Bert Cremer auf der Annakirmes: Im Kassenhaus aufgewachsen

Von: Gudrun Klinkhammer
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Hans-Bert Cremer hat seit 49 Jahren keine Annakirmes verpasst.
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Hans-Bert Cremer, Chef des Dürener Schaustellerverbandes.

Düren. Ein viel beachtetes Wochenende steht an in Düren: An diesem Samstag wird um 11 Uhr die Annakirmes eröffnet. Das große Volksfest mit rund 160 Kirmesbeschickern, die sich auf einem Platz von circa 50 000 Quadratmetern Fläche verteilen, dauert bis zum 2. August. Bert Cremer ist einer der Beschicker. Er besitzt unter anderem ein Kinderkarussell, an dem sein ganzes Herz hängt.

Auf die Frage, warum er gerade das macht, also ein Karussell betreibt, sagt der Schausteller in sechster Generation: „Ich bin nicht gezwungen worden, aber es stand auch nicht zur Diskussion. Es war einfach selbstverständlich.“ Ein anderes Leben führen? Das kann und möchte sich der 47-Jährige gar nicht vorstellen. Natürlich ist sein Beruf mit Opfern verbunden. Zwischen März und Dezember gibt es, wenn es hoch kommt, vier freie Sonntage.

35 Veranstaltungen werden in der Saison abgeklappert, dazu zählen Großveranstaltungen wie die Annakirmes, der Aachener Bend und das Neusser Schützenfest. Das bedeutet Aufbau, Abbau, Aufbau, Abbau. Der ständige Termindruck frisst manchmal Nerven, und das Leben an den Wochenenden im Wohnwagen ist auch nicht jedermanns Sache. Auf der anderen Seite bedeutet der Beruf Freiheit. Immer wieder neue Menschen, neue Impulse und ein wenig Zigeunerleben.

Als festes Standbein unterhält der Schausteller in Rödingen bei Jülich ein Eigenheim mit Wagenhalle und Werkstatt, das er von den Großeltern übernahm. Speziell im Winter und auch für Reparaturarbeiten wird das Haus genutzt. Cremer: „In Rödingen-Höllen, einem Doppeldorf, lebten vor dem Zweiten Weltkrieg bestimmt 20 Schaustellerfamilien, von denen viele auf der Annakirmes mit ihren Fahrgeschäften standen.“ Nach dem Krieg blieben nur noch die Cremers in diesem Dorf übrig. Inzwischen, freut sich Cremer, zogen wieder neue Schausteller nach Rödingen-Höllen.

Ohne Musik Tränen

Bert Cremer wurde in Jülich im Krankenhaus geboren. Kaum hatte seine Mutter mit ihrem neugeborenen Sohn das Krankenhaus verlassen, ging es auch schon auf die Kirmes nach Roetgen. Kurze Zeit später stand die Annakirmes auf dem Programm. Bert Cremer: „Natürlich ließ meine Mutter mich als Kleinkind nicht alleine im Wohnwagen. Stattdessen wuchs ich in einem kleinen Laufstall im Kassenhäuschen auf. Cremer: „Meine Eltern waren damals noch nicht so mobil, wie wir es heute sind. Meine Schwester und ich fuhren immer mit. Das prägte.“

Spielte tagsüber die Musik, schlief das Kind und war friedlich. Aber wehe, die Musik verstummte am Abend. Cremer: „Dann fehlte mir was, und ich fing an zu weinen.“ Aus diesem Grund, so vermutet der Vater von zwei Kindern, nimmt er den Kirmeslärm heute gar nicht mehr bewusst wahr. Ebenso geht es seiner Ehefrau Franziska, einer geborenen Paulus. Auch sie stammt aus einer uralten Schaustellerfamilie, auch sie erlebte eine ähnliche Kindheit wie ihr Mann.

Im Kassenhäuschen liefen früher keine CDs, sondern LPs. Bert Cremer kann sich noch gut daran erinnern, wie er auf die sich drehenden Langspielplatte kleine Plastikfigürchen stellte und zusah, wie diese kreisten. Cremer: „Meine Eltern wunderten sich in diesen Momenten, warum plötzlich die Musik eierte.“

Schon immer faszinierte Bert Cremer der Aufbau von Fahrgeschäften. So stand er Jahr um Jahr vor der großen Geisterbahn auf dem Annakirmesplatz, beobachtete die Handgriffe der Helfer und baute vieles dann mit Lego oder Pappe nach. Die Fahrgeschäfte bestanden früher aus vielen Einzelteilen und wurden in sogenannten Packwagen verstaut. Sie mussten in mühsamer Handarbeit tagelang aufgebaut werden.

Heute gehen diese Arbeiten in der Regel flotter vonstatten. Cremer, der zwei seiner Karussells 1988 und 1990 in Eigenregie zusammenbaute und mit Lack und Airbrush komplett selber gestaltete, sagt dazu: „Die heutigen Wagen klappt man einfach auseinander, da ist viel Hydraulik im Spiel. Wenn ich will, habe ich mein Karussell in zwei Stunden aufgebaut.“ Auf der Annakirmes zog sich der Aufbau jedoch in die Länge, denn für dieses Ereignis wurde das Karussell auf Hochglanz poliert.

Zu seinem Werdegang sagt Cremer, der nach dem Hauptschulabschluss unverzüglich in das Schaustellergeschäft einstieg: „Kinder, wie ich eines war, werden – glaube ich – offener groß als Kinder in normalen Familien mit stets festem Wohnsitz.“ Seine beiden eigenen Kinder gehen noch zur Schule. Der elfjährige Berti besucht in Jülich das Gymnasium und hat zur Zeit mehr Fußball als Kirmes im Kopf. Die 16-jährige Celina legte gerade den Realschulabschluss ab und möchte jetzt noch das Abitur erlangen. Bert Cremer: „Mal sehen, ob sie ihrem Wunsch, Schaustellerin zu werden, tatsächlich nachkommen kann.“

Einfach zu Hause

Der demografische Wandel, der das ganze Land vor neue Aufgaben und Probleme stellt, geht auch an den Schaustellern nicht spurlos vorüber. Cremer: „ Wir merken zunehmend, dass sich das Freizeitverhalten der Menschen kolossal verändert. Viele Feste, gerade die kleinen, sind schon weggefallen. Nun trifft es langsam auch die Feste in den mittelgroßen Städten.“ Zu viele Freizeitangebote, zu wenig Geld, zu wenig junge Leute.

Trotzdem lässt sich der erfahrene Kirmesspezialist nicht abschrecken, die schönen Momente überwiegen. „Die Atmosphäre, man kennt die Plätze und die Leute, und manche Stammkunden fahren einem auch hinterher bis Simmerath und Heimbach, hier auf der Kirmes bin ich einfach zu Hause.“ Mit 65 Jahren in Rente zu gehen, das kann sich der Schausteller nicht vorstellen. „Wahrscheinlich geht es mir wie meinen Großeltern: Fahren bis zum Gehtnichtmehr.“

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