Bernhard Paul: „Man sieht Frösche, und man muss viel küssen”

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„Es gibt viele Stunden außerhalb der Vorstellungen, in denen wir Wunder wirken müssen”: Bernhard Paul stellte sich im Zirkus Roncalli den Fragen von Studierenden der Fachhochschule Aachen. Foto: Janis Kosarew

Aachen. Auch nach 33 Jahren im Geschäft bewirkt Bernhard Paul, Gründer und Besitzer des Circus Roncalli, noch immer Wunder. Das aktuelle Programm präsentiert er noch bis Ostermontag, 13. April, auf dem Blücherplatz in Aachen.

Im Interview mit Studenten des Studiengangs „Communication and Mediadesign” (CMD) der Fachhochschule Aachen nutzte der 61-Jährige die Gelegenheit und machte nachhaltig Werbung für die Kunstform Zirkus.

Mit Paul sprachen Corinna Leßenich, Carina Leuker, Anja Schlanstedt und Sebastian Becker.

Wie verläuft Ihr Tag? Sind Sie Frühaufsteher?

Paul: Das Leben ist unregelmäßig, und vor allem gibt es nicht den üblichen Rhythmus: Als Arbeitnehmer hat man Urlaub und am Wochenende frei. Man erholt sich von dem, was in der Woche passiert ist. Zwar bin ich sehr viel auf Achse, aber Urlaub oder ein freies Wochenende habe ich nie, denn da spielt man erst recht. Die Regelmäßigkeit besteht darin, dass fast jeden Tag um 15 und 20 Uhr eine Vorstellung stattfindet. Alles andere ist unregelmäßig. Mein Lebensmittelpunkt ist der Zirkus.

Wie läuft Ihr aktuelles Programm, sind Sie zufrieden?

Paul: Ein Zirkusprogramm ist wie der Kölner Dom: Es wird nie fertig. Man bastelt ständig daran herum, und es kommen immer neue Sachen hinzu. So ein Programm braucht einen Feinschliff. Es wird einmal grob zusammengestellt, dann wird es verfeinert. Man darf nie aufhören, es zu verbessern.

Sie sind also ein Perfektionist.

Paul: Ja, leider. Perfektionisten haben kein leichtes Leben. Außerdem bin ich ein Sammler - ein Sammler ist ein armes Schwein. Er hat immer das Gefühl, er versäumt gerade etwas. Ebay hat es auch nicht einfacher gemacht.

Haben Sie einen Sammeltick?

Paul: Die Sammlungen sind Teil meines Lebens. Ich sammle seit meinem ersten Zirkusbesuch, als ich fünf Jahre alt war. Bei der Modenschau Prt-à-Porter in Paris kann man Dinge für den Zirkus entdecken. Ich habe mir dort Kostüme angeschaut, die sind so extravagant - genau richtig für unsere Vorstellung. Das erheitert mich immer. Ich sehe direkt die Parodien davon, denn man kann ja auch alles parodieren. Und umso lustiger oder extremer ein Kostüm, desto eher funktioniert es.

Wie sehr schlägt sich die Sammelleidenschaft in Ihren eigenen vier Wänden nieder?

Paul: Ich lebe in einer Sammlung. Das Bühnenbild des Circus Roncalli besteht aus alten Zirkuswagen. Das ist ein rollendes Museum. Ich lebe nicht mit Ikea-Möbeln. Nichts gegen Ikea - die alten Sachen und Möbel faszinieren mich eben mehr.

Kommen wir zum Programm. Beziehen Sie das Publikum schon immer mit ein?

Paul: Früher war es absolut unüblich, dass das Publikum die Manege betritt. Wir haben mit verschiedenen Künstlern begonnen das Publikum mit einzubeziehen. Dabei achten wir sehr darauf, nie eine Situation zu erzeugen, in der sich das Publikum unwohl fühlt. Wenn wir merken, jemand hat Angst davor, gehen wir gleich zum nächsten weiter. Das spürt man mit den Jahren.

Haben Sie bereits Blamagen mit dem Publikum erlebt?

Paul: Ich habe über 25 Jahre Clown-Nummern gemacht. Einmal kam eine Frau, die wollte unbedingt einen Striptease in der Manege hinlegen, und es war nicht einfach, sie heraus zu kriegen. Es passiert schon so fast alles.

Stichwort Finanzkrise - ist diese für Sie bereits spürbar?Paul: Wir haben sieben Programmhefte weniger verkauft als im Vorjahr. Die Krise hat Aachen erreicht (lacht).

Wie finanziert sich der Zirkus? Welche Kosten entstehen?

Paul: Ich habe einen reichen Onkel in Amerika. Nein, Spaß beiseite. Im Zirkus gibt es die Regel: Wir können nur das Geld ausgeben, das wir haben. Alles was übrig bleibt, nimmt uns das Finanzamt weg. Wir müssen uns überlegen ob wir uns leisten können, einen neuen Vorhang zu bestellen. Denn will man 15.000 Euro ausgeben, muss man 30.000 Euro vorher verdienen. Der Zirkus wird ja nicht subventioniert. Das ist auch in Ordnung.

Wir haben definitiv mit Dingen zu kämpfen, die man so nicht sieht. „Aah, schön, der rote Vorhang, die Musik spielt, und die Clowns sind lustig. Wunderbare heile Welt!” Hinter diesem roten Vorhang gibt es viele Stunden außerhalb der Vorstellungen, in denen wir Wunder wirken müssen und den Wahnsinn der Bürokratie sehen. Die EU hat uns den Vorteil beschert, dass wir jetzt den Pass nicht mehr zeigen müssen. Dafür gibt es jetzt jede Menge anderer wahnsinniger Sachen.

Wie gehen Sie damit um?

Paul: Was wir machen, ist im Prinzip nichts anderes als Showgeschäft. Und Show heißt Schauen. Wir wollen, dass unser Publikum etwas zu schauen hat. Die Leute freuen sich über einen alten Traktor aus dem Jahr 1930, und den verwenden wir dann auch. Aber die Feinstaubverordnung sagt, dass so etwas nicht mehr auf der Straße fahren darf.

Außerdem will die EU jetzt neue Räder mit ordentlichen Bremsen. Manche Zirkuswagen haben aber noch das Untergestell eines Pferdewagens und sind Museumsstücke. Deshalb transportieren wir diese mit der Bahn. Müssen wir nun alle 100 Wagen umrüsten, dann sind wir morgen pleite. Solche Beschlüsse haben wir täglich auf dem Schreibtisch. Heutzutage ist so etwas, wie den Circus Roncalli zu gründen, absolut unmöglich.

Kommen Artisten auf Sie selbst zu, oder suchen Sie diese aus?

Paul: Es ist wie im Märchen: man geht herum und sieht Frösche, und man muss viel küssen. Irgendwann ist der Prinz dabei. Man muss dafür viel suchen.

Erhalten die Artisten einen festen Vertrag für eine Saison?

Paul: Es ist wie bei einer normalen Firma. Sie kriegen einen Vertrag und werden versichert. Wir zahlen Berufsgenossenschaften und Ausländersteuer, weil die Artisten aus der gesamten Welt kommen. Und da merken wir erneut den Wahnsinn der Bürokratie - man benötigt viel zu viele Genehmigungen. Als ich anfing mit dem Circus Roncalli, hatte ich nur einen einzigen Bürowagen. Inzwischen haben wir vier plus zwei Büros in Köln. Da sieht man, wie die Bürokratie gewachsen ist.

Wie viel Werbung machen Sie? Wo liegt Ihr Schwerpunkt?

Paul: Es gab ja früher so ein Reizwort für mich, das hieß: „Betreten des Rasens verboten.” Es gibt jetzt ein neues: „Plakatieren verboten!” Die ersten Plakate, die es auf der Welt gab, waren Zirkusplakate. Früher gab es nur Anschlagzettel, Kupferstiche und geschöpftes Papier.

Heutzutage gibt es zwei große Konzerne, die große Werbetafeln meist zwei Jahre im Voraus vermieten. Da wir die Tournee oft kurzfristig planen müssen, kommt das nicht in Frage. Der zweite Grund ist, dass der Etat für diese Werbeflächen bei 50.000 bis 100.000 Euro liegt: Das kann sich niemand leisten!

Gibt es aufgrund des Zirkussterbens noch Konkurrenz für Sie?

Paul: Nein, aber Konkurrenten zu haben ist eigentlich gut. Als Zirkus alleine zu überleben, ist schwer, da die Infrastruktur zusammenbricht. Wofür soll es eine Zirkuszeltfabrik geben, wenn es nur einen Zirkus gibt, der alle vier Jahre ein neues Zelt benötigt?

Spenden Sie Geld an bettelnde Zirkusleute?

Paul: Nein, sicherlich nicht. Das ist keinen Cent wert. Die Mitleidsmasche wird leider oft verwendet. Leute, die mit einem Lama vor dem Kaufhaus stehen, haben meistens gar keinen Zirkus, sondern nur ein Lama.

Der größte Feind des Zirkus ist der Zirkus - nämlich der schlechte. Es gibt 90 Prozent schlechte Zirkusse. Das ist die Wahrheit! Es gibt Zirkusse, die sind unseriös. Dort gibt es Tierquälerei - das Lama oder das Pferd stehen den ganzen Winter vor dem Kaufhaus.

Wie blicken Sie in die Zukunft? Wird der Zirkus Ihr Hauptstandbein bleiben?

Paul: Die Frage stellt sich nicht wirklich. Der Zirkus ist die Mutter aller Schlachten, und damit begann es. Und es ist mein Lieblingskind und komischerweise auch das meiner Kinder. Nach 33 Jahren hat man ja schon mehrere Generationen erlebt.

Als eine junge Dame irgendwann zu mir kam und wollte ein Autogramm für ihre Mutter haben, da wusste ich, ich werde langsam älter. Zu Beginn war es so, dass die Kinder ihre Eltern mitbrachten, heute bringen die Eltern, die früher als Kind im Zirkus waren, ihre Kinder mit. Das muss am Leben gehalten werden, weil es so schön ist.
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