AZ-Forum Medizin: In Bewegung bleiben, Schmerz behandeln

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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In Bewegung bleiben ist entscheidend. Diplomsportwissenschaftler Sergey Dockter zeigt dem Publikum, was guttut: Beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Uniklinikum zum Thema „Diagnose Parkinson-Erkrankung“ war der Andrang groß. Foto: Ralf Roeger

Aachen. In Bewegung bleiben – das ist das entscheidende Stichwort für Parkinson-Kranke. Egal ob das Gehirn von Elektrostößen eines Schrittmachers angeregt wird oder große Ausfallschritte mit der Methode LSVT BIG trainiert werden.

Die Beweglichkeit des gesamten Körpers im Auge behalten, den Symptomen der Parkinson-Erkrankung entgegenwirken – das war die Quintessenz des Medizinforums von Aachener Zeitung und Uniklinikum Aachen im Großen Hörsaal 4.

Gleich acht Expertinnen und Experten standen zu dieser „beschissenen Unpässlichkeit“, wie Schauspieler Ottfried Fischer einmal seine Krankheit beschrieben hat, Rede und Antwort. Im voll besetzten Hörsaal moderierte AZ-Redakteurin Sabine Rother, ein bisschen Gymnastik für alle gab es passenderweise zwischendurch auch.

Schon in jüngeren Jahren

Morbus Parkinson – so der Fachterminus – ist die zweithäufigste degenerative Erkrankung des zentralen Nervensystems. Rund 250.000 Erkrankte gibt es in Deutschland, mehr Männer als Frauen. Meistens sind die Patienten im fortgeschrittenen Alter, „doch fünf bis zehn Prozent bekommen Parkinson sogar bereits zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr“, wies Moritz Karl Keil, niedergelassener Allgemeinmediziner aus Herzogenrath-Kohlscheid, darauf hin, dass Parkinson eben keine Krankheit ist, die nur alte Menschen betrifft.

Die Diagnose indes ist nach wie vor nicht einfach, wie Professor Jörg Schulz, Direktor der Klinik für Neurologie am Uniklinikum, betonte: „Nur etwa 80 Prozent der Parkinson-Diagnosen sind richtig.“

Alle, die unklare Beschwerden haben, führt der erste Weg normalerweise zum Hausarzt – zum Beispiel, weil sie tagsüber unerklärlich müde sind, nachts aber nicht schlafen können, weil ihre Hände leicht zittern oder weil sie mit dem Gleichgewicht zunehmende Probleme haben. Die Entscheidung, Rat zu suchen, sei auch gut, fand Keil. „Wir als Allgemeinmediziner können einfach schon einige Möglichkeiten ausschließen, bevor der Facharzt für Neurologie die Behandlung übernimmt.“

Einer davon ist Frank Bergmann. Da er auch Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist, hat er zudem ein besonderes Augenmerk auf die seelische Gesundheit seiner Patienten. „Mehr als ein Drittel aller Parkinson-Patienten haben zusätzlich Depressionen und Angstsymptome“, erklärte er. „Die Depression bei Parkinson-Patienten unterscheidet sich jedoch von anderen Depressionen.“

Parkinson ist eine chronische Erkrankung, aber verstecken – wie etwa Diabetes – lässt sie sich irgendwann nicht mehr. Zitternde Hände, gebeugter Gang, verlangsamte Reaktion, leisere, undeutlichere Stimme, krakelige Schrift – das alles bleibt der Umwelt nicht verborgen. Hier raten die Ärzte zum offenen Umgang, den der Rückzug, die Vereinsamung machen alles noch schlimmer. „Depressionen lassen sich gut behandeln, wenn sie erkannt werden“, motivierte Bergmann die Zuhörer, dies nicht als gegeben hinzunehmen.

Das gilt auch für die häufigen Schmerzen. „85 Prozent der Parkinson-Patienten leiden unter Schmerzen, 40 Prozent haben sie sogar dauerhaft“, sagte Frank Kastrau, Oberarzt der Neurologie des Medizinischen Zentrums Würselen. Dennoch wird das in der Behandlung nicht immer bedacht. Oft steht die Bewegungseinschränkung im Vordergrund der Therapie. „Sprechen Sie deutlich über Ihren Schmerz“, forderte der Neurologe deshalb die Patienten auf. „Denn auch diese Beschwerden kann man gut behandeln – meistens durch Physiotherapie, Ergotherapie oder physikalische Therapie.“

Auf die Bedeutung dieser begleitenden Therapien wiesen alle Podiumsteilnehmer hin. „Medikamente bringen das Gehirn in die Lage, Bewegung wieder zu lernen. Doch das Üben dieser Bewegung muss dann der Körper übernehmen“, erklärte Schulz.

Das gilt übrigens auch für das Sprechen und Schlucken. „Hier wirken jedoch die Medikamente nicht. Die Koordination dieser Bewegungen sind sehr schnelle Prozesse, die man möglichst frühzeitig mit logopädischen Übungen trainieren sollte“, meinte Beate Schumann, Logopädin an der Klinik für Neurologie im Uniklinikum.

Keine Opferhaltung mehr

Egal ob Logo-, Ergo- oder Physiotherapie – nur eine große Intervalldichte der Trainingseinheiten bringt Erfolg. Neben der professionellen Begleitung sollte deshalb auch das tägliche Training zu Hause auf dem Programm stehen. „Es gibt Therapien wie Vojta, die Angehörige schnell erlernen können, um zum Beispiel bettlägerige Patienten zu trainieren“, berichtete der Aachener Physiotherapeut Christian Heckler von verschiedenen Bewegungstherapien, die speziell für Parkinson-Erkrankte entwickelt wurden.

Eigenverantwortung wahrnehmen und offen mit der Krankheit umgehen, sich ganz bewusst von der Opferhaltung befreien, das empfiehlt der Diplom-Sportwissenschaftler Sergey Dockter, der bereits im Hörsaal zum Mitmachen aufforderte und zeigte, dass harmonisierende und aktivierende Übungen gar nicht so schwer zu erlernen sind.

„Will man die Symptome der Parkinson-Erkrankung krampfhaft verbergen, verstärkt das noch die innere Spannung und damit die Symptome“, meinte der Yoga- und Qigong-Lehrer aus Aachen. „Am Anfang steht die Erkenntnis zur eigenen Fähigkeit: sich aufzurichten, aufmerksam in den Bauch zu atmen, die Arme heben zu können. Diesen Fähigkeiten sollte man sich täglich widmen“, riet er den kranken wie auch den gesunden Zuhörern.

Längst nicht mehr „das letzte Mittel“ ist der Hirnschrittmacher – die sogenannte „Tiefe Hirnstimulation“ (THS). „Man wendet dieses Verfahren an, wenn die Medikamentenwirksamkeit deutlich nachlässt oder der Tremor nicht in den Griff zu bekommen ist. Die tiefe Hirnstimulation ist wirklich eine gute Therapie“, erläuterte Professor Björn Falkenburger von der Klinik für Neurologie am Uniklinikum, das Verfahren. In Bewegung bleiben – egal wie – das ist eben das Entscheidende.

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