Axtmörder-Prozess: Bruno W. ist das „Böse, der Gegenspieler Gottes”

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
„Meine Tochter hat mich in ih
„Meine Tochter hat mich in ihrem Leben drei Mal umarmt”: Bruno W. aus Gangelt ist vor dem Assisenhof in Lüttich des Mordes an seiner Frau und seinen beiden Kindern angeklagt. Foto: dpa

Lüttich. Es müsste dem Gericht eigentlich klar gewesen sein, dass die Frage, warum ein hochintelligenter Mensch wie aus dem Nichts seine gesamte Familie mit der Axt erschlägt, nicht leicht zu klären sein würde.

Dass ein Eupener Psychotherapeut und ein Angestellter des Sozial-Psychologischen Zentrums Eupen, beide ohne nennenswerte forensische Erfahrung, auf diese Frage auch keine rechte Antwort wussten, war deswegen keine Überraschung. Dass der gebürtige Gangelter Bruno W., 62, schuldig ist, hat er vor dem Assisenhof in Lüttich diese Woche bereits gestanden. Warum er 2007 zu solcher Grausamkeit fähig war, wird das Gericht aller Voraussicht nach nicht herausfinden. Das ist besonders für Verwandte und enge Freunde von Täter und Opfern schlimm.

W. stammt aus ärmlichen Verhältnissen, seine Eltern waren Vertriebene aus Schlesien, die sich in Gangelt im Kreis Heinsberg niederließen. W. kam 1949 zur Welt, kurz darauf starb seine Mutter an Krebs. Nur wenig später fand der Vater über eine Zeitungsannonce eine neue Frau, die er bald heiratete. W.s Halbgeschwister Gisela und Bernhard kamen 1955 und 1960 zur Welt. Erst Mitte der 60er Jahre erfuhren die Geschwister, dass sie unterschiedliche Mütter hatten. Über Brunos Mutter wurde nie wieder geredet.

Bruno W. musste auf dem Bauernhof mitarbeiten, den der Vater gekauft hatte, nur die Schule und die Messdienerei galten dem Vater als Entschuldigung für Bruno, nicht mit anzupacken. Die Familie war schon aufgrund ihrer Herkunft isoliert, die Kinder hatten keine Kontakte außerhalb der Familie. Die Stiefmutter habe Bruno zwar nicht geschlagen, aber „seelischen Grausamkeiten ausgesetzt”.

Manchmal sprach sie tagelang nicht mit ihm. Der verschlossene Vater war niemand, mit dem Bruno W. über das Notwendigste hinaus sprechen konnte. So sagte es Bruno W.s Halbschwester am Mittwoch vor Gericht aus.
Nach der Realschule ging Bruno W. aufs Gymnasium nach Alsdorf, wohin er mit dem Bus fuhr und abends erst spät nach Hause zurückkam. So blieb ihm die Hofarbeit erspart. Gegenüber der belgischen Polizei sagte Bruno W., die drei Jahre auf dem Gymnasium, 1966 bis 1969, seien die schönste Zeit seines Lebens gewesen.

Bruno W. zog nach Aachen und studierte dort auf Lehramt, später noch Pädagogik. Ein früherer Hochschullehrer sagte am Mittwoch aus, W. sei ein sehr guter Student gewesen, von „einer gewissen Brillanz”. Während des Studiums lernte W. seine spätere Frau Irene D. kennen, 1980 zogen sie in einem Haus in Raeren-Eynatten zusammen. 1988 kam Tochter Helene, 1990 Sohn Valentin zur Welt. W. selbst sagte gegenüber den Ermittlern aus, sie seien keine ideale Familie gewesen. Zeugen berichteten von lauten Streitereien und durch die Zimmer fliegenden Gegenständen. Ein sexuelles Interesse an seiner Tochter jedoch bezeichnete W. als „Spekulation”. Das Gericht ging diesem Aspekt am Mittwoch nicht weiter nach.

Bruno W. arbeitete als Dozent an der Aachener Volkshochschule (VHS), er gab Rhetorik-Kurse und Seminare wie „Produktives Streiten” oder „Streiten mit Gespür und Gefühl”. Seine Kurse, sagte am Mittwoch ein VHS-Fachbereichsleiter, seien überaus beliebt gewesen, Selbstläufer. 1992 trennte sich die VHS dennoch von W., da er Kurse wiederholt kurzfristig und ohne Angabe von Gründen abgesagt hatte. Da litt er schon an Depressionen.

Mitte der 90er Jahre schulte er in einem Aachener Buchladen zum Buchhändler um. Trotzdem fand er keine Anstellung in diesem Bereich und betreute später für verschiedene Einrichtungen Jugendliche. 2007, nicht lange vor der Tat, wurde er arbeitslos.

Sämtliche Zeugen, Freunde, Verwandte, frühere Kollegen oder Vorgesetzte, beschrieben Bruno W. am Mittwoch als ruhig und besonnen, aber auch als verschlossen. Niemand, der ein böses Wort verlor. Das Gericht zeigte ein an deutschen Verhältnissen gemessen seltsames Desinteresse an den Zeugen. Fragen, die über das hinaus gingen, was die Polizei an Ermittlungsergebnissen zusammengetragen hatte, wurden nicht gestellt. Während die Zeugen aussagten, blätterte der Vorsitzende Richter in seinen Akten.

Auch die Gutachter brachten den Prozess nicht voran. Die beiden vom Gericht bestellten Eupener Sachverständigen, Psychotherapeut Elmar Homburg und Psychiater Roland Lohmann, die zugaben, kaum über forensische Erfahrung zu verfügen, bescheinigten W. überdurchschnittliche Intelligenz und ausgeprägten Narzissmus. Es sei unwahrscheinlich, dass er während der Morde im Wahn gehandelt habe. Auf die Frage, ob sie ihn für schuldfähig halten, antworteten sie, W. sei intelligent genug, um sich seiner Taten bewusst gewesen zu sein - eine zumindest merkwürdige Schlussfolgerung, da Schuldfähigkeit weniger etwas mit Intelligenz als mehr mit etwaig vorhanden
psychischen Krankheiten zu tun hat.

Der Aachener Neuropsychologe Hanns Jürgen Kunert bezifferte W.s Intelligenzquotienten mit 122, nur sieben Prozent der Menschen in seiner Altersgruppe seien noch intelligenter. Seine Persönlichkeit werde von gegenläufigen Polen getrieben; so sei W. paranoid, selbstunsicher und ängstlich, andererseits aber narzisstisch. Er habe Probleme, seine Psyche zu verstehen und seelisches Empfinden an sich wahrzunehmen. Die Antwort auf die Frage des Gerichts, ob W. seiner Ansicht nach schuldfähig sei, musste Kunert schuldig bleiben. Weder Staatsanwaltschaft noch Gericht hätten ihn darüber informiert, welche Kriterien nach belgischem Recht eine Schuldunfähigkeit bedingen.

Kurz nach seiner Inhaftierung nahm der Seelsorger Norbert Krampen Kontakt mit Bruno W. auf. Sie schrieben sich Briefe, und in einem, sagte Krampen der Polizei, habe W. ihm mitgeteilt: „Ich bin das Böse, der Gegenspieler Gottes.” Nach dem Verlauf des bisherigen Prozesses gegen Bruno W. ist denkbar, dass keine präziseren Antworten auf die Frage, wie all das geschehen konnte, zu Tage gefördert werden.
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert