Besuch in Garzweiler: „Tagebau ist eine menschenleere Veranstaltung“

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Energie für Deutschland: Riesige Bagger sorgen für den Abbau der Braunkohle – und für Proteste betroffener Bürgerinnen und Bürger. Foto: CMD
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„RWE wird weiter in die erneuerbaren Energien investieren“: Guido Steffen, Pressesprecher der RWE Power AG. Foto: CMD

Der Tagebau Garzweiler II ist rund 31 Quadratkilometer groß und birgt einen Kohlevorrat von 1,3 Milliarden Tonnen. Mit ihren ortsnahen Kraftwerken deckt die RWE Power AG etwa 14 Prozent der deutschen Stromversorgung und ist deswegen unentbehrlich. In den nächsten 40 Jahren wird sich die Energielandschaft massiv verändern und fossile Brennstoffe werden in Europa weiter abnehmen.

Für RWE bedeutet dies Umdenken, doch für viele Bewohner des rheinischen Braunkohlereviers sind 40 Jahre zu viel.

Der Tagebau ist groß. Dieser Gedanke ist für die meisten selbstverständlich. Steht man am Aussichtspunkt der Grube Garzweiler, lässt sich die reale Größe der Grube jedoch nur an den vorbeiziehenden Wolkenschatten abschätzen. Erst wenn man das Gelände betritt, bekommen die in den Medien kursierenden Zahlen Gewicht. Eine Rundfahrt im Offroad-Auto fühlt sich an, als fahre man durch Niemandsland. Bei einer Führung von zwei Stunden nehmen die langen Fahrten über unwegsame Straßen einen Großteil der Zeit ein. Bei einer Grubenlänge von beinahe zehn Kilometern ist das keine Überraschung.

RWE Power beschäftigt insgesamt 14.000 Mitarbeiter, davon rund 2000 im Tagebau. Zusammen mit Zuliefererketten zeigt sich, dass RWE lokal ein wichtiger Arbeitgeber ist. Im Tagebau selbst merkt man nicht viel davon. Auf den langen Strecken begegnet man selten entgegenkommenden Autos. Entlang der Fahrtwege verlaufen kilometerlange Förderbänder, die die abgebaute Kohle über das Gelände befördern. Zwangsläufig beginnen diese bei den Baggern, den eisernen Riesen.

Wenn sich der größte Bagger in Garzweiler bewegt, bebt die Erde. Er ist 96 Meter hoch, erstreckt sich über 240 Meter und wiegt überwältigende 13.500 Tonnen. Der Fahrer muss einen 15-minütigen Fußweg zurücklegen, ehe er an seinem Arbeitsplatz ankommt. Das gigantische graue Ungetüm mag alt sein, jedoch steckt im Inneren modernste Technik. „Der Bagger wird bis zum Ende laufen“, so Guido Steffen, Pressesprecher RWE.

Der Bedarf an Personal sinkt aufgrund neuer Technik immer weiter. Insgesamt arbeiten im Tagebau etwa 60 bis 70 Menschen zeitgleich. Der Motor des Baggers läuft täglich rund 19 Stunden. In dieser Zeit kann er 240 000 Kubikmeter Abraum schaffen. Damit könnte man 95 Olympiaschwimmbecken befüllen. Trotz der riesigen Mengen wächst der Tagebau pro Tag nur rund einen Meter.

Viele Dörfer müssen weichen

Für die Rekultivierung von Abbaugebieten gibt es eine Reihe von Gesetzen und Vorschriften. Die Besucherführerin Daniela Friese versichert, dass diese kompromisslos befolgt würden. Der naturverbundene Mensch wird jedoch stutzig. Anstelle des ehemaligen Waldes werden ein paar junge Setzlinge und Sträucher angepflanzt. Für manche geht diese Rechnung einfach nicht auf.

Diese Lösungsansätze sind nicht ideal, aber immerhin effektiv. Das Problem, das keine „einfache“ Lösung hat, ist die Umsiedlung. Menschen, die ihren Wohnsitz aufgeben müssen, weil unter ihren Häusern Kohle liegt. Der Sachverhalt ist sehr schwierig, denn es geht um persönliches Territorium. „Ortschaften, die über 1000 Jahre gewachsen sind, kann man nicht einfach wiederherstellen und entschädigen“, so Peter Jansen, Bürgermeister von Erkelenz. Kultur, Erinnerungen und Andenken werden zerstört, um den Strombedarf der Gesellschaft zu decken.

Wie ein Gruselfilm

Immerath musste deswegen geräumt werden. Auf den ersten Blick sieht das Dorf auch heute noch ganz normal aus. Beim Erkunden der Straßen macht sich Menschenleere bemerkbar. Die Rollläden über den Fenstern sind herabgelassen und die Türen mit Brettern zugenagelt. Manche Häuser zeigen erste Verfallsspuren. Das Einzige, was man hört, sind laufende Motoren. Abrissarbeiten sind im Gange. Es herrscht eine gespenstische Atmosphäre. Leere Spielplätze und die entweihte Kirche erinnern an Gruselfilme aus dem Fernsehen.

Das Hermann-Josef-Krankenhaus Erkelenz repräsentiert das Schicksal des Ortes am besten. Einst im Betrieb für die Einwohner der Stadt Erkelenz, ist nun die Blütezeit der Institution vorbei. Gitter blockieren alle Fenster und Türen. Geht man an diese näher heran, kann man ins Innere spähen. Alles, was man sieht, sind leere Räume, Schutt und Glasscherben. Einzig die gelben Bänder überall im Ort zeugen von Protest. Sie hängen an Bäumen, Zäunen und Hausfassaden. Die Initiative der Dorfinteressengemeinschaft Wanlo e.V. zeigt deutlichen Widerstand gegen Braunkohleenergie.

Insgesamt müssen rund 5100 Menschen wegen des Tagebaus umgesiedelt werden. Zusammen könnten sie die Hälfte der Stehplätze im Tivoli einnehmen. Grundsätzlich werden Orte mit mehr als 2500 Bewohnern nicht angetastet. Äußerst schwierig zu planen und finanziell nicht rentabel. Die, die ihr Heim verlassen müssen, tröstet das wenig. Plötzlich müssen sie ihr Leben von Grund auf umkrempeln. Dabei sei es vollkommen egal, in welcher Lebenslage sie sich befänden, ob neugeboren oder kurz vor dem Tod; der Verlust begleite sie, so Peter Jansen.

Lärm, Staub und Dreck

Man erwartete große Vorteile vom Tagebau, doch Erkelenz profitiert von den Versprechen am wenigsten. Die Stadt am Rande der Grube leidet unter den Bedingungen des Abbaus.

Lärm, Staub und Dreck sind für die Einwohner Alltag. Wegen dieser Störfaktoren ziehen Familien weg und der Ort verliert an Attraktivität für Neuansiedler. Die Immobilienpreise krachen ein und die Stadt verliert Steuereinnahmen. Dafür sind keine Entschädigungen vorgesehen.

Die neu aufgebauten Orte haben zwar eine bessere In-frastruktur, dennoch entstehen Kosten, auf die Erkelenz lieber verzichten würde. „Eine Entschädigung sieht das Land NRW hier nicht vor“, protestiert Peter Jansen. Der Ort Immerath wird abgerissen.

2010 machte Kernenergie etwa 30 Prozent der deutschen Energieerzeugung aus. 2011 sank der Anteil auf rund 17 Prozent. In der Energieversorgung möchte sich der deutsche Staat von anderen Ländern nicht abhängiger machen, als er das bereits ist. Braunkohle ist eine Ressource, die lokal genutzt werden kann, um dem deutschen Konsum gerecht zu werden.

Theoretisch könnte man momentan zwei Drittel des deutschen Strombedarfs mit erneuerbaren Energien decken. Leider sind Sonne und Wind nicht immer verfügbar. An Abenden in Wintermonaten besteht der höchste Strombedarf. Wenn die Natur aussetzt, benötigt man fossile Energieträger.

Kohle als sinnvolle Ergänzung

„Die Industrie ist auf eine durchgängige und sichere Stromversorgung angewiesen“, so Hans Wilhelm Schiffer. Der große Vorteil von Braunkohlekraftwerken ist ihre Flexibilität. Auf die Einspeiseschwankungen der erneuerbaren Energien kann ein Kraftwerk dynamisch reagieren. Jederzeit besteht die Möglichkeit, die Leistung um ein Vielfaches zu steigern oder zu senken. Die Kohle ergänzt hier die erneuerbaren Energien sinnvoll. Andere Energieträger, wie ausländisches Gas oder Steinkohle, lohnen sich aufgrund langer Transportwege, hoher Importkosten und höherer CO2-Emissionen nicht.

Durch die Kohleverbrennung werden enorme Mengen an Kohlestoffdioxid in die Atmosphäre geworfen. Da die Regierung den Auswurf des Treibhausgases in naher Zukunft stark einschränken will, könnte Braunkohle bald nicht mehr rentabel sein.

Aus diesem Grund sind die Tage des Tagebaus gezählt. Ab 2030 soll die Kohleförderung in Garzweiler II sinken, ehe sie 2050 komplett stoppt. Lagerbestände müssen dann genutzt werden, um natürliche Rückgänge von Sonnen- und Windenergie zu kompensieren, bis diese sicher und selbstständig funktionieren.

Dass erneuerbare Energien die Zukunft sind, ist auch RWE bewusst. Pressesprecher Guido Steffen gibt zu, dass der Konzern zu spät in den Markt eingestiegen sei. „Ich bin sicher, dass RWE weiter in die erneuerbaren Energien investieren wird.“ Die Tatsache, dass RWE über Windparks und Solaranlagen verfügt, bestätigt dies.

Im Moment sucht RWE noch seinen Platz in Sachen erneuerbarer Energie. Braunkohle ist ein Generationenprojekt und der Schaden, der durch die Kohleförderung angerichtet wurde, wird lange weder unvergessen noch zu beheben sein. „Tagebau ist eine menschenleere Veranstaltung“, so Guido Steffen, während er über die endlosen Weiten von Garzweiler blickt. Ob in Zukunft aus der Veranstaltung Tagebau eine alte Erinnerung wird, bleibt den Bürgern überlassen.

Bis dahin fressen die Schaufeln weiter.

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