15548530.jpg
Geständig, reumütig, hat sogar einen Teil des gestohlenen Geldes zurückgezahlt: Eric E. (43). Foto: Ralf Roeger

Aachen/Jülich/Langerwehe. Irgendwann konnte sich Richter Jürgen Beneking nicht mehr zurückhalten, es brach geradezu aus ihm heraus. „Sagen Sie mal, wie bescheuert muss man eigentlich sein, um solche Geschichten zu glauben?“, fuhr Beneking das Opfer im Zeugenstand an, und das Opfer wusste kaum, was es sagen sollte.

Beneking bezeichnete das Verhalten des Opfers auch als „blöd“, „doof“ und „naiv“, und obwohl es eher unüblich ist, dass sich Opfer vor Gericht von Richtern anraunzen lassen müssen, kommt es eben manchmal vor, und in dem Fall muss man sagen: zu recht.

Am Donnerstag werden am Aachener Landgericht die Plädoyers gehalten in einem in vieler Hinsicht unglaublichen Betrugsprozess, möglicherweise ergeht auch schon das Urteil. Die Opfer sind Ehepaare aus Langerwehe, Jülich und Sachsen. Die drei Angeklagten aus Kamerun sollen die Ehepaare insgesamt um mehr als 120.000 Euro betrogen haben.

Alle drei Ehepaare hatten sich zwischen Februar und November 2016 mit derselben Betrugsmethode täuschen lassen: Alle drei hatten Inserate im Internet aufgegeben, alle drei wollten eine Immobilie verkaufen.

Auf alle drei Inserate meldete sich ein angeblich in Afghanistan stationierter vermeintlicher US-Elitesoldat, der angab, die jeweilige Immobilie kaufen zu wollen. Man schrieb sich E-Mails, telefonierte, das Vertrauen wuchs, und schließlich offenbarte der angebliche US-Soldat, dass er im Rahmen einer militärischen Operation in Afghanistan 10,2 Millionen Euro bei den Taliban sichergestellt habe, die er nun nach Deutschland überführen wolle. Alle drei Ehepaare hatten sich gegen ein Provisionsversprechen in Höhe von 20 Prozent, also 2,04 Millionen Euro, bereiterklärt, dem Soldaten zu helfen.

Ein Koffer voller weißer Scheine

Der US-Soldat gab vor, das Geld zu verschicken, in allen drei Fällen gab es Probleme, die die drei Ehepaare nur mit vorgestrecktem Geld lösen konnten. Irgendwann erreichte zwei Ehepaare ein Koffer voller weißer Scheine, die Betrüger taten überrascht. Erklärten aber, die Farbe in einer aufwendigen und selbstverständlich teuren chemischen Prozedur wiederherstellen zu können.

Irgendwann waren die Betrüger weg, das Geld der Ehepaare auch. Ehepaar K. aus Sachsen verlor etwa 76.000 Euro, das Ehepaar O. aus Jülich etwa 37.000 Euro. Das Ehepaar Z. aus Langerwehe verlor 8120 Euro, bevor es die Polizei einschaltete.

Die Ermittlungen ergaben: Den US-Soldaten gibt es gar nicht, die 10,2 Millionen Euro natürlich auch nicht. Seit November 2016 sitzen die drei Angeklagten in Untersuchungshaft.

Schöffe stellte der Rechtsanwältin nach

Dass der Prozess noch immer nicht beendet ist, hängt damit zusammen, dass er bereits zum zweiten Mal stattfindet. Der erst Versuch, zu einem Urteil zu gelangen, scheiterte daran, dass es einem der beiden Laienrichter (Schöffen) einfiel, einer am Verfahren beteiligten Rechtsanwältin etwas allzu auffällig nachzustellen. Die Rechtsanwältin teilte dies dem Gericht mit. Der Prozess platzte wegen des ungebührlichen Verhaltens des Schöffens – und begann Mitte August von vorn, mit anderen Schöffen: wieder Anklageverlesung, wieder Zeugenvernehmungen.

Und weil zwei der drei Angeklagten sich erst ganz am Ende dieses zweiten Prozesses entschlossen, sich doch noch zu den Vorwürfen zu äußern, musste das Gericht unter Vorsitz von Jürgen Beneking die drei Ehepaare noch einmal laden, um die Aussagen der Angeklagten mit dem tatsächlichen Geschehen abzugleichen. Ehepaar K. musste zur Wahrheitsfindung also dreimal aus Sachsen nach Aachen zum Landgericht kommen, insgesamt legten die O.s so fast 4500 Kilometer zurück.

Wie das Urteil ausfallen wird, ist nicht ganz leicht vorherzusagen, alle drei Angeklagten sind wegen gemeinschaftlichen Betruges in besonders schweren Fällen und Diebstahls in besonders schweren Fällen angeklagt. Die beiden mutmaßlichen Haupttäter, Alberto W. (37) und Ilongo L. (34), berufen sich darauf, zwar an den Tatorten bei den Familien gewesen zu sein; aber dort hätten sie lediglich Freundschaftsdienste für einen Bekannten geleistet. Sie hätten gar nicht gewusst, dass sie Teil eines Betrügernetzwerks gewesen seien.

Da Alberto W. einschlägig vorbestraft und Ilongo L. wegen ähnlicher Delikte demnächst in Frankfurt vor Gericht gestellt werden soll, ist es unwahrscheinlich, dass Richter Beneking ihrer Darstellung folgen wird.

Wo ist das restliche Geld?

Etwas anders sieht die Sache beim dritten Angeklagten, dem ebenfalls einschlägig vorbestraften Eric E. (43) aus: E. gab zu, am Betrug der Familie Z. aus Langerwehe beteiligt gewesen zu sein, er habe sich dazu hinreißen lassen, weil er Geld für seinen Sohn gebraucht habe, der in Deutschland studieren will. Vor einigen Tagen hat Eric E. einen Teil der Summe, die er half, von Ehepaar Z. zu bekommen, zurückgezahlt, 4000 Euro. Weitere 2800 Euro will er in einer zweiten Überweisung zurückzahlen. Und Richter Beneking kündigte an, dies im Urteil strafmildernd anerkennen zu wollen.

Eine Frage, die vor Gericht ungeklärt blieb, ist der Verbleib des restlichen Geldes. Ein Ermittler sagte gegenüber unserer Zeitung, er gehe „davon aus, dass das Geld in Afrika versickert ist“. Einer der Prozessbeobachter, der auch aus Kamerun stammt und in einer Verhandlungspause im Gespräch mit unserer Zeitung erklärte, mit genau derselben Betrugsmasche wie die Angeklagten in Europa Geld zu verdienen, sagte, dass er und die Angeklagten mit dem Geld nicht etwa Verwandte und Freunde in Kamerun unterstützen würden. Sondern es für Kleidung, Handys und Autos ausgeben. Er zeigte auf seine Jeans, die 500 Euro, und seine Schuhe, die 900 Euro gekostet hätten. „Alles, was wir verdient haben, haben wir in Europa verballert“, sagte ein weiterer Prozessbeobachter aus Kamerun. Was stimmen kann, aber natürlich auch Prahlerei sein könnte.

Die Plädoyers werden am Donnerstag ab 9 Uhr in Saal A 0.020 des Aachener Landgerichts gehalten.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert