Autodiebstahl: Eine Nacht auf Streife im Grenzgebiet

Von: Marlon Gego
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Einsatz in der Nacht: Wenn die deutsche Polizei im deutsch-hölländischen Grenzgebiet Autodiebe jagt, scheitert ein Erfolg oft an der mangelnden Kooperation der holländischen Polizei. Foto: imago/7aktuell, Michael Jaspers
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Zwei der für Autodiebstähle zuständigen Aachener Polizisten: Viola Kamrad und Jürgen Offermanns.

Aachen/Herzogenrath. Nach zwölf Minuten weiß jeder, was er machen soll und wo er stehen wird, Ulf kurz vor der Grenze, Anke und Gustav etwas weiter davor, Jürgen kreist, Frank bleibt in der Zentrale, die Einsatzbesprechung ist zu Ende.

Offermanns und die anderen stehen auf und holen ihre Sachen aus den Büros, auf dem Gang in der dritten Etage des Aachener Polizeipräsidiums laufen kurz alle durcheinander. „Ruhig bleiben, sonst hat es sowieso keinen Sinn“, sagt Offermanns mehr zu sich selbst, und auch damit hat er Recht. Der Einsatz beginnt.

Fast jedes vierte Auto, das 2015 in Nordrhein-Westfalen gestohlen wurde, stand in Stadt oder Altkreis Aachen, insgesamt waren es mehr als 1000. Die Tendenz ist steigend, Ende 2016 werden noch mehr Autos gestohlen worden sein. Wäre Autodiebstahl legal, würde man von einem Boom sprechen. Viele, deren Auto zum ersten Mal gestohlen wird, glauben, dass die Polizei ohnehin nichts unternimmt, vergangenes Jahr beschwerte sich ein Mann aus Aachen sogar bei der Landesregierung in Düsseldorf.

Es ist kurz vor 18 Uhr, als alle auf ihren Positionen sind, Ulf mit Fernglas an der Ausfallstraße kurz vor dem deutsch-niederländischen Grenzübergang Locht in Aachen-Horbach, Anke und Gustav auf derselben Straße etwas weiter davor in Aachen-Richterich, Frank bleibt in der Zentrale am Computer. Jürgen Offermanns (50) und Viola Kamrad (35) kreisen, fahren also durch die Straßen im Grenzgebiet und beobachten.

Ulf schaut in die aus Holland kommenden Autos. Wenn er Verdächtige entdeckt, gibt er das Kennzeichen über Funk in die Zentrale. Dort sitzt Frank und überprüft, ob gegen den Halter des Autos etwas vorliegt oder das Kennzeichen zu einem gestohlenen Auto passt. Ist das der Fall, nimmt die Polizei die Verfolgung auf, mehr als 20 zivile Polizeiwagen sind an diesem Abend Ende November im Einsatz.

Es ist nicht so, dass die Polizei keine Vorstellung davon hätte, wer die Autos in Deutschland stiehlt, sie kann nur eben wenig dagegen unternehmen. Das Muster der Diebstähle ist immer dasselbe, es beginnt damit, dass die Diebe tagsüber in ihren eigenen Autos von Holland aus nach Aachen, Herzogenrath, Übach-Palenberg oder in eine andere Grenzstadt kommen und eine Liste von Autos zusammenstellen, die sie abends stehlen wollen.

Die Diebe sind zwischen 17 und 25 Jahre alt und kommen aus Holland oder einer der Teilrepubliken der früheren Sowjetunion: Litauen, Georgien, Tschetschenien. Abends kommen sie, nun in gestohlenen Autos, wieder nach Deutschland und arbeiten die tagsüber erstellten Listen ab. Oft klauen sie auf Bestellung, die Kunden wissen genau, welches Modell sie in welcher Farbe und welcher Ausstattung haben wollen.

Um 18.24 Uhr gibt Ulf von Horbach aus ein Kennzeichen durch, das zu einem als gestohlen gemeldeten Auto passt. Weil es einige Minuten dauert, bis Frank in der Zentrale im Polizeipräsidium diese Informationen recherchiert hat, haben die eingesetzten Polizisten das aus Holland kommende Auto aus den Augen verloren. Per Funk werden alle am Einsatz teilnehmenden Polizeiautos in Aachen zusammengezogen, die Suche nach dem Auto beginnt. Offermanns ist sicher, dass in diesem Auto Autodiebe sitzen.

Es sind nicht nur Polizisten des Kriminalkommissariats 14 (KK14) für Einbruch und Autodiebstahl im Einsatz, sondern auch Beamte aus dem KK43, Spezialisten für Observierungen. Auch die Kölner Autobahnpolizei beteiligt sich mit neun Autos und 18 Polizisten am Einsatz. Innerhalb von wenigen Minuten sind alle Zufahrtswege von Aachen zum Grenzübergang Locht voller ziviler Polizeiautos. „Wenn die Diebe über diesen Grenzübergang nach Holland zurückfahren, haben wir sie“, sagt Offermanns und wartet ab.

Der Leiter des KK14, Rolf Hunds, ein drahtiger Mann Ende 50, der aussieht wie Mitte 40, sagt, dass bis auf die Diebe selbst alle Beteiligten des Geschäfts mit den gestohlenen Autos unter dem Deckmantel der Legalität arbeiten: die Spediteure, die die Autos zum Teil nach Osteuropa oder Nordafrika bringen; die Mechaniker, die den anderen Teil der Autos zerlegen und ihre Einzelteile in alle Welt verkaufen; und schließlich die eigentlichen Auftraggeber, die Gebrauchtwagenhandel treiben, Autowerkstätten haben oder Lackierereien besitzen.

Rolf Hunds und alle anderen Aachener Polizisten wissen das, sie kennen viele der Protagonisten. Nur ist das Gewerbe überwiegend in Holland angesiedelt, wo die deutsche Polizei nicht tätig werden darf. Und das ist das Problem.

Gegen 19 Uhr sagt Kamrad, die Männer im gestohlenen Auto hätten wahrscheinlich einen anderen Weg zurück nach Holland genommen, sonst wäre er erwischt worden. „Scheiße“, sagt Offermanns und startet den Motor. Frustriert? Er sagt: „Darüber nicht.“

Kamrad und Offermanns sind kaum fünf Minuten unterwegs, dann stehen sie vor einer versteckt liegenden größeren Halle, ein Kfz-Betrieb. Offermanns fährt um die Halle herum, überall stehen Karosserien von ausgeschlachteten Autos. „Die meisten wahrscheinlich gestohlen“, sagt Kamrad.

Man würde denken, dass Kamrad und Offermanns jetzt anhalten, aussteigen und die Fahrgestellnummern an den mutmaßlich gestohlenen Autos suchen, die Nummern in die Zentrale funken und abwarten, was Frank herausfindet. Doch Offermanns und Kamrad bleiben im Auto sitzen und fahren weg.

Damit die Polizei auf einem Privatgelände Autos untersuchen darf, braucht sie einen richterlichen Beschluss, obwohl die Autos vor der Halle auf einem für jedermann zugänglichen Gelände stehen. Doch ein bloßer Verdacht reicht nicht, um die Unterschrift eines Richters unter einem Durchsuchungsbefehl zu bekommen, da müssten Offermanns und Kamrad schon mehr in der Hand haben, belastbares Beweismaterial.

Noch schwieriger ist es, wenn sie in Holland Autos untersuchen wollen, dann müssen sie ein Rechtshilfeersuchen an die niederländische Polizei richten. Darin bitten sie dann darum, dass die niederländische Polizei dies oder jenes tun soll, und oft ist es so, dass einfach nichts passiert.

Die Aachener Polizei hat viele belastbare Hinweise auf im holländischen Grenzgebiet ansässige Banden, die vom Handel mit gestohlenen Autos leben, alle mit legalem Anstrich. Die Aachener Polizisten stellen regelmäßig Rechtshilfeersuchen für Observationen, Hausdurchsuchungen und Telefonüberwachungen, doch die Holländer unternehmen: „Zu oft nichts“, sagt Offermanns. „Das ist es, was frustrierend ist.“

In Holland herrscht im Gegensatz zu Deutschland kein Strafverfolgungszwang, die holländische Polizei kann sich in Absprache mit Bürgermeister und Staatsanwälten aussuchen, welche Straftaten sie verfolgt und welche nicht. Offermanns sagt, dass Holland eine alte Handelsnation sei, die das mit dem Autodiebstahl nicht so eng sehe, weil es keinen wirklichen Geschädigten gibt.

Die gestohlenen Autos sind ohnehin meist Firmenwagen, die Versicherung bezahlt, der Bestohlene bekommt zügig Ersatz. Lästiger Papierkram zwar, aber am Ende zahlt ja die Versicherung und holt sich das Geld durch das Anheben der Versicherungsbeiträge von allen Versicherten zurück. So zahlen am Ende alle für die gestohlenen Autos, jeder halt ein bisschen.

Das ist in Holland so, das ist in Deutschland so, nur ziehen die holländische und die deutsche Polizei unterschiedliche Schlüsse daraus. Die Kriminellen wissen das, weswegen das niederländische Grenzgebiet ein sicherer Rückzugsort für Autodiebe ist. Es gibt dort Betriebe, die seit Generationen mit gestohlenen Autos handeln. Und die dortige Polizei lässt das zu.

Neue Einsatzbesprechung auf einem Supermarktparkplatz in Herzogenrath. Einige Zivilstreifen kreisen, fahren also durch das deutsche Grenzgebiet und suchen nach Verdächtigen. Ulf und Roland positionieren sich wieder in Aachen-Horbach, sie glauben, dass dort noch was passiert.

Offermanns und Kamrad sehen in Herzogenrath einen neuen Audi A5, Neupreis etwa 60.000 Euro, zwei junge Männer steigen aus. Kamrad funkt das Kennzeichen nach Aachen, Frank beginnt in der Zentrale mit der Überprüfung. Er funkt zurück, dass Fahrzeug und Halter, geboren 1993, unauffällig seien. Offermanns sagt: „Wie kommt so ein junger Kerl an so ein teures Auto?“ Er startet den Motor und fährt weiter.

Die Situation für die Aachener Polizei ist schwierig, die Arbeit unglaublich mühsam, doch die Polizisten tun, was sie können. Der Einsatz an diesem Abend ist von niemandem angeordnet worden, die Beamten im KK14 haben selbst beschlossen, dass der Einsatz notwendig ist. Kamrad sagt, dass nach dem Einsatz einige Tage lang keine oder kaum Autos in der Region gestohlen werden, allein deswegen würde er sich lohnen.

Alle Beamten haben Besseres zu tun als sich die Nacht in den uralten Zivilfahrzeugen um die Ohren zu schlagen, die Aussichten auf Erfolg sind ohnehin gering. Kamrad ist Mutter zweier kleiner Kinder, Offermanns hat allein in den ersten drei Novemberwochen 27 weitere Überstunden angehäuft, die Kollegen vom KK43 und der Autobahnpolizei sind auch nicht unterbeschäftigt. Trotzdem sind alle wie selbstverständlich dabei, freiwillig.

Gegen 22.15 Uhr telefoniert KK14-Leiter Hunds mit Offermanns, sie ordnen den Einsatz neu. Kamrad und Offermanns fahren nun an den Grenzübergang Locht und warten. In Aachen-Horbach stehen Ulf und Roland und bereiten eine Straßensperre vor, sie haben ja geahnt, dass noch etwas passieren würde. Offermanns und Kamrad warten.

Gegen 23 Uhr fahren zwei Autos aus Holland auf die Grenze zu, Offermanns sagt: „Da kommen sie.“ Die beiden Autos mit Geilenkirchener und Dürener Kennzeichen halten hinter Offermanns‘, fünf Insassen steigen aus, ahnen, dass Offermanns und Kamrad Polizisten sind, steigen wieder ein und rasen Richtung Aachen. Kamrads Funkspruch bleibt zwischen Grenze und Horbach hängen, deswegen können Ulf und Roland die Straße nicht rechtzeitig sperren.

Doch es sind genügend Polizisten im Einsatz. Verfolgungsjagd durch Aachen. Das Auto mit dem Geilenkirchener Kennzeichen wird in Vaalserquartier gefunden, die beiden Insassen flüchten zu Fuß. Später findet die Polizei Drogen und Einbruchswerkzeug im Kofferraum, kurz wird überlegt, weiter nach den Insassen suchen. Aber Frank hat herausgefunden, wer der Fahrer ist, ein polizeibekannter Mann. Er wird der Polizei ins Netz gehen, früher oder später.

„Ruhig bleiben“, sagt Offermanns, „sonst hat es sowieso keinen Sinn.“ Er startet den Motor und fährt zurück zur Grenze. Die Nacht hat gerade erst begonnen.

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