Begegnung mit Eseln: Durch die Tiere lernen, sich selbst zu verstehen

Von: Katharina Menne
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Auge in Auge mit Esel Arthur: Birgit Kallenberg aus Rurberg hat „Donkability“ gegründet und organisiert Begegnungen und Coachings mit ihren beiden Eseln. Die Idee kam ihr während eines Urlaubs auf der griechischen Insel Korfu. Foto: Katharina Menne

Simmerrath. Ein lautes „Iiii-Aaaah“ zerreißt die Stille am Rursee. Es klingt ein bisschen so, als würde jemand auf einer rostigen Gießkanne trompeten. Doch der Schrei kommt von Eselwallach Arthur. Vor wenigen Minuten noch schaute er neugierig und mit aufmerksam gespitzten Ohren in der Gegend umher.

Jetzt können er und Eselstute Melodie es plötzlich kaum noch erwarten, endlich spazieren gehen zu dürfen. Denn dafür kommt man zu Birgit Kallenberg nach Simmerath-Rurberg: um den beiden gutmütigen, grauen Eseln zu begegnen, mit ihnen spazieren zu gehen oder sie verstehen zu lernen.

„Wer den Esel versteht, versteht am Ende sich selbst besser“, sagt die 36-Jährige. Davon sei sie überzeugt. Deshalb bietet sie neben gemütlichen Spaziergängen auch Esel-Coachings an. Durch die Kooperation mit dem Tier lerne man viel über sich und seine eigenen Grenzen, sagt sie. Man übe sich in Geduld und lerne, sich aufeinander einzulassen. Auch mit konkreten Fragen zur eigenen Persönlichkeit kann man zu „Donkability“ kommen – das Kunstwort setzt sich zusammen aus den englischen Begriffen „donkey“ für Esel und „ability“ für Fähigkeit. Führungsqualitäten, aber auch mangelndes Selbstbewusstsein treten während der Interaktion mit den Eseln schnell an die Oberfläche.

Denn Esel machen nichts ohne Grund. Halten sie es für sinnlos, sich zu bewegen, bleiben sie stehen. Druck erzeugt beim Esel Gegendruck und mit Zwang erreicht man bei ihm gar nichts. „Sie halten uns den Spiegel vor, ohne zu bewerten oder zu verurteilen“, sagt Kallenberg. Denn Esel denken für sich selbst und treffen eigene Entscheidungen. Sie folgen nicht kopflos einem Leittier wie Pferde und lassen sich daher auch nicht dressieren. Deshalb gelten Esel oft als dumm, störrisch oder faul, als „Pferd des armen Mannes“. Doch spätestens während eines Besuchs bei den beiden Eseln von „Donkability“ ist es an der Zeit, diese Vorurteile zu überdenken.

Esel als Haustiere – das ist ungewöhnlich. „Da wird man auch gerne mal schief für angeguckt“, erzählt die gebürtige Stuttgarterin. Doch manchmal gebe es Entscheidungen, die man nicht bewusst treffe. „Die Esel haben mich gefunden und jetzt gehören wir zusammen“, sagt sie. Begonnen hat die ganze Geschichte mit den Eseln in einem Urlaub auf der griechischen Insel Korfu. Zusammen mit ihrem Mann besuchte sie dort die „Corfu Donkey Rescue“, eine Auffangstation für alte, verletzte oder ausgesetzte Esel. Nach einem gemütlichen Spaziergang war es um sie geschehen. Esel faszinierten sie schon immer, warum also nicht welchen ein neues Zuhause geben?

Also übernahm sie zusammen mit ihrem Mann vor drei Jahren die beiden Jungtiere Arthur und Melodie vom deutschen Noteselhilfe-Verein. Seitdem wohnen die beiden im Garten hinter dem Haus am Rursee. „Es ist eine wunderbare Esel-Mensch-WG“, schwärmt sie. Bereut habe sie diese Entscheidung jedenfalls nie. Und da ihr schnell klar war, dass sie ihre Erfahrungen teilen möchte, kam sie auf die Idee mit „Donkability“. Das stellte sie allerdings vor die Frage, auf welche Füße man ein kleines Unternehmen stellen könnte, das Eselbegegnungen und -coachings anbietet. Die studierte Geografin orientierte sich zwar schon früh in Richtung Umweltbildung und Erlebnispädagogik auf freiberuflicher Basis und leitete Feriencamps und andere Outdoor-Aktivitäten mit Kindern und Erwachsenen, konnte aber abseits von diversen Zertifikaten keine fundierte pädagogische Ausbildung vorweisen.

Die Überlegungen führten sie schließlich zu Dorothea Maaß in die Beratung zur beruflichen Entwicklung. Rund 125 Beratungsstellen in ganz Nordrhein-Westfalen beraten Berufsrückkehrer oder Menschen, die sich beruflich neu orientieren wollen, kostenfrei und individuell bei Gründungsideen oder zu Fortbildungsangeboten. Welches Ziel soll erreicht werden? Welche Fähigkeiten sind schon vorhanden, und welche muss man sich noch aneignen? Welche Hürden gilt es zu bewältigen? „Ich bin Motivator, und ich bin Coach. Ich hole durch viele Fragen auch Verstecktes an die Oberfläche und durch das Netzwerk, auf das ich zurückgreifen kann, finde ich für viele Anliegen eine Lösung“, sagt Maaß, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Region Aachen Zweckverband beschäftigt ist. Das Programm wird vom Land NRW mit Mitteln des Europäischen Sozialfonds finanziert.

Aufgrund der Beratung begann Birgit Kallenberg 2014 ein Fernstudium „Erwachsenenbildung“ an der TU Kaiserslautern. Parallel dazu besucht sie seit über zwei Jahren eine Eselschule, in der sie alles über Haltung und Pflege, aber vor allem über den richtigen Umgang mit Eseln lernt. „Die Entschleunigung, die ein Leben mit Eseln mit sich bringt, tut mir und meinem Mann gut. Die Bedeutung von Zeit in der Esel- und in der Menschenwelt unterscheiden sich. Man lernt, Sachen langsam zu machen und im Hier und Jetzt zu leben“, sagt sie. Arthur und Melodie wackeln währenddessen mit ihren Ohren – es scheint fast so, als würden sie zustimmend nicken.

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