Aachen - „Bastei“: Tischtelefone, Striptease und viel Plüsch

„Bastei“: Tischtelefone, Striptease und viel Plüsch

Von: Alexander Barth
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Fotos und Postkarten der Bastei hebt sie zur Erinnerung auf: Liane Lennartz. Foto: Barth

Aachen. Der Bau mit der markanten Fassade an der Kreuzung Krefelder Straße/Ludwigsallee hat schon bessere Zeiten gesehen, innen wie außen. Nicht wenige Bewohner der Region erinnern sich an rauschend-verrauchte Tanzabende, an Auftritte von Zarah Leander oder Rudolf Schock, an den „Ball der einsamen Herzen“ und an Striptease, an Rotlicht und viel Plüsch.

Die „Bastei“ war vor allem in den 60er und 70er Jahren eine der Anlaufstellen für Nachteulen im Dreiländereck. Seit 2014 steht das Haus leer, ein Abriss steht im Raum. Was bleibt, sind Erinnerungen an Jahrzehnte des Nachtlebens – zwischen Amüsement und Verruchtheit, zwischen Tischtelefonen und Animierdamen.

Für viele Nachtschwärmer ist diese Zeit mit einem Namen, womöglich sogar noch eher mit einem Gesicht verbunden. Eugen Müller lenkte fast drei Jahrzehnte lang die Geschicke der „Bastei“. Gewaltiger Schnauzbart, rotes Ledersakko, so präsentierte sich Müller allabendlich seinen Gästen. Seine Tochter Liane erinnert sich an einen „stattlichen, temperamentvollen Mann mit einnehmendem Wesen“. An einen Mann, der aber auch seine Familie der Arbeit unterordnete. „Mein Vater hat seine ,Bastei‘ mit aller Konsequenz geführt, die Nacht war die Zeit, in der er gelebt hat. Die Familie hat nicht selten nur die zweite Geige gespielt.“

Letzter Anlauf mit über 80 Jahren

Erst mit über 80 Lebensjahren war Anfang der 90er Jahre Schluss für Müller. Da hatte er die Bastei schon x-mal verpachtet, immer wieder entpuppten sich die Anläufe auswärtiger Betreiber jedoch als Luftnummern, wie der Vollblut-Gastronom seinerzeit persönlich der Zeitung berichtete. So unternahm Müller auf seine alten Unternehmertage sogar selbst noch einmal einen Anlauf in der „Bastei“, nachdem zuvor dort ein Pächter mit einem Tanzlokal gescheitert war.

„Ich glaube, mein Vater konnte nicht loslassen“, sagt Tochter Liane, die seit ihrer ersten Heirat den Nachnamen Lennartz trägt. „So war er eben“. Die „Bastei“ etablierte sich bereits in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts, zunächst als Ausflugslokal mit Gastronomie und Tanzsaal. Anfang der 60er Jahre entstand etwas, das mit dem Wort Amüsierbetrieb in Gänze und dann doch wieder gar nicht zu umschreiben ist. Die „Bastei“ wurde zum legendären Nachtschwärmerort, dem aber auch ein etwas verruchtes Image anhing. Eugen Müller legte allerdings Wert darauf, mit seiner „Bastei“ als niveauvolles Etablissement wahrgenommen zu werden, betont seine Tochter. „Es war nie schmuddelig, das war ihm wichtig.“

In einer Broschüre zum Amüsierangebot Aachens aus den 70er Jahren hieß es unter der Überschrift „Wenn es Nacht wird“ über die „Bastei“: „Eine kleine Tanzfläche und wechselnde Striptease-Programme ziehen hier das Publikum an“. Liane Lennartz erinnert sich an Ausflüge nach Hamburg mit ihrem Vater, wenn dieser „neues Personal auftun musste“. Das bedeutete: Clubs und Bars auf der Reeperbahn abklappern und Tänzerinnen für Engagements im Westzipfel der Republik gewinnen.

„Die Frauen waren oft für mehrere Wochen engagiert und haben bei uns gewohnt“, sagt Liane Lennartz. „Da wurden wir auch schon mal zur Ersatzfamilie. Man hat gemeinsam gekocht und sich auch schon mal gegenseitig das Herz ausgeschüttet.“ Auch manche Aachener Studentin verdiente sich in diesen Jahren in der „Bastei“ etwas hinzu. „Mehr als Striptease war aber nicht“, kommentiert Liane Lennartz manches Gerücht um das tanzende Personal.

Sie selbst war noch ein Teenager, als ihr Vater sich im September 1960 anschickte, das Nachtleben um eine Attraktion zu bereichern. Eine Zeitungsanzeige hatte ihn, der eigentlich aus Sachsen stammte, im Ruhrgebiet erreicht. „Mein Vater hat immer im Nachtleben gearbeitet, schon nach dem Krieg in seiner Heimat“, sagt Tochter Liane. So folgte er dem gedruckten Ruf in den äußersten Westen. „Zu dieser Zeit wusste ich schon, wie es im Nachtleben läuft“, sagt sie.

Die Wohnung der Familie lag direkt über der „Bastei“, im zweiten Stock war man unweigerlich nah dran am Geschehen. Familienleben, das lief bei den Müllers irgendwie anders. „Während sich mein Vater von der Nacht erholte, haben wir uns darum kümmern müssen, dass der Laden für den folgenden Abend wieder gut aussieht“.

Zu dieser Zeit war Aachen nicht arm an Nachtlokalen, wie man die auf Amüsement mit Live-Musik, Striptease oder Kabarett ausgerichteten Clubs und Bars leicht verklärend zu nennen pflegte. „Femina“ am Elisenbrunnen, „Cortis“ an der Krefelder Straße, „Maxim“ nahe dem Kaiserplatz, „Orchidee“ an der Monheims­allee – letzteres Etablissement warb seinerzeit mit dem Spruch: „Das intime Nacht-Cabaret im Kurviertel“. Heute würde man solche Lokale eher in Rotlichtbezirken suchen. „Damals ging das als gepflegte Unterhaltung durch“, sagt Liane Lennartz.

Einige hundert Gäste sollen sich auf den beiden Etagen in der „Bastei“ allabendlich vergnügt haben. Disco-Schwoof, Rock‘n‘Roll-Rüpelei – das lief woanders. An sechs Abenden in der Woche war die Bar geöffnet, am Wochenende ging es außerdem im Tanzcasino bis „in die Puppen“. Studenten, heute eine prägende Gruppe der Aachener Nachtschwärmer, fanden nur selten den Weg dorthin.

Als junge Erwachsene hat sich Liane Lennartz von der „Bastei“ gelöst und damit auch vom einnehmenden Wesen ihres Vaters. „Er wollte, dass ich den Betrieb mit meinem Mann übernehme. Aber ich wollte ein eigenes, ein anderes Leben. Und das ging nur ohne die Nähe zu ihm und dem Nachtleben“. Eugen Müller ging seinen Weg weiter, das Haus am Fuß des Aachener Lousbergs behielt seine Strahlkraft, bis sein Stern mit verändertem Ausgehverhalten zu sinken begann.

Nach dem Ende der Nachtlokal-Ära zog 1995 das „Theater K“ ein und rund 3000 Vorstellungen später im Sommer 2014 wieder aus. Das Entwicklungsbüro „AC-Projekte“ hat das Haus mittlerweile vom einstigen Besitzer, dem umstrittenen Immobilieninvestor Hans Kahlen, übernommen. Der hatte 1994 vollmundig einen Neubau mit einer Glas-Stahl-Konstruktion in Aussicht gestellt.

Möglich, dass nicht mehr lange die Gelegenheit besteht, die alten Räume noch einmal zu betreten. Liane Lennartz legt darauf ohnehin keinen Wert. „Ich war noch ein einziges Mal dort, nach dem Tod meiner Mutter. Das war schon schwer genug.“ Vom Status der „Bastei“ ist sie bis heute überzeugt: „Fast jeder war mal da“, sagt sie und meint Nachtschwärmer und Neugierige aus Roetgen und dem Selfkant, ebenso aus Eupen oder Vaals. „Gibt es so etwas heute noch? Ich glaube nicht.“

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