Belegschaft sauer über Pryms Autofest

Von: René Benden, Jürgen Lange und Rudolf Teipel
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Mercedes 500 K Spezial Roadster und Firmensitz: 57 Mitarbeiter sollen ihren Arbeitsplatz verlieren. Das verkündete Prym am Mittwoch. Freitag wurde die Rückkehr des Familien-Mercedes gefeiert. Foto: Lange/Redaktion
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Mercedes 500 K Spezial Roadster und Firmensitz: 57 Mitarbeiter sollen ihren Arbeitsplatz verlieren. Das verkündete Prym am Mittwoch. Freitag wurde die Rückkehr des Familien-Mercedes gefeiert. Foto: Lange/Redaktion

Stolberg/Aachen. Einen Moment voller Stolz und ungetrübter Freude hatte die Familie Prym eingeplant. Über 70 Jahre nachdem Amerikaner in den Wirren des 2. Weltkrieges einen Mercedes 500 K Spezial Roadster aus dem Besitz der traditionsreichen Stolberger Unternehmerfamilie gestohlen hatten, war der Wagen zu seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgekehrt.

Michael Prym hatte im langwierigen juristischen Kampf um das Auto seines Großvaters schließlich die Oberhand behalten und holte den seltenen Mercedes zurück nach Hause. Sein Wert: mehrere Millionen Euro. Freitag war der Moment gekommen, in dem das familiäre Schmuckstück in einem kleinen Festakt handverlesenen Gästen in Aachen vorgestellt wurde. Doch nur wenige Kilometer entfernt, in Stolberg, wo noch immer der Hauptsitz der heutigen Prym-Unternehmensgruppe liegt, wurde das Fest als Affront gegen die Prym-Belegschaft gewertet.

„Abslout kein Verständnis“

Denn nur zwei Tage zuvor, am Mittwoch, hatte die Geschäftsführung von Prym angekündigt, die Arbeitsplätze von 57 Mitarbeitern der Sparte „Fashion“, die Applikationen für Bekleidung herstellt, abzubauen. Grund: Der Standort Stolberg sei zu teuer. Ein Teil der Produktion soll ins Ausland verlagert werden, wo es billiger ist. „Wir müssen Kosten reduzieren, um langfristig erfolgreich zu sein“, hatte Prym-Geschäftsführer Jens Waldau diesen Schritt begründet.

Bei der Prym-Belegschaft und den Gewerkschaften hat man kein Verständnis für die Entlassungen, weil es der Unternehmensgruppe nach wirtschaftlich schwierigen Jahren wieder besser geht. Dass aber ausgerechnet jetzt auch noch bei Familie Prym ein Auto gefeiert wird, lässt viele in der Belegeschaft kopfschüttelnd zurück. Zwar ist Michael Prym schon seit 2005 nicht mehr am operativen Geschäft der Unternehmensgruppe beteiligt und der wertvolle Mercedes Teil seines Privatvermögens. Als Anteilseigner sind er und seine Familie aber immer noch Gesellschafter der Prym-Gruppe. Und aus diesem Grund „habe ich absolut kein Verständnis dafür, dass Familie Prym ein für Normalbürger absolut unerschwingliches Auto präsentiert, während das Unternehmen plant, die Existenz von 57 Angestellten zu gefährden“, sagt Martin Peters, der 1. Bevollmächtigte der IG Metall Stolberg-Eschweiler.

Die feierliche Autopräsentation könnte nun bei den Prym-Angestellten wie ein Katalysator wirken, der die Gemüter bedenklich erhitzt. Denn die Belegschaft fürchtet, für ihren Verzicht, den sie in den zurückliegenden wirtschaftlichen schwierigen Jahren geübt hat, nun nicht angemessen geachtet zu werden. Wegen illegaler Preisabsprachen war die Prym-Gruppe in zwei unterschiedlichen Verfahren von EU-Gerichten im Jahr 2007 zur Zahlung von beinahe 70 Millionen Euro verurteilt worden. Zwar wurden die Strafen im Zuge von Einspruchsverfahren reduziert. Doch insgesamt blieben 42 Millionen Euro Strafe, die das Stolberger Familienunternehmen zahlen musste. Das gelang nicht zuletzt auch durch Gehaltsverzicht der Mitarbeiter.

Diese schwierige Phase hat die Prym-Gruppe hinter sich gebracht. Allerspätestens mit der im August 2015 komplett abgeschlossenen Refinanzierung des Unternehmens spiele „diese alte Sache“ keinerlei Rolle mehr für die Unternehmensgruppe, die insgesamt wieder gut dastehe, sagt Geschäftsführer Waldau. Das ändere aber nichts daran, dass die Sparte „Fashion“ das Sorgenkind der Unternehmensgruppe bleibe und dort die Kosten reduziert werden müssten – mit dem Abbau von 57 Arbeitsplätzen.

Gewerkschafter Peters und der Prym-Betriebsratsvorsitzende Werner Cryns zweifeln an dieser Darstellung. „Das operative Ergebnis bei ‚Fashion‘ ist positiv“, sagt Peters. Michael Prym widerspricht dem: „Ich weiß nicht, ob Herr Peters absichtlich oder unabsichtlich ungenau in seinem Statement ist. Fakt ist, dass Prym ‚Fashion‘ in den vergangenen zehn Jahren nie in den schwarzen Zahlen war, sondern von ‚Inovan‘ und Prym ‚Consumer‘ quersubventioniert wurde. Vergangenes Jahr gab es von der Geschäftsführung ein konkretes Angebot an den Betriebsrat, Prym ‚Fashion‘ wieder in die schwarzen Zahlen zu überführen. Dieses Angebot hat der Betriebsrat abgelehnt.“

Geschäftsführer Waldau ergänzt, dass „Fashion“ seit 1998 lediglich 2002 einen minimalen, fünfstelligen Jahresüberschuss ausgewiesen habe. Bei allen anderen Jahresergebnissen seien durchweg Verluste, nicht selten in Millionenhöhe, zu verschmerzen gewesen. Es müssten nun dringend neue Konzepte greifen. „Es bleibt bei dem Abbau der 57 Arbeitsplätze“, sagt Waldau, der aber auch Gesprächsbereitschaft gegenüber den Arbeitnehmern signalisiert. Für die dann verbleibenden Arbeitsplätze bei „Fashion“, also für rund 170 Beschäftigte, bestehe die Möglichkeit, erneut über eine Arbeitsplatzgarantie zu verhandeln. Das hatte Waldau der Belegschaft von „Fashion“ bereits 2015 angeboten. Allerdings nur unter der Bedingung, dass sich die Beschäftigten mit Löhnen unterhalb des Tarifvertrags zufrieden geben. Michael Prym unterstützt die Geschäftsführung, denn sie müsse die Überlebensfähigkeit des gesamten Unternehmens im Blick haben.

Appell an die Tradition

Dass dies das letzte Wort im Streit um den Arbeitsplatzabbau ist, darf angezweifelt werden. Martin Peters hat bereits angekündigt, alle Möglichkeiten auszuloten, um gegen den Stellenabbau vorzugehen. Außerdem appellierte er an die Traditionen im Hause Prym: „Die Familie Prym steht in Stolberg dafür, als Unternehmer stets mit großer sozialer Verantwortung gehandelt zu haben. Ich hoffe, dass sich die Familie dieses Renommee erhält.“

Dass Familie und Tradition bei den Pryms einen großen Wert besitzen, davon darf ausgegangen werden. Sonst hätte Michael Prym gewiss nicht so lange um den Mercedes seines Großvaters gekämpft.

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