Bald 3000 Mitglieder helfen dem Dom

Von: Robert Esser
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Den Überblick behalten: Der Vorsitzende des „Karlsverein-Dombauverein“, Jochen Bräutigam, arbeitet eng mit Domkapitel und Dombaumeister zusammen – und koordiniert den Spendeneinsatz. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Wenn das winzige Männchen mit seinem Köpfchen auf Holz klopft, bringt das tierisch Glück. Die Balz bringt dem gerade mal fünf Millimeter langen gescheckten Nagekäfer – auch Pochkäfer genannt – willige Weibchen. Doch die Liebe schmerzt. Sie zehrt am Aachener Münster.

Der Larven-Nachwuchs nagt nämlich zigtausendfach an durchbohrten Balken. Was nicht nur Stabilität kostet, sondern ebenso Löcher in den Etat des Dombaumeisters reißt.

Aktuelles Beispiel: Für rund 100.000 Euro muss der Dachstuhl der nördlichen Turmkapelle des Unesco-Weltkulturerbes überarbeitet werden. Das ist eines der sieben Projekte im Karlsjahr, die der Dombauverein mitfinanziert, der schon 1847 unter königlich preußischem Protektorat als „Karlsverein zur Restauration des Aachener Münsters“ von einer der ersten Aachener Bürgerinitiativen überhaupt gegründet wurde. „7 für 14“ heißt die laufende Spendenaktion. Spannende Details dazu werden Verein und Domkapitel Mitte August vorstellen. „Es handelt sich um sieben handverlesene Baumaßnahmen, die dringend anstehen und insgesamt 240.000 Euro kosten“, rechnet Jochen Bräutigam vor. Er ist seit zwölf Jahren Vorsitzender des „Karlsverein-Dombauverein“. Und mit Zahlen kennt sich der promovierte Betriebswirt aus, der bis 2009 als Vorstandsvorsitzender der Aachener Sparkasse aus seinem Büro in der oberen Direktions-Etage der Bankzentrale am Friedrich-Wilhelm-Platz eine privilegierte Perspektive auf die prächtige Domsilhouette genoss.

Ambitionierte Ziele

Seit Jahrzehnten widmet sich der nunmehr 70-Jährige dem Erhalt des einzigartigen Wahrzeichens der Kaiserstadt. Wahrlich nicht alleine. In seiner Amtszeit schraubte Bräutigam die Mitgliederzahl im „Karlsverein-Dombauverein“ von knapp 1500 auf über 2600 Bürger. Ende des Jahres will er die 3000er-Marke knacken. „Das ist ein ambitioniertes Ziel, ich weiß. Ich bin aber überzeugt, dass wir das gemeinsam schaffen können“, sagt er. 20 Euro beträgt der Jahresbeitrag, Studenten zahlen die Hälfte. Dass der Verein in den vergangenen zehn Jahren ein Vielfaches der Mitgliedsbeiträge – nämlich fast drei Millionen Euro – in spektakuläre Sanierungsmaßnahmen stecken konnte, ist vielen Spendern zu verdanken, die freiwillig noch weit tiefer in die Tasche greifen. Die Liste der realisierten Projekte ist lang: Anna- und Matthiaskapelle, Dachstuhl Oktogon, Chorhalle, Heinrichskanzel, Marienschrein, Barbarossaleuchter, Nikolaus-Kapelle, Mosaiken – es gibt kaum eine Restaurierungsarbeit, die ohne Hilfe des „Karlsverein-Dombauverein“ zu verwirklichen gewesen wäre. Trotz millionenschwerer Zuschüsse aus öffentlichen Fördertöpfen.

„Der absolute Knüller“

Bräutigam betont, dass die großzügigen Spenden eindrucksvoll zeigen, wie tief das Wahrzeichen der Stadt im Bewusstsein der Aachener Bürgerschaft verankert ist. „Der absolute Knüller war 2003 die Restaurierung des Turmkreuzes“, erinnert sich Bräutigam. „Da haben wir in nur sechs Wochen 51.000 Euro gesammelt und konnten so die Hälfte der Gesamtkosten beisteuern.“ Welche Wertschätzung die Marienkirche Karls des Großen überdies außerhalb der Kaiserstadt genießt, beweist die Zahl von mehr als 125.000 Pilgern, die vor wenigen Wochen zur Heiligtumsfahrt in die Pfalzkapelle strömten. Da war das Münster weitgehend gerüstfrei. Was sich wieder ändern wird.

Besser vorbeugen

„Vorbeugen ist besser als heilen“ lautet der Slogan von Dombaumeister Helmut Maintz. Die Herausforderung: Spenden für den Erhalt der durch einen 20-jährigen Kraftakt eigentlich rundum sanierten Bausubstanz zu sammeln, wird schwieriger. Weil Geldgeber leichter für eine prächtige Mosaik-Restaurierung zu begeistern sind als für die Kartierung schadhafter Fensterfugen. Letztere wird trotzdem mit 15.000 Euro zu Buche schlagen.

Die marode Holzkonstruktion hinter der gerissenen Bleidecke des Vorhallendachs haben Handwerker bereits erneuert. Kosten: 70.000 Euro. Vieles wartet dringend auf Hilfe – Reparatur, Restaurierung, Sanierung oder Modernisierung. Eine Mammutaufgabe bis ins Detail. Bereits erledigt: der einheitliche Anstrich sämtlicher 29 Außentüren des Doms – vom Drachenloch bis zur Krämertüre.

Grundsätzlich ist Beharrlichkeit gefragt. So konnte auch das Grundstockvermögen der dem Karlsverein angegliederten „Dr. Hans Müllejans Stiftung“ seit 2010 auf 550.000 Euro mehr als verdoppelt werden. Der Dombauverein organisiert für seine Mitglieder Vorträge und Konzerte, bietet exklusive Führungen an und verlegt seit 1995 eine Schriftenreihe, die kenntnisreich Entstehung, Entwicklung, Architektur und Ausstattung des Doms im Wandel der vergangenen 1200 Jahre beleuchtet. „Unser Jahresprogramm erfreut sich großer Beliebtheit. Unsere Mitglieder bekommen viel geboten, das man sonst kaum erleben kann“, sagt Bräutigam. Dieses Jahr ist Band 16 zu einem weiteren Jubiläum im Karlsjahr erschienen. Der Titel: „Sie glänzte wie ein kostbarer Edelstein, wie ein kristallklarer Jaspis – 600 Jahre Aachener Chorhalle“.

Kopf abschlagen

Ob dann unterm Dach immer noch Heerscharen ungebetener Gäste mitfeiern? Tierisch lange durften ungezählte Generationen des gescheckten Nagekäfers auf ihren Anteil im Gebälk des Aachener Doms pochen. Karl der Große hätte ihnen wohl längst ihre Köpfchen abgeschlagen. Aus Liebe zum Münster.

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