Abu Dhabi/Aachen - Auszeit als Artist: Aachener Student arbeitet in Abu Dhabi

Auszeit als Artist: Aachener Student arbeitet in Abu Dhabi

Von: Nina Leßenich
Letzte Aktualisierung:
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Eine Leidenschaft: Steffen turnt seit viereinhalb Jahren Cyr, ist aktuell Nummer Fünf auf der Weltrangliste.

Abu Dhabi/Aachen. Die Skype-Verbindung ist ein wenig sprunghaft, immer wieder bleibt die Übertragung kurz stehen, der Ton kommt leicht verzögert an. Steffen Kastian sitzt zurückgelehnt auf einer hellen Couch und blickt in die Kamera. Er wirkt entspannt. „Das war alles sehr spontan und ich muss jetzt von hier aus noch Vieles regeln“, sagt Steffen. „Hier“, das ist in Abu Dhabi.

Sechseinhalbtausend Kilometer von Aachen entfernt hat der Bauingenieur-Student für ein Jahr eine neue Heimat gefunden – und einen neuen Job. Steffen arbeitet als Artist in der Ferrari World – dem größten Indoor-Themenpark der Welt.

„Ich wollte schon immer eine Auszeit als Artist nehmen“, sagt Steffen. Er turnt Cyr, seit viereinhalb Jahren, ist aktuell Nummer Fünf auf der Weltrangliste. In Aachen trainierte er beim Hochschulsport. „Im vergangenen Jahr habe ich mich auf eine Stelle in der Ferrari World beworben“, erzählt er. Außerdem bewarb er sich bei drei Kreuzfahrtschiffen. Doch damals sei er „zu schlecht“ gewesen, wurde abgelehnt. „Damit war das Ganze erst einmal abgehakt“, sagt Steffen.

Zwei Wochen Zeit

Im Juni dieses Jahres dann erhält Steffen unerwartet eine E-Mail aus Abu Dhabi – mit einem Stellenangebot. „Ich war gerade auf einem Trainingswochenende für die anstehende Weltmeisterschaft und habe quasi sofort alles stehen und liegen gelassen“, erinnert sich Steffen. Zur Weltmeisterschaft nach Italien fährt er noch, eine geplante Deutschlandreise sagt er ab. „Die finale Zusage hatte ich dann gute zwei Wochen, bevor mein Flieger ging“, sagt Steffen.

Danach musste es schnell gehen: Einen Nachmieter für die Wohnung finden, eine Garage für das Auto suchen, alle ausstehenden Klausuren abmelden – und die Masterarbeit hinschmeißen. „Ich hatte mit meiner Masterarbeit schon angefangen“, erzählt der Student. Das Thema war abgesegnet, erste Versuche bereits gemacht, neben der Abschlussarbeit fehlten Steffen nur noch vier Klausuren für seinen Master. „Ich hatte da echt schon viel Arbeit reingesteckt“, sagt er. „Zum Glück bin ich aber im Guten mit meinem Betreuer auseinander gegangen.“ Wenn er in einem Jahr zurückkomme, werde sich schon ein neues Thema finden lassen.

Sein Arbeitsvisum bekommt Steffen schließlich eineinhalb Tage vor Abreise. Am Tag des Fluges heiratet seine Schwester. „Ich bin dann direkt von der Hochzeit mit dem Taxi zum Flughafen gefahren, damit alles passt“, sagt Steffen und lacht. Er hat kein Problem mit Spontanität – das merkt man ihm an. Bei seinem schnellen Abschied aus Deutschland habe er sogar einiges gelernt – beim Packen zum Beispiel. „Es ist spannend zu sehen, was man von seinem ganzen Kram wirklich braucht“, sagt Steffen. „Das war eine gute Erfahrung!“

In Abu Dhabi lebt Steffen nun gemeinsam mit einem weiteren Artisten in einem Apartment, 35 Kilometer von der Ferrari World entfernt. Die Wohnung mit Pool auf dem Dach stellt sein neuer Arbeitgeber ihm zur Verfügung. Überhaupt habe er sich um wenig Organisatorisches kümmern müssen, sagt Steffen. Visum, Flug, Unterkunft und der Transfer von der Wohnung zum Themenpark während des ersten Monats – alles von der Ferrari World organisiert.

Sieben Stunden Training

Im größten überdachten Themenpark der Welt ist Steffen Teil der Show „Red“, gemeinsam mit 30 weiteren Artisten aus aller Welt. In den ersten vier Wochen seines Aufenthalts stand die Show-Vorbereitung auf dem Programm. „Wir haben einen Monat lang jeden Tag sechs bis sieben Stunden trainiert, damit in der 25-minütigen Show auch alles perfekt sitzt“, erzählt Steffen.

Für ihn eine unwirkliche Erfahrung: „Bisher habe ich hauptsächlich mein Studium gemacht und musste zusehen, dass ich es nebenher überhaupt noch schaffe, regelmäßig zum Training zu kommen. Jetzt gehe ich den gesamten Tag lang meinem Hobby nach.“ Es sei eben doch ein kleiner Traum, der mit dem Engagement in Abu Dhabi in Erfüllung gehe. „Was kann es Schöneres geben, als sein Hobby zum Beruf zu machen?“

Steffens Alltag in Abu Dhabi beginnt um 11.45 Uhr mit der Abfahrt zum Themenpark. Um 12.30 gibt es ein erstes Briefing. „Da wird geklärt, wer heute in der Show was macht“, erklärt Steffen. „Danach gibt es Mittagsessen und wir machen uns warm für die erste Show um 14 Uhr.“ Dienstags bis donnerstags tritt der 24-Jährige zweimal täglich auf, freitags und samstags dreimal. Jeden seiner Auftritte sehen zwischen 400 und 500 Themenpark-Besucher. Nervös mache ihn das nicht. „Wir haben unsere Show viel trainiert und viel Arbeit reingesteckt. Man weiß, dass man seine Parts kann. Das gibt einem Sicherheit.“

Über 40 Grad

Neben den Shows hat Steffen in Abu Dhabi viel Freizeit: An Tagen mit zwei Auftritten beginnt sein Feierabend um 16.30 Uhr, freitags und sonntags um 18.30. Viel von der Kultur in Abu Dhabi habe Steffen bisher trotzdem noch nicht mitbekommen. „In meinen ersten vier Wochen hier war Ramadan. Da isst und trinkt man auch als Ausländer in der Öffentlichkeit tagsüber nichts“, erzählt Steffen. Bei über 40 Grad Außentemperatur halte man sich tagsüber außerdem auch nur selten draußen auf.

„Ich will aber definitiv noch mehr von der arabischen Kultur kennenlernen“, sagt Steffen. Zeit dazu bleibe ihm schließlich noch genug. Außerdem habe er 26 Urlaubstage, die wolle er nutzen, um mehr von seiner neuen Wahlheimat zu sehen.

Bisher habe er Abu Dhabi als „sehr moderne Stadt“ kennengelernt. „Hier ist es total international. Es gibt mehr Ausländer in der Stadt als Einheimische“, sagt er. Grundsätzlich sei alles sehr westlich. „Die haben hier eben Geld“, sagt Steffen schulterzuckend.

Dass er ausgerechnet in den mittleren Osten geht, sei besonders für seine Mutter zunächst schwer gewesen. „Meine Mama war sehr traurig, dass ich soweit weggehe“, erzählt Steffen. Ihm selbst sei der Abschied nicht so schwer gefallen. „Ich komme gebürtig aus Hamburg, studiere in Aachen. Da habe ich meine Familie auch in Deutschland nicht so häufig gesehen.“ Schwieriger sei es für ihn, mit der Angst und den Sorgen seiner Familie umzugehen. „Aber nach vielen Telefonaten konnte ich meiner Mutter diese Angst inzwischen nehmen“, sagt Steffen.

Sichere Stadt

Er selbst mache sich keine Gedanken, dass es für ihn in Abu Dhabi auch gefährlich werden könnte. „Das hier ist eine der sichersten Städte in den Emiraten“, sagt Steffen. Überall gebe es Polizei, in seinem ersten Monat habe er noch keine einzige heikle Situation erlebt. „Hier passiert nichts. Ich mache mir da keine Gedanken“, sagt Steffen und lehnt sich entspannt zurück. Er wirkt unbekümmert.

Trotz all seiner augenscheinlichen Unbekümmertheit: Einer beruflichen Zukunft als Artist steht Steffen durchaus skeptisch gegenüber. „Es ist derzeit unheimlich toll und macht super viel Spaß als Artist zu arbeiten“, sagt er. „Man muss allerdings immer beachten, dass man diesen Job nur einige Jahre machen kann – und sich auch jeder Zeit verletzen könnte.“ Zudem sei es sehr schwierig, eine Anstellung zu bekommen. „Es gibt viele Artisten, die Probleme haben, einen Job zu finden“, erzählt Steffen.

Wenn er weiterhin die Möglichkeit habe, als Artist zu arbeiten, könne er sich aber trotzdem vorstellen, diesem Job noch einige Jahre nachzugehen. „Vielleicht aber nicht unbedingt hier, sondern auch einmal in einem anderen Land oder aber auf einem Kreuzfahrtschiff“, sagt Steffen.

Sein Studium möchte Steffen in jedem Fall trotzdem noch abschließen, sich damit eine Option offen halten. „Entweder ich nehme mir ein Urlaubssemester oder ich versuche, das alles irgendwie anders zu regeln“, sagt er. Vielleicht nehme er sich auch einige seiner Urlaubstage, um dann in Aachen die restlichen vier Klausuren zu schreiben. Und während seine Kommilitonen in Aachen gerade vermutlich für genau diese fleißig lernen, heißt es für Steffen auch heute wieder: Vorhang auf.

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