Aachen - AZ-Forum Medizin: Demenz wird nicht immer erkannt

AZ-Forum Medizin: Demenz wird nicht immer erkannt

Von: Rauke Xenia Bornefeld
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Medizin Forum
Koordination und Lockerung: Diplom-Sportwissenschaftlerin Ruth Hendrix von MedAix übt mit den Besuchern im voll besetzten Hörsaal 4 des Uniklinikums, bevor die Referentenvorträge beginnen. Das macht Spaß und fördert die Leistung des Gehirns. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Ist es noch Vergesslichkeit oder schon Demenz? Warum sind sich Demenz und Depression oft so ähnlich, und wie lassen sich die beiden Erkrankungen auseinanderhalten? „Man kann mit der Diagnose Demenz viel besser umgehen, wenn man möglichst viel weiß“, meint jedenfalls Hans-Gerd Paggen, dessen Frau gerade die Diagnose Demenz erhalten hat.

„Wir wollen ja noch möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen. Wie lässt sich das organisieren?“ Damit stand Paggen beim Forum Medizin von Aachener Zeitung und Uniklinik Aachen zum Thema „Beunruhigend: Demenzielle Erkrankungen“ – moderiert von unserer Redakteurin Sabine Rother – nicht allein da. Und traf zugleich auf geballten Sachverstand aus Medizin, Beratung und Betreuung.

Sorge um die Angehörigen

„Einer von 80 Menschen in Deutschland ist demenzkrank“, sagte Professor Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Uniklinikums. Es war eine Dimension, die nahegeht. Zugleich ist von einer Demenz nicht nur der Erkrankte betroffen, sondern sehr stark auch die Angehörigen.

„Angehörige sind in Gefahr, eine Depression zu bekommen oder suchtkrank zu werden.“ Der Umgang mit den Erkrankten, die Anzeichen zunächst oft verdrängen, die häufig aggressiv werden, kann sämtliche Kraftreserven aufbrauchen. „Deshalb ist es so wichtig, in der Therapie auch das Umfeld einzubeziehen“, sagte Schneider.

Frank Bergmann, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie in Aachen, empfahl Ruhe, Zeit und Geduld: „Tadeln bringt nichts.“ Vor allem sollten sich Demenzkranke und ihre Familien nicht zurückziehen. Das verstärke die Erkrankung. „Geben Sie die Arbeit nicht vorschnell auf. Pflegen Sie Ihre Interessen, trinken Sie ausreichend, und essen Sie gesund. Versuchen Sie, einen regelmäßigen Tagesrhythmus zu behalten“, riet Bergmann. „Körperliches Training fördert die kognitive Leistung!“

Wie die richtige Kommunikation auch bei fortgeschrittener Demenz Ressourcen zutage fördern kann, zeigte Christoph Venedey, Leiter des Seniorenheims am Haarbach in Aachen, in einem eindrücklichen Film über das Verfahren „Marte Meo“, das in seinem Haus eingesetzt wird: Entscheidend ist bei jeder Aktion eine klare und freundliche Kontakt-Aufnahme – zum Beispiel zwischen der dementen Frau und ihrer Pflegerin, die im Film beim Haarekämmen zu sehen sind.

Behutsam wendet die Pflegerin die Regeln von „Marte Meo“ an – und alles klappt. „Unser Medikamentenverbrauch ist stark zurückgegangen. Der Krankenstand der Mitarbeiter ist gesunken“, sagte Venedey. Mittlerweile wurde der gesamte Aachener Stadtteil Haaren/Verlautenheide mit Einzelhändlern, Polizei und Feuerwehr geschult.

Etwas bewegen will auch Gereon Blum, Geschäftsführer des Krankenhauses Düren. In seinem Haus werden demente Patienten nicht „ausgesondert“ sondern auf auf allen normalen Stationen behandelt. „Sie kommen ja nicht wegen ihrer Demenz zu uns, sondern wegen eines Herzinfarktes, eines Tumors oder einer Blinddarmentzündung.“

Ein „Team Altersmedizin“ unterstützt Pflegepersonal, Ärzte und Angehörige. Sie bekommen Tipps für ein interessantes Beschäftigungsprogramm am Krankenbett, damit der Tag-/Nachtrhythmus erhalten bleibt. „Die gesonderte Betreuung ist zwar nicht refinanzierbar, aber wir können Komplikationen vermeiden. Die Patienten sollen ja nicht schlechter wieder hinausgehen, als sie hereingekommen sind.“

Dass Demenz gar nicht immer als solche diagnostiziert wird, erläuterte Professor Kathrin Reetz, Oberärztin der Klinik für Neurologie des Uniklinikums: „Nur jede zweite Demenzerkrankung wird erkannt.“ Eine wirksame Therapie sei damit noch nicht gesichert. Umso mehr seien eine ausführliche Anamnese, neurologische Untersuchungen wie die des Nervenwassers und verschiedene Bildgebungsverfahren wichtig für eine gesicherte Differentialdiagnostik.

Neuropsychologische Tests sind ebenfalls notwendig. Professor Ute Habel, Leitende Psychologin der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik, empfiehlt bei Verdacht verschiedene Tests, die einige Zeit in Anspruch nehmen sollten. „Nur so können wir feine Störungen und auch Muster erkennen, die uns Aufschluss darüber geben, um welche Demenz es sich handelt.“ Demenz ist nicht immer Alzheimer.

Jan Philipp Bach, Oberarzt der Klinik für Neurologie des Uniklinikums Aachen und seit zehn Jahren in der Gedächtnisambulanz dort tätig, stellte die verschiedenen Medikamente vor, die bei einer Alzheimer-Erkrankung eingesetzt werden. „Sie verbessern die Gedächtnisleistung und stabilisieren die Alltagsleistungen.“

Bei vaskulärer Demenz gehe es dagegen eher darum, Risiken für Gefäßverschlüsse zu minimieren. Einer Heilung sei man noch nicht nahe: „Es gibt erste klinische Studien für eine Art Impfstoff, der die Eiweißablagerungen an den Gehirnzellen bei einer Alzheimer-Demenz verhindern solle.“ Darauf können die heutigen Demenzkranken nicht warten.

Umso mehr ist die adäquate Betreuung von großer Bedeutung. Das Demenz-Netz Aachen hat sich auf die Fahnen geschrieben, so passgenau zu beraten, dass die Betroffenen lange zu Hause bleiben können. „Wir haben einen Forschungsauftrag. Die Versorgungsstrukturen in Stadt und Land werden untersucht“, berichtete Andreas Theilig, Projektleiter des Demenz-Netzes. „Wir wollen unsere Angebote befähigen, gezielt zu wachsen.“

Bei Diagnose-Stellung

Aktiv wird die Servicestelle Demenz der AOK in Aachen bereits, wenn für einen Versicherten ein medizinisches Gutachten mit der Diagnose Demenz und der Antrag auf Pflegeleistungen eingeht. In acht Jahren führten neun Mitarbeiter 30.000 Telefongespräche. „Die Menschen sind froh, wenn wir ihre Nöte ernst nehmen. Besonders Fragen zu Kommunikation und Umgang nehmen stark zu“, erklärte Stefanie Froitzheim, Leiterin der Servicestelle.

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