Wageningen - Bei vielen Ratten wirkt das Gift nicht mehr

Bei vielen Ratten wirkt das Gift nicht mehr

Von: Ulrich Simons
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Der niedliche Eindruck täuscht: Die Wanderratte ist ein übler Schädling und Krankheitsüberträger. Foto: imago/blickwinkel

Wageningen. Es gibt vermutlich nicht viele Menschen, die über solche Post begeistert wären: Seit Monaten erhält Bastian Meerburg aus allen Teilen der Niederlande kleine Plastiktütchen. Der Inhalt: Rattenkot. Doch der Schädlings­experte von der Uni Wageningen westlich von Arnheim freut sich.

Schließlich hatte er im August vergangenen Jahres die ungewöhnliche Aktion selber angestoßen: „Wir haben bisher mehr als 260 Proben erhalten und davon rund 200 bereits analysiert.“ Das aktuelle Ergebnis findet man im Internet unter www.bruinerat.nl/resultaten.html in einer Karte dargestellt.

Worum geht es? Jahrzehntelang hatten Schädlingsbekämpfer bei ihrem Einsatz gegen Ratten mit den gleichen Mitteln Erfolg. Mit Hilfe sogenannter Antikoagulantien (Blutverdünnern) rückten sie den braunen Nagern auf den Pelz. Der todbringende Wirkstoff, in Ködern versteckt, hat eine wichtige Eigenschaft: Weil Ratten bei einer neuen Nahrungsquelle erst einmal unvorsichtige Jungtiere als „Vorkoster“ losschicken und der Rest des Rudels abwartet, ob diese das Futter auch vertragen, darf das Gift nicht sofort wirken. Es setzt daher zeitverzögert die Gerinnungsfähigkeit des Blutes herab, die Adern werden porös, und die Ratten verbluten innerlich nach fünf bis zwölf Tagen.

Der Tod des Artgenossen wird von den anderen Tieren dann nicht mehr mit dem aufgenommenen Futter in Verbindung gebracht, und die Ratten verlieren ihr Misstrauen. Doch auch die inzwischen dritte Generation dieser Rattengifte stößt immer häufiger an ihre Grenzen. Dort nämlich, wo Ratten nicht mehr auf die bewährten Substanzen reagieren, weil sie inzwischen unempfindlich gegen das Gift geworden sind.

Was als Gen-Defekt einiger weniger Tiere begann, könnte sich zur Lawine ausweiten: Die nicht-resistenten Ratten werden vom Gift dahingerafft, die Mutanten geben die Gen-Information mit rasender Geschwindigkeit an die nächste Generation weiter. Um die „Lawine“ etwas zu präzisieren: Ein Rattenpaar kann im Jahr zwischen 800 und 1000 Nachkommen haben, Lebenserwartung anderthalb bis zwei Jahre.

Vor allem an der Grenze

Es ist ein einziges verändertes Gen im Erbgut der Schädlinge (DNA), das immer mehr Ratten in den Niederlanden unangreifbar macht. Diese sogenannte Punktmutation ist auch im Kot der Tiere nachweisbar, was sich die Forscher in Wageningen zunutze machen.

Vor allem in der niederländischen Provinz Gelderland und in der Region Twente läuft die Mutation bestens. Zumindest aus Sicht der Tiere. Aus diesen Landstrichen an der niederländisch-deutschen Grenze gab es ausschließlich Kotproben von resistenten Ratten. Weiter im Süden waren nur noch die Proben aus den Postleitzahlenbereichen Venlo, Weert und Roermond derart eindeutig.

Auf deutscher Seite scheint dagegen alles ruhig. Norbert Schiefke, Leiter des Ordnungsamtes in Wassenberg, wenige Kilometer von Roer­mond entfernt: „Dazu ist mir nichts bekannt. Von unserem Schädlingsbekämpfer, mit dem wir seit Jahren zusammenarbeiten, haben wir noch keine entsprechende Meldung bekommen.“

Auch das Julius-Kühn-Institut in Münster kann im Westen von NRW bisher keine Funde vermelden. Erst im Ruhrgebiet und weiter östlich in Niedersachsen wurden resistente Ratten geortet.

Das müsse aber nicht bedeuten, dass für die übrigen Regionen Entwarnung gegeben werden könne, stellt Instituts-Mitarbeiterin Alexandra Esther klar. Es habe nur lange keine Proben aus dem äußersten Westen des Landes mehr gegeben. Daher sei die Karte im Internet nur eine Übersicht von Funden in Resistenzproben seit 1999 und nicht die Darstellung systematisch gewonnener Untersuchungsergebnisse.

Was wiederum daran liegen könnte, dass die Vorgaben auf deutscher Seite etwas spezieller sind als bei unseren Nachbarn. So kann man in Münster derzeit nur mit „Rattenschwanzspitzen in Alkohol“ etwas anfangen. Zudem dürfen die Tiere nicht vergiftet, sondern müssen mit einer Schlagfalle erlegt worden sein. Das bringe genauere Ergebnisse, sagt Alexandra Esther. Darüber hinaus fehlten für intensivere Studien die entsprechenden Voraussetzungen: Auf „drei Jahre lang rund 200 000 Euro“ präzisiert die Wissenschaftlerin den Bedarf.

Die niederländische Variante „Plastiktütchen mit Rattenkötteln“ klingt irgendwie unkomplizierter. Weshalb die Münsteraner jetzt auch an Analyseverfahren auf der Basis von Kotproben arbeiten.

Wie viele Ratten es in den Niederlanden gibt, kann Bastian Meerburg noch nicht einmal schätzen. Niemand führe über so etwas eine Statistik. Doch eins weiß er genau: Vor allem in den Städten wird ihre Zahl zu einem immer größeren Problem.

Ursache: Mangelnde Hygiene

Einer der Gründe für die Verbreitung: Die Menschen nehmen es mit der Sauberkeit nicht mehr so genau, oder denken einfach nicht nach. Vogelfutterstellen am Boden im Garten sind eben nicht nur eine Freude für die Piepmätze, sondern auch für Ratten leicht erreichbar.

Schädlingsbekämpfer Hans Simons, seit Jahrzehnten in der Stadt Aachen und der Region auf Rattenjagd, nennt noch eine andere Unsitte: Immer häufiger sei zu beobachten, dass Müll- und gelbe Säcke schon am Abend vor der Leerung vor die Tür gestellt werden. Doch was für die Menschen Abfall ist, ist für die Allesfresser kaltes Büffet. Von achtlos weggeworfenen Speiseresten in Parks und Grünanlagen gar nicht zu reden. Das reinste Schlarattenland.

Weshalb neue Wege bei der Schädlingsbekämpfung so wichtig sind, erläutert Bastian Meerburg an einem Beispiel aus den Entwicklungsländern: „Wenn es gelingt, dort die Anzahl der Ratten und Mäuse um nur fünf Prozent zu reduzieren, retten Sie damit Nahrungsmittel für 300 Millionen Menschen. Das ist ein Drittel aller Menschen, die weltweit Hunger leiden.“

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