Bauen an sensiblen Orten: Herausforderungen für Aachener Architekten

Von: Thorsten Karbach
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So soll sie aussehen, die neue DFB-Akademie in Frankfurt: 89 Millionen Euro wird der Deutsche Fußball-Bund investieren, ein Bürgerbegehren drohte alles Scheitern zu lassen. Foto: Kadawittfeld
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Scharfe Kanten statt runde Formen: Der Adidas-Bau in Herzogenaurach entstand zu einer Zeit, in der auch der geschwungene AachenMünchener- Neubau in Aachen gebaut wurde. Foto: Werner Huthmacher
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Bürgerbeteiligung war erfolgreich: Der Umbau des Salzburger Bahnhofes zeigt, dass es möglich ist, die Skepsis bei Großprojekten zu nehmen – zumindest in Österreich. Foto: Helmut Pierer
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Das erste große Projekt von Kadawittfeld in der Aachener Heimat: Der Neubau für die AachenMünchener. Die Freitreppe wurde mit viel Skepsis beäugt. Foto: Jens Kirchner
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Moderne Architektur für keltische Geschichte: In Glauburg wurde nach dem Entwurf des Aachener Büros Kadawittfeld das Keltenmuseum gebaut. Foto: Werner Huthmacher
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Konnte nur gebaut werden, weil ein Sponsor sie finanzierte: die Archäologische Vitrine im Aachener Elisengarten. Foto: Jens Kirchner
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Der Sponsor ist abgesprungen: Der Entwurf für das Festspielhaus in Bonn wurde hinfällig, weil die Deutsche Post/Telekom sich als Finanzier zurückgezogen hat. Foto: Jens Kirchner

Aachen. Alles unter einem Dach, so wird sie aussehen, die neue Akademie des Deutschen Fußball-Bundes. Auf dem Gelände einer alten Galopprennbahn an der Frankfurter Kennedyallee wird sie gebaut. Der deutsche Fußball hat sich bislang nichts Vergleichbares geleistet.

89 Millionen werden verbaut. An Ort und Stelle werden die Junioren und die großen Nationalspieler trainieren, Schiedsrichter, Therapeuten und Mediziner gleichermaßen ausgebildet. 200 Architekturbüros hatten sich für den Entwurf der Akademie beworben, 30 nationale und internationale kamen in eine Vorauswahl. Dann blieben sechs Wochen, um einen Entwurf einzureichen. Aus 30 wurden zehn Kandidaten, ein Monat später stand der Sieger fest: Kadawittfeldarchitektur aus Aachen.

Alles unter einem Dach. So haben die Aachener Architekten um Gerhard Wittfeld und Kilian Kada ihren Entwurf dann auch überschrieben. Dabei hätte es dieses Dach beinahe nicht gegeben. Der Entwurf war weit gediehen, das Gebäude, das entlang der Trainingsplätze mäandert, in seiner Konzeption stimmig. Das Projektteam saß zusammen. Es hatte schon viele Ideen diskutiert – und verworfen. Es hatte sich für eine Magistrale, eine Art Boulevard entschieden, der quer durch die Akademie führt. Doch irgendwas fehlte – ein Dach.

Intuitiv wurde nach einer Schere gegriffen, ein wenig geschnipselt, wie Kada es rückblickend berichtet, und der mehr oder weniger saubere Schnipsel über den Gebäudekomplex gelegt. Ein Volltreffer! „In diesem Moment war der Gedanke im Raum: Das können wir gewinnen“, erzählt Kada. Und fügt hinzu: „Doch dann musst du ganz cool bleiben, darfst nicht emotional werden.“

Kadawittfeldarchitektur wurde 1999 von Gerhard Wittfeld und dem mittlerweile emeritierten RWTH-Professor Klaus Kada in Aachen gegründet. Dessen Sohn Kilian Kada ist seit acht Jahren dabei. Der Zuschlag für die DFB-Akademie ist der jüngste Höhepunkt in der Erfolgsgeschichte des Aachener Architekturbüros. Angefangen hatte alles mit zwei Projekten: dem Neubau des Direktionsgebäudes der AachenMünchener Versicherung in Aachen (2007 bis 2010) und dem „Laces“-Bau, der neuen Adidas-Zentrale in Herzogenaurach (2008 bis 2011). Es sind zwei erstaunliche Gebäude.

Während Architekten wie Santiago Calatrava, Renzo Piano, Zaha Hadid oder auch Norman Foster ihren unverwechselbaren Stil prägen, zeichnen sich die Kadawittfeld-Entwürfe – das wird sofort deutlich – durch mannigfaltige Lösungen aus. Hier das kantige Adidas-Hauptquartier, dort der geschwungene AM-Neubau mit dem kleinen Grünanlage. Es mag Kritiker geben, die bei Kadawittfeld die einheitlich-markante Handschrift vermissen, wer den Aachenern zuhört, der notiert dagegen sehr rasch: Genau das ist ihre Handschrift. Vielseitigkeit.

Das Keltenmuseum in Glauburg, die Fassade des neuen Einkaufszentrums Minto in der Mönchengladbacher City, die „Neue Direktion“ in Köln, das Studierenden-Servicecenter der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, die Kindertagesstätte der Beiersdorf AG in Hamburg – alles wurde nach den Entwürfen der Aachener gebaut. An der Architektur ablesen können dies nicht einmal Experten. Die Gemeinsamkeiten seien inhaltlich, nicht stilistisch, erklären die Verantwortlichen.

Kada sagt: „Wir suchen immer einen maßgeschneiderten Bau für den jeweiligen Ort.“

Die beiden ersten großen Projekte in Aachen und Herzogenaurach stehen auch für etwas anderes: Während sich viele Architekturbüros entweder nur national, nur international oder nur lokal ausrichten, hinterlässt Kadawittfeld seine Spuren gleichermaßen nah wie fern. Zwischen der Gründung des Büros und dem AM-Neubau mögen zehn Jahre gelegen haben, seitdem ist das Büro in der Heimat aber immer wieder aktiv: Die letztlich privat finanzierte Archäologische Vitrine im Aachener Elisengarten ist ein bekanntes Beispiel, hinzu kommen beispielsweise aber auch ein neuer Verwaltungsbau bei Grünenthal, die Erweiterung des Dressurstadions in der Aachener Soers und der Umbau des Generalvikariats. Ein Viertel der Kadawittfeld-Projekte entstehen mittlerweile in Aachen. „Wichtig ist aber, dass wir uns eine gesunde Distanz zu dem Ort, an dem wir bauen, bewahren“, sagt Kilian Kada.

Der Ort, an dem sie dafür arbeiten, besticht zunächst einmal durch einen atemberaubenden Ausblick. Aus der neunten und zehnten Etage des alten AM-Gebäudes an der Aureliusstraße fällt der Blick über die Dächer der Stadt. Zwei Etagen wurden nach eigenen Vorstellungen umgebaut. Nackter Beton, Glaswände, weiße Lamellen an den Decken, die den Schall schlucken. So groß das Büro zunächst wirkt, so viele Menschen hier auch Seite an Seite sitzen – es ist unerhört leise. Mit dem Umbau des eigenen Büros hat sich die Firma auch auf das Feld des „Interior Designs“, al- so der Innenarchitektur und des Innendesigns, begeben – und so zuletzt den neuen Sitz von DocMorris im deutsch-niederländischen Gewerbegebiet Avantis gestaltet.

Ein Gewinn ist keine Garantie

Doch zurück ins Aachener Architekturbüro: Neben der Treppe steht das Modell für eine neue Messehalle in Frankfurt, ein paar Meter weiter sind Fotos einer Fassade für ein Gasturbinenwerk am Düsseldorfer Rheinbogen zu sehen – alles Kadawittfeld-Projekte. In einem kleineren Raum hängen eine ganze Reihe Fotos an der Wand, sie zeigen die Zeche Zollverein zwischen Detailaufnahmen von Fassaden und Materialien. Die Stiftung Ruhrkohle AG will sich auf dem Weltkulturerbe in einen neuen Bau niederlassen, die Aachener Architekten wollen sich an dem Wettbewerb beteiligen. Die Aussichten? Jeden vierten Wettbewerb gewinnen die Aachener mittlerweile. Das ist eine ordentliche Quote.

Doch so ein Gewinn ist keine Garantie mehr. Das zeigt auch die DFB-Akademie. Dort entdeckten die Bürger plötzlich wieder ihre Liebe zur alten Galopprennbahn – und wollten sie erhalten. Es kam zu einem Bürgerbegehren. Beinahe wäre das Projekt des Deutschen Fußball-Bundes kurz vor Toresschluss noch gescheitert. Doch das Begehren scheiterte.

Der Widerstand aus der Bevölkerung wird für Architekten mehr und mehr zu einem ständigen Begleiter. 146 Kilometer Luftlinie von Frankfurt entfernt liegt Kassel – auch so eine Geschichte.

Hier gibt es sie noch, die hessische Romantik in Reinform. Märchenhaft. Und damit ideal: Denn mitten in einer Parklandschaft am Hang des Weinbergs ist die Grimmwelt Kassel gebaut worden – nach dem Entwurf von Kadawittfeldarchitektur. Am Anfang stand auch hier viel Skepsis.

Die Kasseler lieben ihren Weinberg. „Ein sensibler Ort“, nennt es Kilian Kada. Und weil die Bürger sich in diesem Land mit immer größerer Konsequenz gegen Großprojekte stellen, gab es auch dort ein Bürgerbegehren; gegen den Standort, nicht gegen die Architektur. Und doch sieht sich Wittfeld in der Verantwortung.

Er sagt: „Wir Architekten müssen für mehr Transparenz in so einem Projekt werben.“ Und Kada fügt hinzu: „Wir müssen Mediatoren sein. Das ist auch eine Chance für unseren Berufsstand, auch wenn es paradox ist, dass Architekten nicht über ihre Architektur, sondern über die Vorteile des Projekts insgesamt sprechen.“

Schon beim AachenMünchener-Neubau hatte es Ärger um die große Freitreppe gegeben. Damals haben sich die Architekten an der teilweisen Vorverurteilung in der Öffentlichkeit gestoßen. Heute sagen sie: „Es ist vielleicht normal. Auch der Eiffelturm hatte zunächst viele Gegner.“

Es ist offensichtlich: In Deutschland herrschen große Vorbehalte gegen Bauprojekte. Je größer die Projekte sind, umso größer sind auch die Vorbehalte. Der Berliner Hauptstadtflughafen und das Bahnprojekt Stuttgart 21, auch der verkorkste Bauverlauf der Elbphilharmonie in Hamburg haben das Vertrauen in Millionenprojekte nachhaltig zerstört. In Stuttgart hat der Neu- beziehungsweise Umbau des Bahnhofes den sogenannten Wutbürger auf die Straße getrieben. In Aachen wurde das Bauhaus Europa verhindert. Der Willen, mitreden zu wollen, wenn Millionen verbaut werden, ist nicht zu übersehen. Doch: Selten ist es die Architektur, die zu Widerständen führt.

Das war auch in Frankfurt und in Kassel so. Dort ist am Ende ein Gebäude entstanden, das sich fast nahtlos in die Parklandschaft einfügt, begehbar, das Dach eine grüne Terrasse. Und doch wäre das Projekt fast gescheitert, weil die Bürger im Vorfeld nicht ausreichend in die Planung des Bauherrn – in dem Fall ist es die Stadt Kassel – einbezogen wurden. Es gibt ausreichend andere Beispiele, die am Ende scheiterten – manche gewiss zu Recht, andere nicht. Das lähmt jede Stadtentwicklung.

Bauherren werden ängstlicher, das ist unverkennbar. Nicht alle haben die Power und vor allem Überzeugung von Oliver Bierhoff und Hansi Flick, die die DFB-Akademie immer wieder mit kraftvollen Worten verteidigten. „Dieses Land muss Bürgerbeteiligung erst noch lernen“, sagt Gerhard Wittfeld.

Protest? Von wegen!

Andere sind da weiter. Der Blick geht von Hessen in die Mozartstadt Salzburg. Kadawittfeldarchitektur verantwortet dort den Umbau des Hauptbahnhofes. Was für ein Projekt! Es gibt eine filigrane Bahnsteighalle von 1908 und eine nicht minder schicke Empfangshalle von 1860, aufmerksame Denkmalschützer, zigtausende Pendler und 150 direkte Nachbarn. Das spräche eigentlich für viele gute Gründe, sich dem Projekt mit seinen neuen Brücken und Passagen in den Weg zu stellen, den fünfjährigen Umbau auszubremsen. Doch von wegen!

Früh und vor allem offen seien alle Verantwortlichen den Menschen in Salzburg begegnet. Die Notwendigkeit des Umbaus und die besondere Architektur, die Altes im neuen Kleid bewahrt (samt einer 23 400 Quadratmeter großen Bahnsteigüberdachung), hätten vermittelt werden können, sagt Wittfeld. „Architektur wird in der Bevölkerung zu sehr als Ingenieurdienstleistung und nicht als Kulturgut verstanden.“ In Salzburg war das anders.

Doch auch diesem Fall gilt dieser Satz von Gerhard Wittfeld: „Bauen ist konfrontativ.“

Und manchmal wird es verhindert – von der Bürgerschaft.

Aber es geht noch schlimmer: In Nachfolge der in die Jahre gekommenen Beethovenhalle sollte Bonn ein neues, modernes Festspielhaus schmücken. Doch welch ein Drama! Es gab mehrere Architektenwettbewerbe, immer wieder Vorbehalte in Politik und Bevölkerung, verworfene Entwürfe – unter anderem von Zaha Hadid – und wankelmütige Sponsoren, die ihr Geld zurückzogen. Zuletzt trat die Deutsche Post/DHL als Finanzier auf den Plan. Es wurde erneut ein Wettbewerb ausgeschrieben. Unter den drei Gewinnern war am Ende auch das Aachener Büro Kadawittfeld, dessen Entwurf damit in die engere Wahl kam.

Wer so ein Festspielhaus bauen will, der muss zunächst genau hinhören: Denn es geht hinter der Fassade immer auch um beispielhafte Akustik für die Musiker. Die Aachener saßen mit dem japanischen Akustikdesigner Yasuhisa Toyota zusammen, einem der besten der Welt, wie es heißt. Er wurde auch für die Elbphilharmonie hinzugezogen. Es waren lehrreiche Gespräche – und am Ende hatten die Architekten gewonnen: an Erfahrung. Denn mehr gab es plötzlich nicht mehr zu gewinnen, hatte sich doch die Deutsche Post/DHL als Finanzier wieder zurückgezogen, was gleichbedeutend mit dem erneuten Aus für das Festspielhaus war.

„Wir hätten in der Zeit drei weitere Projekte haben können“, beschreibt Wittfeld die Auswirkungen. Das relativiert den Stolz, den das Büro empfindet, in die Endauswahl gekommen zu sein, deutlich. „Wenn am Ende David Chipperfields Entwurf gewonnen hätte, hätten wir damit besser leben können“, sagt Wittfeld – gegen Chipperfield hatten die Aachener übrigens den Wettbewerb für das Konzerthaus in Padua gewonnen. Doch so hatten in Bonn alle Büros nach aufwendigster Vorbereitung verloren, ohne dass das Spiel angepfiffen wurde. Da fällt es schwer, die Entscheidung sportlich zu nehmen. Gerhard Wittfeld sagt: „Das ist Bauen. Scheitern gehört dazu. Aber emotional ist das schon ganz hart.“

Es bleibt am Ende der Gewinn des Prestigeprojekts DFB-Akademie. Ende 2018 soll sie fertig sein.

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