Bericht unvollständig: Weitere Risse in Tihange 2 möglich

Von: Madeleine Gullert
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Der aktuelle Bericht der belgischen Atomaufsichtsbehörde wonach bei den Untersuchungen 70 neue Risse aufgezeichnet worden waren, sei noch nicht der komplette Bericht. Foto: Andreas Steindl

Brüssel/Berlin. Es könnte noch mehr und größere Risse im umstrittenen belgischen Meiler Tihange 2 geben. Das zumindest befürchten die deutschen und belgischen Grünen (Ecolo). Die jüngsten Ultraschalluntersuchungen des Reaktordruckbehälters sind nämlich nicht vollständig, wie die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC bestätigte.

„Es ist demnach nicht auszuschließen, dass das was letzte Woche an die Öffentlichkeit gekommen ist, nur die Spitze eines Eisbergs ist“, sagte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) unserer Zeitung. Die deutschen und belgischen Grünen stehen in engem Austausch in der Frage.

Ecolo hat mit einer eigenen Analyse der Tests in dem Reaktordruckbehälter begonnen, erklärte der Fraktionsvorsitzende Jean-Marc Nollet gegenüber unserer Zeitung. Bislang seien nur 619 der Risse oder Wasserstoffeinschlüsse abgeglichen worden.

In dem Reaktordruckbehälter befinden sich offiziell 3149. So lautet zumindest das Ergebnis von der vorletzten Untersuchung aus dem Jahr 2014. Wenn allein beim Abgleich von 619 Rissen 70 problematisch sind, sei das kein gutes Zeichen, so Nollet weiter. Auch die Grünen in Deutschland möchten den Bericht selbst bewerten lassen und haben bei der renommierten Materialwissenschaftlerin in Ilse Tweer angefragt, so Krischer.

Die FANC hatte dem Tihange-Betreiber Engie-Electrabel erlaubt, den nur 60 Kilometer Luftlinie von Aachen entfernten Meiler Tihange 2, wieder anzufahren, auch wenn die Auswertung der Ultraschalluntersuchung unvollständig ist, erklärte Sprecherin Mélanie Boulanger gegenüber unserer Zeitung.

Diese partielle Untersuchung beinhalte aber die größten Wasserstoffeinschlüsse und auch jene, die für die Integrität des Meilers am wichtigsten seien. „Der Betreiber muss noch für den gesamten Druckbehälter nachweisen, dass sich keine Risse vergrößert haben“, sagte Boulanger. Wie unsere Zeitung bereits berichtet hatte, fordert die FANC die vollständige Analyse bis September.

Die Atomaufsichtsbehörde und Betreiber Engie-Electrabel hatten am vergangenen Wochenende erklärt, dass die vermeintlich neuen Risse eigentlich nur auf eine andere Kameraposition des Ultraschallgeräts zurückzuführen sind. Es seien zwar neue Wasserstoffeinschlüsse aufgezeichnet worden, andere Risse aus dem Jahr 2014 seien nun aber nicht mehr zu sehen.

„Es ist unfassbar, dass es offensichtlich keine verlässliche Untersuchungsmethode für diese Risse gibt“, sagte Nollet unserer Zeitung. Krischer sieht es ähnlich: „Mir stellt sich inzwischen Frage, ist die Analysen-Grundlage für das Rissthema überhaupt seriös ermittelt?“

Bereits nach Bekanntwerden des Berichts hatte eine Sprecherin des Bundesumweltministeriums gegenüber unserer Zeitung gesagt, dass der Bericht der FANC von deutschen Experten „unverzüglich überprüft“ werde. Das sei noch immer der Fall, sagte die Sprecherin am Donnerstag. Man nehme das Thema sehr ernst.

Die Grünen wollen die Ministerin in die Pflicht nehmen. Man habe für die Regierungsbefragung in Berlin am kommenden Mittwoch Fragen zu dem Thema an die Bundesregierung gestellt und hoffen auf Auskünfte von Barbara Hendricks (SPD), so Krischer. „Hier könnte sie ja mal den Beweis antreten, dass die Nuklear-Kommission mit den Belgiern tatsächlich zu mehr Informationen führt und nicht nur wie jüngst Beruhigungspillen verteilt werden.“

Nollet hat nach seinen Recherchen für den zweiten umstrittenen Meiler Doel 3 bei Antwerpen 578 zusätzliche Risse „gefunden“. Die FANC sprach vergangene Woche von 300 und betonte in dem neuen Dossier, dass sich für Doel die erste mit der umfassenden Analyse decke. Für den Meiler Doel 3 sei dies schon erfolgt.

Engie hatte nachweisen müssen, dass die Reaktoren sicher sind, nachdem die FANC im März 2014 das Abschalten der beiden betroffenen Meiler verfügt hatte. 2012 wurde bekannt, dass es Risse in den Druckbehältern von Doel 3 bei Antwerpen und Tihange 2 gibt. Bei Ultraschalluntersuchungen wurden 8000 dieser Defekte in Doel und 2000 in Tihange entdeckt. Im Februar 2015 korrigierte die FANC die Zahl der Risse nach oben: 3149 in Tihange, 13.047 in Doel.

Engie-Electrabel vertritt seit jeher die Theorie, dass die Risse bei der Herstellung der Reaktordruckbehälter entstanden seien. Kritiker glauben, dass die Risse im laufenden Betrieb entstanden sind und somit ein Sicherheitsrisiko darstellen.

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