Bauern beklagen Diebstahl von Obst und Gemüse

Von: Katharina Menne
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Verführt zum Zugreifen: Viele Menschen nehmen sich Äpfel oder Pflaumen von Bäumen beim Spazierengehen mit. Das ärgert Bauern in unserer Region. Foto: stock/blickwinkel
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Wer hat hier die Gans gestohlen? Sabine Koch aus Baesweiler ist entsetzt über die Diebe. Foto: Menne

Aachen. Leuchtend rote Äpfel am Wegesrand – wer könnte da widerstehen? Allein bei dem Gedanken daran läuft einem das Wasser im Mund zusammen. Von der Hand in den Mund, der sogenannte Mundraub, ist doch kein Diebstahl. Oder etwa doch?

Ja, wenn Waren unrechtmäßig vom Feld genommen würden, sei das Diebstahl, sagt Paul Kemen von der Aachener Polizei. „Auch wenn der Wert bei einer Person, die ein paar Äpfel oder Erdbeeren pflückt, vielleicht nicht ins Gewicht fällt; die Masse macht es und die Masse bedeutet auch einen empfindlichen Schaden für den Landwirt“, sagt er.

Erstattet der Landwirt Anzeige, ist die Polizei verpflichtet, den Fall zu verfolgen. Allerdings sind die Erfolgsaussichten meist gering. „Selbst wenn wir einen Hinweis eines Zeugen bekommen, sind die Beweismittel meist schon vertilgt und ein Diebstahl nicht mehr nachweisbar“, bedauert Kemen.

Die Reaktion: Viele Bauern zäunen ihre Felder ein, um es den Obst- und Gemüsedieben schwerer zu machen. So auch Familie Koch aus Baesweiler. Sie führt einen Obst- und Gemüsehof mit eigenem Hofladen.

„Ohne den Zaun um unsere Erdbeerfelder würden wahrscheinlich viele Spaziergänger zugreifen“, vermutet Sabine Koch. „Die Leute nehmen sich, was sie wollen. Das geht quer durch alle Nationalitäten und Gesellschaftsschichten.“ Doch nicht bei jeder Obst- oder Gemüsesorte sei ein Zaun praktikabel. Bei einjährigen Pflanzen, wie zum Beispiel Kartoffeln oder Kohl lohne es sich nicht – doch auch da verschwänden ganze Reihen.

„Häufig fehlt den Leuten das Unrechtsbewusstsein“, sagt Heinz-Gerd Kleinjans von der Kreisbauernschaft Aachen. „Sie denken, sie tun nichts Böses. Dabei müsste eigentlich jedem bekannt sein, dass Eigentum ein hohes Gut ist.“ In Stadtnähe und an Spazierwegen sei es besonders auffällig. Dazu komme, dass viele Spaziergänger mehr kaputt machen als sie essen, wenn sie durch die Felder laufen. Insbesondere die mit den freilaufenden Hunden seien ein Problem – weil viel zertrampelt und umgegraben würde.

Doch was ist so verführerisch daran, Obst zu klauen? Der Rechtspsychologe Rainer Banse von der Universität Bonn vermutet, dass es eine Rolle spielt, dass unsere Gesellschaft ein Volk der Schnäppchenjäger ist. „Das ist so eine ,Geiz ist geil'-Mentalität. Wenn es etwas umsonst gibt oder Obst auf dem Feld so aussieht, als ob es niemandem gehört, schalten die Leute ihr Regelbewusstsein aus“, sagt er. Auch die zunehmende Entfremdung von der Landwirtschaft könne ein Grund dafür sein.

Kaum Anzeigen

Noch bis in die 1970er Jahre hinein patrouillierten sogenannte Feld- oder Flurschützen durch die landwirtschaftlich genutzten Flächen, um potenzielle Diebe in die Flucht zu schlagen. Heute kann sich das kaum eine Kommune, geschweige denn ein einzelner Landwirt noch leisten.

In der Region Aachen, Düren und Heinsberg nehmen viele Obst- und Gemüsebauern mehr oder weniger stillschweigend hin, dass ihnen regelmäßig ein Teil ihrer Ernte abhandenkommt. Der Aachener Polizei liegt nach eigener Aussage in diesem Jahr zumindest noch keine Anzeige wegen Früchteklaus vor.

Hans-Peter Wollseifen aus Kreuzau im Kreis Düren erwischt hin und wieder einen Obstdieb auf frischer Tat, der sich an seinen Äpfeln bedient. Dann mache er die Leute darauf aufmerksam, dass er jetzt Anzeige erstatten könnte und hofft auf deren Einsicht. „Je nachdem wie geplant die Tat aussieht und wie viel gepflückt wurde, bitte ich aber auch schon mal zur Kasse“, betont er.

Der Hof der Kochs in Baesweiler ist mittlerweile mit Überwachungskameras ausgestattet. Und trotzdem haben sie in diesem Jahr einen besonders schweren Diebstahl zu beklagen: Es wurden mindestens fünf Gänse gestohlen. Von der eingezäunten Wiese neben dem Hof. „Wer macht denn sowas?“, fragt Sabine Koch und zeigt den aufgeschnittenen Zaun, den sie mittlerweile notdürftig geflickt hat. Eine solche Dreistigkeit mache sie fassungslos.

Die Martinsgans sollte man sich tatsächlich besser kaufen, statt sie von Wiesen zu stehlen. Aber wer Obst und Gemüse gerne selbst pflückt, kann dies auch auf völlig legale Weise tun. Das sogenannte „Stoppeln“ zum Beispiel, das Nachsammeln der nach der Ernte liegengebliebenen Früchte auf Kartoffel- oder Zwiebelfeldern, wird von Landwirten sogar durchaus gerne gesehen. So werden die Kartoffeln, die sonst im nächsten Jahr als Unkraut wachsen würden, vom Feld entfernt. das gilt auch für Fallobst – bevor es auf dem Boden vergammelt, kann es von Spaziergängern eingesammelt werden.

Bernhard Conzen, der Vorsitzende der Kreisbauernschaft Heinsberg, rät jedoch, den Feldbesitzer bereits rechtzeitig vorher auf das Vorhaben anzusprechen und sich die Erlaubnis einzuholen. Kaum ein Landwirt sähe es gerne, wenn Fremde auf den Feldern herumspazierten. Falls man nicht sofort den Besitzer ausfindig machen könne, müsse man sich eben durchfragen. Die Kreisbauernschaft dürfe jedoch aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben.

Außerdem gibt es viele wild wachsende Sträucher und Bäume, um die sich niemand kümmert und die straffrei geplündert werden dürfen. Die Internetseite mundraub.org verzeichnet tausende dieser Orte in ganz Deutschland auf einer frei zugänglichen Karte. Allein im Raum Aachen, Düren und Heinsberg warten rund 250 Holunderbüsche, Haselnusssträucher, Brombeerbüsche, Apfelbäume und vieles mehr darauf, dass sich jemand für sie interessiert.

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