„Benno“ und „Otto Hirsch“: Stasi-Spitzel in Aachen

Von: Bernd Mathieu
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Objekte der Stasi-Begierde: Gaststätten und Hotels rund um den Aachener Hauptbahnhof. Foto: BStU
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Die Stasi-Quittung: Der Inoffizielle Mitarbeiter „Peter Lux“ bestätigt die Auszahlung von 49 Mark und 12 Pfennig für „gute operative Leistungen“ beim „7. Aachener fluidtechnischen Kolloquium“ im Eurogress.

Aachen. Die wundersame Welt der Stasi. Die widerliche Welt der Spitzel und der Denunzianten. „Die Stasi war eine Geheimpolizei, sie verfügte über staatsanwaltliche Befugnisse, unterhielt eigene Untersuchungsgefängnisse und hatte jederzeit Zugriff auf die Informationen anderer Einrichtungen in der DDR“, sagt Roland Jahn, der Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU).

Am Mittwoch, 6. Mai, wird im Justizzentrum Aachen, Adalbertsteinweg, eine Ausstellung über die Arbeit der Stasi eröffnet. Und damit über Misstrauen, Kontrolle, Unterdrückung, Bedrohung. Sie dokumentiert auch, dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in Aachen aktiv war. Uns liegen dazu zahlreiche Dokumente aus den Akten vor, die uns vom Bundesbeauftragten vorab zur Verfügung gestellt wurden und die in der Ausstellung zu sehen sein werden.

Es sind Geschichten aus Aachen, die mit der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule, dem Hauptbahnhof und auch dem Zeitungsverlag Aachen zu tun haben.

Der Hauptbahnhof und seine Umgebung standen unter ständiger Beobachtung von Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) der Stasi. Beschäftigte des DDR-Gastronomie- und Hotelbetriebs „Mitropa“ (Mitteleuropäische Schlaf- und Speisewagen Aktiengesellschaft) waren fleißige Informanten der Stasi und berichteten nicht nur über Reisende, sondern auch über Kollegen. Sie sollten herausfinden, ob „Mitropa“-Mitarbeiter im Westen bleiben wollten und welche Kontakte sie zu Aachenern hatten.

Ein „Mitropa“-Mitarbeiter berichtet als IMS (Inoffizieller Mitarbeiter zur Sicherung und Durchdringung eines Verantwortungsbereiches) unter dem Decknamen „Ernst Wilke“ am 29. April 1970 aus dem in diesem Fall nicht namentlich genannten „Mitropa“-Quartier in Aachen: „Die Küchenhilfe erzählte mir kürzlich, daß der Inhaber des Übernachtungsquartiers der MITROPA in Aachen für die MITROPA-Personale Pakete mit von den Personalen gekauften Waren in die DDR schickt.“ Wegen solcher „Gefälligkeiten“ wurde das Hotel später nicht mehr gebucht.

„Otto Hirsch“, ein IMV (Inoffizieller Mitarbeiter mit vertraulichen Beziehungen zur bearbeiteten Person) berichtet am 17. Dezember 1979 weit ausholend über seine Beobachtungen in der Gaststätte „Kö“ am Bahnhof, in der auch DDR-Schaffner verkehren: „Das Lokal wurde vollständig renoviert und macht jetzt einen ruhigen, gediegenen Eindruck. Die Gaststätte hat einen langen Thresen, an dem auf Barhockern ca. 20 Personen Platz finden und 5 Tische für ca. 30 Personen. Es verkehrt dort viel Laufkundschaft, aber auch viele Eisenbahner und DSG-Personale sind dort anzutreffen.“

Die mögliche Bedrohung der DDR wird in zwei Sätzen zusammengefasst: „Aufgefallen ist dem IMV von den Besuchern nur eine ca. 60 jährige männl. Person, die immer auf dem gleichen Platz am Thresen sitzt, meist lt. Wirt 5-6 Bier trinkt und mehrere DM am Spielautomaten verspielt. Besondere Aktivitäten hat diese Person bisher nicht gezeigt.“ Da konnten Stasi-Chef Erich Mielke & Co. ausnahmsweise mal gelassen bleiben.

Keine gute Einstellung

Leutnant Brüning, Stasi-Hauptabteilung XIX, fertigt am 1. August 1978 einen Aktenvermerk an und fasst darin die Angaben des Stasi-Spitzels „Benno“ über ein Hotel am Bahnhof zusammen: „Die Inhaberin ist gebürtige Rheinländerin und schon charakterlich sehr kontaktfreudig und aufgeschlossen. Dem IMV wurde durch den Kellner bekannt, daß – (Name in der Akte geschwärzt) – keine gute Einstellung zur DDR und dem Vertrag mit der Mitropa-Generaldirektion Berlin haben solle. Er soll Offizier der faschistischen Wehrmacht und später Beamter in der BRD gewesen sein.“

Vermerkt sind auch zu ergreifende „Maßnahmen“, darunter: „kurzfristige Analyse des bisherigen Wissens zum Inhaber-Ehepaar“. Einen weiteren Auftrag gab es für die Hauptabteilung XVIII, zuständig für Schutz und Sicherung der DDR-Volkswirtschaft.

Von extrem großen Interesse waren für die Stasi Universitäten und Technische Hochschulen in Westdeutschland. 1985 wirbt die Stasi einen Erfurter Diplom-Ingenieur als Inoffiziellen Mitarbeiter „Peter Lux“ an. Am 19. April erklärt er sich bereit, unter dem Decknamen „Peter Lux“ als IM für die Stasi zu arbeiten. Sein Auftrag: Im Westen unter falschem Namen Kontakte zu Wissenschaftlern aus seinem Fachbereich, der Pneumatik, aufzunehmen. Ihm gelingt es schnell, Kontakte zur RWTH herzustellen und in führende Forscherkreise vorzudringen. In einer Bewertung des Bundesbeauftragten heißt es: „Zwischen 1985 und 1987 liefert er eine Fülle an Informationen. Eine Woche pro Monat ist er in Aachen.“

Operativ interessante Personen

In der Stasi-Akte vom 27. Januar 1987 heißt es: „Aufgrund seiner hohen Fachkenntnis fand er schnell Zugang zu operativ interessanten Personen in der BRD. Bis Februar 1986 gelingt es dem IM, seine Kontakte zur RWTH so auszubauen, dass er ins Institut für Hydraulik eingeladen wurde. Die Aachener Mitarbeiter führen den Stasi-Spitzel in die Versuchshalle und den Computerraum. Weitere Zitate aus der Akte: „Durch das exakte Halten an Instruktionen, die Natürlichkeit des Herangehens gelang es, daß der IM zum 7. Aachener Kolloquium eingeladen wurde. Hier wurde er in den Verein zur Förderung der Forschung von Hydraulik und Pneumatik der RWTH Aachen aufgenommen“, schreibt Oberstleutnant Hausburg in seinem Abschlussbericht zum IM „Peter Lux“.

Der Spitzel selber wundert sich, dass im Aachener Westzipfel alles so reibungslos funktioniert. In der Akte der Abteilung XVIII wird das so formuliert: „Die Reisefrequenz des IM ist seit 9/86 hoch. Jeden Monat fährt er für eine Woche an die RWTH. Er schätzt ein, daß es an Wunder grenzt, noch nicht in das Blickfeld von Polizeiorganen gekommen zu sein ... Im Mai 87 will Prof. (Name geschwärzt) zum Zwecke der Promotion des IMB (Inoffizieller Mitarbeiter Beobachtung) in die DDR kommen. Hier ergeben sich weitere Möglichkeiten der Kontaktvertiefung und des -ausbaus.“

Und weiter: „Durch weiteren zielgerichteten Einsatz gelang es, das Vertrauensverhältnis so zu festigen, daß seitens dieser BRD-Wissenschaftler die Bereitschaft vorlag, die Betreuung seiner Promotion zu übernehmen. Dadurch kann der IM mit freier Bewegung Forschungen in der RWTH realisieren. In diesem Zusammenhang kam er an Informationen, Daten und komplette Softwarepakete heran, die er kopierte und in die DDR brachte. Durch die Erlangung des Softwarepaketes Digitale Simulation hydraulischer Systeme konnten für die DDR Forschungskapazitäten von 4 Jahren und Mittel von über 1 Mio Mark eingespart werden. Weitere Softwarepakete erbringen analoge volkswirtschaftliche Effekte.“

Hohe ökonomische Bedeutung

„Peter Lux“ bekommt nicht nur Geld „für gute op. Leistungen“, sondern die Verdienstmedaille der Nationalen Volksarmee (NVA) in Silber „auf der Grundlage der erreichten Ergebnisse IMB“. Wegen der „hohen ökonomischen Bedeutung“ müsse für die Sicherheit des IM „mehr getan“ werden. „Ab 2/86 wird der IM durch seine Vorgesetzten instruiert und beauftragt. Die Zusammenarbeit mit dem IMB wird eingestellt, um den IM auch bei Konfrontationen mit dem Gegner sicherer zu machen. Diese Verfahrensweise wurde vom stellv. Minister, Gen. Mittig, angewiesen.“ Die RWTH war also in höchsten Regierungskreisen angesiedelt.

Auch Aachener Journalisten gerieten in die Beobachtung und schließlich in die Akten der DDR-Staatssicherheit, darunter der heutige Geschäftsführer des Zeitungsverlages Aachen, Andreas Müller. Er begleitete im April 1988 als Redakteur der „Aachener Nachrichten“ eine Delegation der RWTH mit dem damaligen Rektor Prof. Klaus Habetha an der Spitze. Es ging um eine Zusammenarbeit der TH mit der Technischen Universität Dresden (TUB) – mit offizieller Vertragsunterzeichnung. Größtes Interesse hatte die DDR-Hochschule am Werkzeugmaschinen-Labor (WZL). Noch im selben Monat der Vertragsunterzeichnung wurde ein Oberassistent der TU Dresden in Aachen erwartet.

Beachtenswerte Auszüge

Die Stasi-Akte vom 22. April 1988 dokumentiert die Berichterstattung des Aachener Journalisten aus der Sicht der Feindbeobachtung. „Journalist Andreas Müller. Sein Artikel ist – beginnend bei der Überschrift ,Forschung über Mauer hinweg‘ – äußerst provozierend und eines guten Verhältnis abträglich.“

Dann werden einige „beachtenswerte Auszüge“ aus Müllers Artikel zitiert. Der AN-Redakteur schrieb unter anderem: „So liegen in manchen Bereichen doch scheinbar (technische) Welten zwischen Dresden und der Kaiserstadt. Das Gros der an der Elbe gezeigten Rechner würde in Aachen höchstens im Computermuseum Platz finden. Vor dem Hintergrund des für die RWTH Aachen geforderten Hochleistungsrechners erscheinen die mit Kassettenlaufwerken ausgestatteten Modelle des Kombinates Robotron geradezu prähistorisch. Was verspricht sich also die renommierteste TH Westeuropas von der Kooperation? RWTH-Rektor Prof. Habetha: ,Andersartige Technologien zeigen uns andere Lösungswege für wissenschaftliche Probleme.‘“

Und weiter schreibt Andreas Müller: „ Für bundesdeutsche Studenten dürfte die Arbeit an der Elbe gleichsam interessant wie auch lehrreich sein, zwei bis vier Personen auf einem Zimmer im Wohnheim, Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen, kein Vorlesungsverzeichnis, Betreuung durch die Partei, Unterrichtung in Marxismus und Leninismus.“

Im Hotel „Bellevue“

So viel Kritik und Ironie stellten für den Arbeiter- und Bauernstaat offensichtlich eine enorme Bedrohung dar. Und so endet der Eintrag in der Akte mit der klaren Konsequenz: „Es sollte veranlaßt werden, daß der BRD-Journalist Andreas Müller bei eventuellen weiteren Einreisen offizieller Delegationen nicht wieder als Journalist zur Berichterstattung über die TUD zugelassen wird!“

Auch Fotos sind Bestandteil der Akte. Auf einem Bild ist Müller mit einer Kollegin der damaligen „Aachener Volkszeitung“ zu sehen. Darunter der Text: „Journalisten aus der BRD, welche die Aachener Delegation begleiten und im Hotel ,Bellevue‘ wohnten.“ Was für eine sensationelle Erkenntnis!

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