Aachen - Beten und wählen, was ist denn wichtiger?

Beten und wählen, was ist denn wichtiger?

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
14924981.jpg
Die RWTH verabschiedet sich in diesen Tagen von dem Politikwissenschaftler Helmut König (l.) und dem katholischen Theologen Ulrich Lüke (r.). Foto: Michael Jaspers
RWTH Aachen
Die RWTH verabschiedet sich in diesen Tagen von dem katholischen Theologen Ulrich Lüke und dem Politikwissenschaftler Helmut König. Foto: dpa
Helmut Koenig
Politologe Helmut König Foto: Michael Jaspers
Ulrich Lueke
Theologe Ulrich Lüke Foto: Michael Jaspers

Aachen. Aachen verliert zwei inspirierende Intellektuelle – vielleicht nicht ganz, wenn sie hin und wieder mal hierher zurückkommen. Die RWTH verabschiedet sich in diesen Tagen von dem katholischen Theologen Ulrich Lüke und dem Politikwissenschaftler Helmut König.

Hier haben sie Impulse gesetzt, hier haben sie dafür gekämpft, dass die Geisteswissenschaften von exzellenz- wie elitefixierten Hochschulleitungen nicht überfahren werden. In einem gemeinsamen Interview mit unserem Redakteur Peter Pappert streiten sie über Glauben und Wissen, stellen aber im Grunde mehr Gemeinsamkeiten fest.

Professor König, wozu ist die Theologie gut?

König: Für die letzten Wahrheiten, für das Metaphysische. Im politischen Raum bewegen wir uns in den vorletzten Dingen; die letzten überlassen wir der Theologie und der Religion. Lessing hat gesagt: „Ein jeder sage, was ihm Wahrheit dünkt, und die Wahrheit selbst sei Gott empfohlen.“ Im politischen Raum haben wir es mit Meinungsäußerungen zu tun, die nicht den Anspruch erheben dürfen, die letzten Wahrheiten zu sein. Der Eintritt des Absoluten, das mit Religion verbunden ist, in den politischen Raum zerstört den politischen Raum. Das gilt für das absolut Böse wie für das absolut Gute.

Lüke: Die Theologie rationalisiert und zivilisiert die Religion. Religion gehört zur menschlichen Existenz. Wer sich als areligiös bezeichnet, hat auch latent religiöse Ansätze. Theologie kann auch Widerpart zum politischen Mainstream sein und hat durchaus Widerstandspotenzial.

Wozu ist die Politische Wissenschaft gut, Professor Lüke?

Lüke: Für Willensbildung und gesellschaftliche Beteiligung, und das ist auch für kirchliche Strukturen von Bedeutung und für die Frage „Wie beteiligen wir das Volk Gottes?“ Es gab Zeiten, da es den Papst und den Bischof gewählt hat. Das Volk ist im Zuge der Zentralisierung in Rom entmächtigt worden. Da können Impulse der Politikwissenschaft nicht schaden.

Wie schwer haben es Kirche und Religion heute, Professor König?

König: Heute liegt die große Herausforderung darin, dass alle Religionen die Pluralität der Religionen akzeptieren müssen, was ihnen nicht immer leicht gefallen ist. Zweitens müssen Kirche und Religion akzeptieren, dass das Wissen in säkularen Gesellschaften nicht aus religiösen oder theologischen Anschauungen entsteht. Drittens muss die weltanschauliche Neutralität der Verfassung anerkannt werden. Und die Verfassung wiederum muss die Pluralität der Religionen garantieren – ungeachtet dessen, dass unser Grundgesetz eine christliche Prägung hat.

Lüke: Ich widerspreche der Behauptung, dass Religion kein Wissen generieren kann. Natürlich versucht das die Theologie – so, wie es die Politologie auch tut.

König: Wie ist das Verhältnis von Wissen und Glauben? Wie stark ist die Theologie doch noch eine Art Glaubenslehre? Das sind doch die entscheidenden Fragen.

Lüke: Das ist Ihre Interpretation. Wir haben keinen archimedischen Punkt der Erkenntnis (fester Standpunkt, von dem aus etwas grundlegend bestimmt wird, Anm.d.Red.). Jeder, der aufrichtig ist, weiß, dass er auf Glaubensbestände zurückgreift – auch jeder Wissenschaftler. Wir sind alle im Glauben verhaftet; manchmal sind die Glaubensgewissheiten eines Christen und eines Atheisten gar nicht so unterschiedlich.

König: Ich sehe das fundamental anders und halte es mit Immanuel Kant (1724-1804, deutscher Philosoph), der in seinem Werk „Kritik der reinen Vernunft“ feststellt, dass sich die Vernunft immer die Frage stellen wird, ob es einen Gott gibt, darauf aber niemals eine Antwort finden kann. Kant und die Aufklärung haben den Anspruch, moralische Prinzipien ohne Rückgriff auf Gott und Religion zu begründen. Kant ist der Ansicht, Gott sei nicht nötig, um das Wissen zu begründen, sagt aber, das Wissen müsse eingeschränkt werden, um dem Glauben Platz zu schaffen. Ich würde sagen, wir begrenzen das Wissen, um für das Denken Platz zu schaffen. Wenn Sie sagen, es gehe um den Glauben, würde ich sagen, es geht um das Denken.

Lüke: Wenn ich von Glauben spreche, meine ich doch nicht Glauben ohne Denken. Sie stellen die eigenartige Behauptung auf: Wer glaubt, denkt nicht. Ich kann nur gescheit denken, wenn ich irgendwelche Glaubensvoraussetzungen habe. Die müssen nichts mit Gott zu tun haben.

König: Darin besteht nicht unsere Differenz. Ich bin schon der Meinung, dass sich Glauben und Denken vereinbaren lassen; aber denken kann man auch ohne Glauben.

Lüke: Sie versuchen, den Part, den ich Glauben nenne, zu minimieren, indem Sie das Denken maximieren. Ich bin mir absolut sicher: Der Kern unserer Denkgewissheiten enthält ein gerüttelt Maß Glauben – auch bei Ihnen. Das muss kein Glauben an einen christlichen Gott sein. Aber ganz ohne Glauben kommen wir nicht aus.

König: Da haben wir einen Dissens. Das sehe ich anders.
Lüke: Man kann das Denken auch in Glaubensdingen nicht weit genug treiben. Am Ende meines Denkens finde ich aber eine Grundoption, die im Letzten nicht mehr zu begründen ist und insofern etwas mit Glauben zu tun hat.

Professor König, was wäre schlimmer: ein Land ohne Kirchen oder eines ohne Parlamente?

König: Das sind Alternativen, die es tatsächlich nicht gibt und vor denen wir gerne ausweichen. Unsere Demokratie ist an das Parlament gebunden, aber es gibt auch viel Kritik an dem Prinzip der Repräsentation und den Parteien. Für die Kirche ist eher Herr Lüke zuständig; er würde sicher sagen, dass wir in einem Land ohne Kirchen nicht sinnvoll existieren können.

Lüke: Nein, das würde ich nicht sagen. Ein Land ohne Politik kann ich mir nicht vorstellen; ob sie parlamentarisch organisiert sein muss, wäre eine andere Frage. Ein Land ohne Religion gibt es nicht, ohne Kirche schon, denn sie ist nur eine Organisationsform.

König: In der griechischen Antike haben wir es mit Gesellschaften ohne Parlament und ohne Kirche zu tun; und die athenische Polis ist begriffsgebend, wenn wir über Politik reden.
Beten und wählen: Ist beides gleich wichtig?

Lüke: Ja – jedenfalls in unserer politischen Verfassung. Ich weiß, dass viele wählen, aber nicht beten; ich weiß auch, dass viele beten und nicht wählen. Ich weiß zudem, dass viele beten, dass die „Richtigen“ gewählt werden. Beides ist wichtig; beten kann eine ganz private Angelegenheit sein, muss aber nicht. Wählen ist ein öffentlicher Akt, der das Gemeinwesen prägt.

Kann man ein guter Christ oder Katholik sein, ohne zu beten?

Lüke: Das glaube ich nicht. Die Mitgliedschaft in der Kirche ist keine wie im Schützenverein. Mir hat bei einer Wallfahrt mal jemand gesagt, er sei Atheist. Ich fragte ihn: „Was machen Sie dann bei einer Wallfahrt?“ Da sagte er: „Wenn man Rheinländer ist, ist man als Atheist Katholik.“

Kann man ein guter Staatsbürger sein, ohne zur Wahl zu gehen?

König: Es gab bei der letzten Bundestagswahl Aufrufe von sehr aktiven Personen, nicht wählen zu gehen. Sie begründeten das ausführlich damit, es stehe nichts zur Wahl, die Parteien seien sich zu ähnlich. Das Phänomen des Nichtwählens ist weit verbreitet. Bei der letzten Wahl in Frankreich haben mehr als 50 Prozent der Wahlberechtigten nicht gewählt.

Irgendwann funktioniert die parlamentarische Demokratie dann nicht mehr, wenn . . .

Lüke: . . . wenn das Parlament nur noch von zehn Prozent der Wahlberechtigten gewählt würde.
König: Was sind die Alternativen? Anhänger der Basis- oder Rätedemokratie halten das Parlament für ein Instrument der Depolitisierung. Die parlamentarische Demokratie ist zweifellos in der Krise.
Hört die Politik auf die Politikwissenschaftler?

König: Das hätten die gerne. Manche Politikwissenschaftler betonen ihre Funktion als Politikberater; ich gehöre nicht dazu. Wir können das politische Handeln nicht verwissenschaftlichen. Es gibt in der Regel keinen Anspruch auf Wahrheit jenseits der Pluralität von Meinungen und Positionen.
Hört die Kirche auf die Theologie?

Lüke: Manche Theologen machen Karriere bis ganz oben. Der Joseph Ratzinger, den ich als Student in Regensburg erlebt habe, war aber ein anderer als der, den ich als Präfekt der Glaubenskongregation oder als Papst erlebt habe. Andere Theologen können in der Kirche nichts werden, weil sie nicht genügend auf der gewünschten Linie liegen, wobei sich diese Linie auch immer wieder mal ändert.

Alle, die in der Kirche als Geistliche hauptamtlich tätig sind, müssen ein theologisches Studium absolviert haben. Ein nicht unerheblicher Teil derer, vergisst danach die Theologie wieder. Stimmt das?

Lüke: Ja, das würde ich schon sagen.

Wie ist das Verhältnis von Kirche und Politik?

Lüke: Da gibt es das schöne Wort, wonach die Kirchen mit Nero (37-68, römischer Kaiser) immer besser klarkamen als mit Konstantin (280-337, römischer Kaiser). Ein klarer Gegner führt auch zur Solidarisierung in der Kirche. Wenn die Politik sie vereinnahmt, wie Kaiser Konstantin sie als einheitsstiftendes Substrat benutzte, wird sie missbraucht.

Sollen wir uns mehr Neros wünschen?

König: Es ist ein bekanntes Phänomen, dass nichts so stark im Innern vereint wie ein gemeinsamer äußerer Feind.

Was motiviert Studienanfänger heute, Politikwissenschaft zu studieren? Hat sich das seit Ihrer Studienzeit verändert?

König: Ja, das hat sich verändert. Als wir 1969 mit dem Studium begannen, waren wir voller politischer Energie, voller Veränderungswillen, voller Selbstbewusstsein. Heute ist die berufliche Orientierung stärker. Es gibt weniger Energie des Aufbruchs und der Rebellion, die meinen Studienbeginn charakterisiert hat. Ich beobachte zudem die fatale Entwicklung im politischen Spektrum, dass der Geist der Rebellion und des Aufstands nach rechts gegangen ist.

Wie fällt Ihr Vergleich in der Theologie aus, Herr Lüke?

Lüke: Ich habe 1971 angefangen, und da lag nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil ebenfalls Aufbruch in der Luft. Damals waren es vor allem Priesteramtskandidaten. Heute sind es meist Studenten, die Religionslehrer werden wollen; wobei manche derer sich das Priesteramt durchaus vorstellen könnten, wenn es die Bedingung des Zölibats nicht gäbe. Die Kirchenbindung ist heute übrigens erstaunlich ausgeprägt. Kurioserweise sind manche auf die Idee gekommen, Theologie zu studieren, weil sie beim Besuch von Papst Benedikt in Köln 2005 mit Hunderttausenden die Nacht auf dem Marienfeld bei Köln verbracht haben. Dahin wäre ich nie und nimmer gegangen, um mit den Massen darauf zu warten, dass eine Messe gefeiert wird.

Fehlt inhaltliche Inspiration?

Lüke: Ich glaube nicht, dass sie fehlt. Theologiestudenten haben heute schon klare Standpunkte, wie sich ihre Kirche verändern müsste. Das Knowhow ist da; es fehlt die Vitalität, das umzusetzen. Die Studierenden sind doch ein wenig angepasst, zu zahm.

Spielt die Philosophische Fakultät an der RWTH Aachen heute eine gute und gesicherte Rolle?

König: Jedenfalls sicherer als 1994; da kam ich nach Aachen. Von Anfang an war ich mit der Angst konfrontiert, dass diese Fakultät von der Schließung bedroht sei. Wir wussten nie genau, wie realistisch das war. Das hat sich verändert. Die Fakultät ist heute an keiner Stelle bedroht. Das heißt nicht, dass sie nicht nach wie vor kämpfen muss. Sie muss sich weiter ins Zeug legen.

Lüke: Die Sorge hat mich immer begleitet, dass die Philosophische Fakultät der RWTH zur Knautschzone anderer Interessen wird. Das haben wir hier am Institut selbst erlebt, als uns zwei Professorenstellen geklaut wurden; die für Kirchengeschichte und Exegese waren auf einmal weg und bei den Maschinenbauern gelandet. Das war eine Nacht- und Nebelaktion der damaligen Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft und des TH-Rektorats unter Burkhard Rauhut. Der damalige Dekan der Philosophischen Fakultät, Christian Stetter, behauptete, Bischof Heinrich Mussinghoff habe dem zugestimmt. Das war glatt gelogen. Es war sehr dubios und ein großer Kampf, diese Professorenstellen zurückzubekommen.

 

Helmut König und Ulrich Lüke

Ulrich Lüke kehrt nach seinen Aachener Jahren nun in seine Heimatstadt Münster zurück, wo er 1951 geboren wurde. Er war seit 2001 Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. Grenz- und Grundlagenfragen zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie gehören zu den Schwerpunkten seiner Forschung. Daneben hat er aber immer großen Wert darauf gelegt, als Priester in seinen Predigten, in zahlreichen Büchern und Aufsätzen, Zeitungskolumnen und Rundfunkbeiträgen den Glauben seiner Kirche zu vermitteln und verständlich zu erklären.

Lüke, der neben Theologie auch Biologie und Philosophie studierte, lernte bei bedeutenden Theologen wie Karl Rahner, Johann Baptist Metz und Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI..

Helmut König wird in Zukunft wieder weitgehend in Berlin leben, wo er – neben München – studierte und an der Freien Universität als Hochschulassistent gelehrt und geforscht hat. Seit dem Wintersemester 1994/95 war er Professor für Politische Wissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Ideengeschichte am Institut für Politische Wissenschaft der RWTH Aachen.

König hat sich vor allem mit der Geschichte der politischen Ideen befasst – insbesondere Marxismus, Zivilisationstheorie, Kritische Theorie der Frankfurter Schule, Hannah Arendt, Demokratietheorie. Vor allem hat er sein Augenmerk auf die bundesdeutsche Erinnerungskultur und Vergangenheitsbewältigung gerichtet und dazu auch unserer Zeitung wiederholt aufschlussreiche Interviews gegeben.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert