Beeinflusst RWE Schüler?

Von: Madeleine Gullert
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Diskussionen um Lobbyismus in Schulen unterstützt er: Sebastian Ackermann von RWE wirft Lobbycontrol aber eine Kampagne vor. Foto: RWE

Aachen. Kampagne oder berechtigte Kritik? Die Initiative Lobbycontrol hat dem Energiekonzern RWE am Donnerstag in Essen 26377 Unterschriften überreicht. Damit protestiert die Verbraucherinitiative gegen Aktivitäten des Konzerns an Schulen, insbesondere gegen zwei Kooperationen im rheinischen Revier.

RWE solle Lobbytätigkeiten an Schulen beenden, so die Forderung von Lobbycontrol. „Die Schulen sind unterfinanziert und gehen deshalb auf Angebote von Konzernen ein“, sagte Felix Kamella von Lobbycontrol gegenüber unserer Zeitung. Das nutzten große Firmen. 16 von 20 der umsatzstärksten Unternehmen in Deutschland stellen Unterrichtsmaterial zur Verfügung, kritisiert Kamella. Materialien gibt es etwa von VW oder Ritter Sport.

RWE stellt Lehrern Informationen zum Thema Energie zur Verfügung und sponsert Butterbrotdosen. Außerdem gibt es zwei Kooperationsverträge mit Realschulen im rheinischen Revier. Die Kooperationen besteht in Bergheim seit 2008, in Niederaußem seit 2003. Der Vertrag beinhaltet Praktikumsmöglichkeiten für Schüler, es gibt Technikkurse im RWE-Ausbildungszentrum in Niederaußem und Informationen zur Berufswahl. Lobbycontrol kritisiert, dass Konzerne so Werbung in die Schulen tragen. Evonik und Exxon haben auch solche Verträge geschlossen.

Laut RWE steht in dem Vertrag lediglich: „RWE soll den Schülern im Verlauf der Schulzeit als Partner der gewerblich-technischen und kaufmännischen Arbeitswelt begegnen.“ Werbung für den Konzern werde nicht gefordert, sagte Unternehmenssprecher Sebastian Ackermann auf Anfrage. Er ist bei RWE für Schulprojekte verantwortlich.

Lobbycontrol hingegen sagt, dass die Schulen sich dazu verpflichten, für RWE zu werben. Der Initiative lägen Verträge vor. Diese sähen unter anderem vor, dass die Schulen Hinweistafeln im Eingangsbereich aufstellen müssten. Das ist nie geschehen, zu Recht. Denn: In NRW gilt laut Schulministerium der sogenannte Beutelsbacher Konsens mit dem Prinzip des „Überwältigungsverbots“. „Was in der Gesellschaft kritisch diskutiert wird, muss auch in der Schule und im Unterricht kritisch dargestellt und behandelt werden“, sagte Ministeriumssprecherin Barbara Löcherbach. Dafür trügen die Lehrkräfte die Verantwortung.

„Die Schule schließt diese Verträge eigenverantwortlich“, sagt Bodo Klein, Sprecher der Bezirksregierung Köln. Wenn Verträge Passagen beinhalten, die Werbung einfordern, seien diese wegen des entsprechenden Verbots im Schulgesetz unwirksam, erklärt Klein. „Wenn es etwa um Praktika geht, sind diese Kooperationen zum Vorteil der Schüler.“

Auch Ackermann betont, dass RWE sich in der Verantwortung sehe, jungen Menschen im Revier Perspektiven zu bieten. Die Unterrichtsmaterialien seien ausgewogen und würden von den Schulen angefordert – nicht andersherum. Sie beinhalten Informationen zum Energiemix, auch erneuerbare Energien kommen vor. Das ist laut Ackermann mit dem NRW-Schulministerium abgestimmt.

Lobbycontrol sieht aber Arbeitsblätter, auf denen eine 14-jährige Julia von der Umsiedlung ihrer Familie berichtet, kritisch. „Die neue Sporthalle ist übrigens auch viel besser als die alte, und der Tagebaubetreiber finanziert noch viele weitere tolle Projekte, die unser neues Dorf schöner machen sollen“, heißt es in einem Arbeitsblatt aus der Reihe „Braunkohle im rheinischen Revier“.

Was sie nutzen, könnten die Schulen schon selbst entscheiden, sagt Ackermann. „Für wie doof halten wir Lehrer? Sie betrachten Materialien kritisch.“ Generell respektiere er die Arbeit von Lobbycontrol, doch RWE betreibe keinen Lobbyismus. Die Fakten müssten stimmen. Beispiel Butterbrotdosensponsoring. „Da steht seit Jahren der Name RWE nicht drauf“, sagt Ackermann. Dem Vater einer achtjährigen Tochter ist bei dem Gedanken, dass Kinder für Werbung missbraucht werden, nicht wohl. Ackermann wirft Lobbycontrol im Gegenzug vor, dass sie die durchaus wichtige Diskussion um Braunkohle nun auf dem Rücken der Kinder austrage.

„Es gibt tatsächlich gute Unterrichtsmaterialien“, sagte die Landesvorsitzende der GEW, Dorothea Schäfer. Schäfer, selbst Physiklehrerin, habe schon vor Jahren Videos von BASF oder Bayer geschickt bekommen. „Die Schule muss allerdings genau prüfen, wie objektiv diese Materialien sind und ob es nicht eine versteckte Produktwerbung gibt. Wenn die Bundeswehr in Schulen geht, sehe ich die Gefahr der einseitigen Darstellung und Werbung in jedem Fall.“ Lehrer seien geeigneter, um über die Sicherheitspolitik zu informieren. Auch wenn Capri-Sonne in Grundschulen für gesunde Ernährung Aktionen mache, sei das kritisch zu sehen.

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