Bahn lässt Aachen längst links liegen

Von: Udo Kals
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Noch hält der ICE 11 in Aachen. Mit an Bord ist regelmäßig Rudolf Juchelka. Vor Jahren ist der Wissenschaftler von der RWTH an den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeografie der Uni Duisburg-Essen gewechselt, der Wohnort des Professors ist Aachen geblieben.

Interessiert verfolgt der Experte, der sich beruflich vor allem mit europäischen Hochgeschwindigkeitszügen befasst, die Diskussion um den möglichen Wegfall des Aachener ICE-Halts. Und er sagt: „Die Bahn lässt Aachen bereits jetzt links liegen.”

Wie sehr seine Heimatstadt vernachlässigt wird, habe ihn dann doch überrascht, als er die aktuelle Anbindung der 50 größten deutschen Städte an das Fernverkehrsnetz untersuchte. „Selbst kleinere Städte - mit geringerer zentralörtlicher und wirtschaftlicher Bedeutung - wie Osnabrück oder Erfurt haben eine bessere Anbindung.”

Juchelkas Lieblingsbeispiel als vergleichbare Stadt aber ist Münster: „Eigentlich müssten wir ungefähr auf demselben Niveau liegen. Doch während Aachen auf 19 Züge kommt, halten in Münster 56.” Ein Grund für dieses Missverhältnis sei sicherlich die aus Bahnsicht „periphere Lage” Aachens.

„Die Bahn sieht nicht die grenzüberschreitende Bedeutung des Aachener Standortes. Das muss sich ändern.” Dass es künftig kaum mehr Züge werden, scheint klar. Doch der Wirtschaftsgeograf ist trotzdem zuversichtlich, dass Aachen zumindest ein ICE-Standort bleibt. „Schließlich werden die Züge stark genutzt, ob durch Berufspendler, Geschäftsreisende, Privatleute oder Touristen. Das muss sich wirtschaftlich lohnen.”

Zwar lässt sich die Bahn verlässliche Fahrgastzahlen kaum entlocken. Aber Juchelka und Monika Frohn, Verkehrsexpertin der Aachener Industrie- und Handelskammer (IHK), gehen von „ein paar tausend” Fahrgästen täglich aus, die in Aachen die Hochgeschwindigkeitszüge ICE oder Thalys nutzen.

Auch vor diesem Hintergrund meint Achim Großmann (SPD): „Ich kann mir nicht vorstellen, dass der ICE-Halt wegfällt.” Aber der langjährige Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium aus Würselen betont, dass „die Bahn schon sehr genau auf die Zahlen guckt - und am Ende entscheidet die Konzernspitze”. Daher gelte es jetzt für die Region, „massiv auf die Bahn zuzugegen und mit den Pfunden zu wuchern. Es lohnt sich.”

Dem Rat sind seit dem Brandbrief des Geschäftsführers des Aachener Verkehrsverbundes (AVV), Hans Joachim Sistenich, schon zahlreiche Politiker und andere Entscheidungsträger gefolgt. Von vielen Partnern aus der Euregio habe er Faxe und Anrufe erhalten. Und auf dem Schreibtisch von Bahnchef Rüdiger Grube landen etliche Protestnoten der Bundestagsabgeordneten. Zudem hat sich ein großes Bündnis gefunden, das in einem offenen Brief mächtig Druck auf die Berliner Konzernspitze macht.

„Aachen kann als Forschungs- und Hochschulstandort nur konkurrieren, wenn es für Teilnehmer von Tagungen und Kongressen, für Fachmessen, aber auch im regelmäßigen Austausch innerhalb von Forschungsprojekten einfach und schnell erreichbar ist. Gleiches gilt für Handels- und Kundenbeziehungen der in und um Aachen angesiedelten Wirtschaftsunternehmen”, heißt es in dem Brief, den die FDP-Abgeordnete Petra Müller nächste Woche Grube überreichen will.

Auch der Fahrgastverband Pro Bahn sieht die Entwicklung mit Sorgen. „Wenn der Wegfall der ICE-Züge etwa durch weitere Thalys-Verbindungen nicht kompensiert würde, wäre dies ein schwerer Schlag für die wirtschaftliche Entwicklung der Region und des Eisenbahnknotens Aachen”, sagt Michael Bienick, der jedoch auch seine Probleme mit dem geplanten ICE nach London hat.

„Der Zug verliert durch die Sicherheitsaspekte wesentlich an Attraktivität. Schließlich müssen die Fahrgäste 30 Minuten vor Abfahrt am Bahnhof sein, um einzuchecken.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert