„Bauern fühlen sich nicht mehr geschätzt“

Von: Anja Clemens-Smicek
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Die Sonne fehlt: Platt gedrückt liegt erntereifes Getreide auf einem Feld. Das wechselhafte Wetter bereitet den Landwirten Probleme. Foto: dpa
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Verkündete schlechte Nachrichten: Bernhard Conzen.

Gangelt. In der deutschen Landwirtschaft reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Der viele Regen der vergangenen Wochen und Monate vermiest den Bauern die Erntebilanz. Und in der Städteregion Aachen sowie in den Kreisen Heinsberg und Düren ist die Lage noch ernster.

Nach Angaben von Bauernpräsident Joachim Rukwied zeichnet sich bei Getreide ein Minus von elf Prozent auf 43,5 Millionen Tonnen ab – weniger waren es zuletzt vor fünf Jahren. Auch bei Raps dürften mit 4,5 Millionen Tonnen elf Prozent weniger hereinkommen als im Vorjahr. „Nach tausenden Milchbauern geraten nun weitere Höfe in Bedrängnis“, sagte Rukwied. Eine Einschätzung, die Bernhard Conzen, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Heinsberg und Präsident des Rheinischen Landwirtschaftsverbandes (RLV), nur teilen kann.

„In der Kölner Bucht und im Aachener Raum fällt die Bilanz eher noch schlechter aus als in anderen Regionen Deutschlands“, sagte der Landwirt aus Gangelt im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Zahlen des Bauernverbandes seien nur ein Mittelwert, in Thüringen und Sachsen sei die Witterung sogar optimal gewesen. Umso düsterer sehe es in der Region aus. Conzen: „Allein im Kreis Heinsberg werden von allen Getreidearten mindestens 20 bis 25 Prozent wendiger geerntet, örtlich sind es sogar mehr als 30 Prozent.“ Beim Raps sei die Situation ähnlich.

Wegen des fehlenden Sonnenscheins sei auch die Qualität des geernteten Getreides schlecht. „Der Weizen eignet sich nicht als Back-, sondern nur als Futterweizen.“ Aber auch da könnten die Bauern nicht mit höheren Preisen punkten. Conzen: „Wir stehen bei Futterweizen in direktem Wettbewerb mit den europäischen Nachbarn, vor allem Frankreich. Da ist es um die Qualität der Ernte ähnlich bestellt wie bei uns.“ Zumindest die Bauern, die Milch und Fleisch produzierten, können laut RLV-Präsident darauf hoffen, dass das Futter für ihre Tiere billiger wird.

Noch nicht abschätzen lasse sich die Lage beim Mais. Mangelnde Belichtung und zu viel Nässe machten aber keine großen Hoffnungen auf eine überragende Ernte. „Der Mais sieht zwar gut aus, es gibt eine volle Kornausbildung, aber die Stängel sind dünn, und der Blattapparat ist nicht optimal.“

Die nächsten Monate seien für die Zuckerrübenernste entscheidend. „Erste Proben“, so Conzen, „zeigen, dass wir mit einer durchschnittlichem Niveau rechnen können. Allerdings sind August, September und Oktober die ertragsbildenden Monate.“

Conzen befürchtet, dass viele Bauern in der Region an ihre Existenzgrenzen stoßen werden. „Es ist kein Geld da, keine Liquidität vorhanden, um Ende Oktober die fälligen Pachten zu bezahlen.“ Nach RVL-Angaben haben die meisten Bauern in der Region einen Pachtanteil von 70 bis 90 Prozent. „Da werden sicherlich Landwirte aufgeben, vor allem wenn sich eine Alternative ergibt“, sagte Conzen.

Angesichts der dramatischen Situation und niedriger Weltmarktpreise für viele Produkte hoffen die deutschen Bauern auf weitere staatliche Hilfen von 100 Millionen Euro. Rukwied berichtete, Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) habe zusätzlich 60 Millionen Euro in Aussicht gestellt, wenn die Länder 40 Millionen beisteuerten.

Für Conzen wäre diese Summe nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Ein Milchbauer mit durchschnittlich 100 Kühen muss derzeit allein 100.000 Euro bei der Bank aufnehmen, um die zehn Cent auszugleichen, die ihm pro Liter Milch fehlen. Aus dem Hilfsprogramm könnte er mit etwa 10 000 Euro rechnen.“ Der RLV-Präsident warnte dennoch davor, dieses Hilfsangebot kaputtzureden. „Es ist ein wichtiges politisches Signal, das zeigt, dass die Politik hinter uns Bauern steht.“

Die Verbraucher seien nach Ansicht Conzens bereit, zehn oder sogar bis zu 40 Cent mehr pro Liter Milch zu zahlen, wenn es denn den Bauern zugute komme. Aber: „Im Laden greifen sie dann doch zum billigsten Produkt.“

Das Hauptproblem sei die Konzentration auf nur noch fünf große Einzelhändler, die Druck auf die Molkereien ausüben würden. „Die Molkereien sind erpressbar, denn sie bekommen jeden Tag die gleiche Menge Milch geliefert. Und wenn die Konkurrenz ihren Preis unterbietet, bleiben sie auf der Milch sitzen.“ Dieses System müsse geändert werden, wenn die Landwirtschaft wieder bessere Zeiten erleben wolle.

„Wir sind an einem Punkt, an dem es nicht mehr geht“, warnte Conzen. „Die Bauern fühlen sich nicht mehr geschätzt. Das ist eine Katastrophe.“

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