Baumeister Karl Friedrich Schinkel: „Irgendwie preußisch“

Von: Andrea Zuleger
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Auch das Theater trägt Schinkels Handschrift. Foto: Harald Krömer
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Karl Friedrich Schinkels wichtigster Entwurf in Aachen ist der Elisenbrunnen. Foto: Michael Jaspers

Region. Das Theater, das alte Aachener Regierungsgebäude direkt daneben und der Elisenbrunnen: Es sind nicht mehr als drei Gebäude, die der Architekt Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) in Aachen – zum Teil und auch nur als Co-Entwerfer – hinterlassen hat. Warum man den Berliner Baumeister, der morgen vor 175 Jahren starb, trotzdem kennen sollte.

Etwas Biografisches: Karl Friedrich Schinkel wurde 1781 in Neuruppin geboren. Der Vater starb früh, die Mutter zog mit den fünf Kindern nach Berlin und lebte ärmlich. Karl Friedrich sah als Jugendlicher eine Ausstellung des damals angesagten Architekten Friedrich Gilly und beschloss, Baumeister zu werden. 1799 wurde er Student an der neu gegründeten Berliner Bauakademie.

Auf sein Talent wurde Wilhelm von Humboldt aufmerksam und vermittelte ihm einen Job bei der Berliner Baudeputation (später wurde er deren Chef). „Dort gingen alle Entwürfe von öffentlichen Bauten in Preußen über seinen Tisch. Er veränderte auch gerne eingereichte Entwürfe“, sagt Schinkelkenner Christian Raabe, Professor für Denkmalpflege und Historische Bauforschung in Aachen.

Auf diese Art zeigen auch viele Gebäude, die nicht von ihm stammen, seine Handschrift. Nach ihm wurde die Schinkelschule benannt, mehrere Generationen von Architekten standen unter seinem stilbildenden Einfluss.

Über seinen Charakter: Heute würde man ihn als Workaholic bezeichnen. („Gestorben ist er wahrscheinlich an Überarbeitung“, sagt Raabe.) Er hatte viele Talente und arbeitete als Architekt, aber auch als Maler, Bühnenbildner und Grafiker. Vor allem in der frühen Phase hat er viel gemalt: „Während der Napoleonischen Kriege gab es ja nicht so viel zu bauen“, meint Raabe. Obwohl er so eine beachtliche Karriere hinlegte, wird er in Briefen als freundlicher, tugendhafter und bescheidener Mann beschrieben: „Irgendwie preußisch und eher nicht exzentrisch“, so Raabe.

Was er in Aachen baute: Maßgeblich beteiligt war er in Aachen an den Entwürfen des Theaters, des alten Regierungsgebäudes (Theaterplatz 14, heute Sitz des Hochschularchivs der RWTH Aachen) und des Elisenbrunnens. Nur der Elisenbrunnen ist ein reiner Schinkel-Entwurf. Das Theater und das Regierungsgebäude stammen von dem Aachener Architekten Johann Peter Cremer. Dessen Pläne wurden von Schinkel umgearbeitet.

Was das Besondere daran ist: Schinkel hat einen Dreiklang aus Kultur (Theater), Verwaltung (Regierung) und Natur (Elisenbrunnen) in der Innenstadt inszeniert und damit auch das neue Selbstverständnis des Bürgertums gezeigt. Auch wenn das Theater heute verändert ist, verwundert doch immer noch die Monumentalität des Gebäudes, wenn man die Theaterstraße herunterfährt.

Die Quellfassung am Elisenbrunnen ist ein eigenes architektonisches Thema, das wir auch bei vielen anderen Kulturen in besonderer Ausformung finden. „Den Zugang zur Quelle hat er in Aachen richtig inszeniert. Die großen Säulen sind wie ein Vorhang, hinter dem sich das Archaische verbirgt. Im Original war das so, dass es eine Treppe hinunter gab. Das ist auch eine romantische Vorstellung: Der Mensch, der zur Urgewalt der Quelle hinuntersteigt. „Für mich ist der Elisenbrunnen ein wichtiges Gebäude von Schinkel“, sagt Raabe.

Was Schinkel auszeichnet: Schinkel hat den Klassizismus und später den Historismus in Preußen entscheidend geprägt. Er bezieht sich in seinen Entwürfen auf die Architektur der Antike, aber auch auf das Menschenbild einer freien Gesellschaft. Architektonisch sind seine Gebäude klar und einfach. Es geht ihm um die Harmonie von stehenden und liegenden Anteilen, von Säulen und Gesimsen, das Gleichgewicht zwischen Horizontale und Vertikale.

Was Klassizismus ist: Der Klassizismus entsteht aus einer Begeisterung für die Antike. Die Architektur besinnt sich auf Bauformen der Antike, auf die klare Form. In der Mitte des 18. Jahrhunderts werden in Italien die alten Schriften der Antike wiederentdeckt. Zum Beispiel die Schriften des Vitruv, des einzigen antiken Architekturtheoretikers.

Es ist auch die Zeit der großen Expeditionen, es entsteht eine Art Geschichtswissenschaft. Pompeji wird entdeckt und ausgegraben, in Rom bestaunt man die antiken Tempel. Mit der griechischen Antike verehrt man das Ideal einer vermeintlich freien Gesellschaft. Chrstian Raabe: „Man merkte erstaunt, was die antike Gesellschaft alles schon hatte: Bäder, Theater und eine diskutierende, philosophierende Gesellschaft.“

Klassizismus heute: eine zweischneidige Sache. Einerseits würdigt man die Gebäude des Klassizismus, andererseits sehen isolierte Elemente – also etwa der antike Portikus mit Säulen vor dem Eigenheim – deplatziert aus. Ein markantes Beispiel erzählt Christian Raabe von einem Architekten, der vor einigen Jahren in seinem Büro in Berlin arbeitete: „Er zeichnete aus einem Buch Schinkel-Gesimse ab und faxte die irgendwohin. Als ich ihn fragte, wohin er die Zeichnungen schicke, sagte er, an einen Architekten-Freund, der in Dubai arbeitete. Da werden auf künstlichen Inseln Betonkästen gebaut, an die dann ein paar Schinkel-Ornamente angeklebt werden.“

Was heute an Schinkel interessant ist: Auch 200 Jahre nach seinen Arbeiten haben Schinkels Gebäude noch Bestand. Schinkel lieferte mit ihnen eine neue Art Stadtprogramm. Bis dahin waren auf den Hauptplätzen jeder Stadt Rathaus und Kirche angesiedelt.

„Unser mitteleuropäisches Ideal sind ja die italienischen Städte, Siena, Pienza mit ihren Plätzen mit den Kirchen. Das macht Schinkel etwa beim Berliner Gendarmenmarkt anders: Er stellt nicht mehr die Kirche in die Mitte, sondern das Theater, also die bürgerliche Kultur, und die beiden Dome stehen rechts und links daneben. Im Zentrum steht also plötzlich die bürgerliche Kultur“, erklärt Raabe.

Was Schinkel sonst so gebaut hat: Den Schwerpunkt seiner Arbeit kann man in Berlin und Potsdam sehen. Neue Wache, Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, Schlossbrücke (Berlin-Mitte), Schloss Tegel (vollständige Umgestaltung für Wilhelm von Humboldt), Luisenkirche in Charlottenburg, Schloss Babelsberg, Friedrichswerdersche Kirche in Berlin (heute Schinkel-Museum in der Werderstraße), Schloss Glienicke.

Wo man sich etwas anschauen kann: Viele klassizistische Gebäude tragen seine Handschrift. Einen Überblick über sein Werk kann man aber auch im Internet bekommen. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Baumeistern existiert Schinkels kompletter Nachlass. Die Originale lagern im Berliner Kupferstichkabinett. Unter dem Schlagwort „Das Erbe Schinkels“ sind 6000 Blätter mit Zeichnungen komplett digitalisiert. Dort findet man auch Aachener Entwürfe.

Schinkels Arbeit im Netz: http://ww2.smb.museum/schinkel/

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