Ausstellung zeigt: Wikinger waren mehr als wilde Krieger

Von: Eckhard Hoog
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Ein neues Bild der Wikinger zeichnet eine Ausstellung im Gallo-Römischen Museum im belgischen Tongeren. Foto: Gallo-Römisches Museum
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Ihre Drachenschiffe waren weithin gefürchtet: Bis nach Südeuropa und Russland drangen die Wikinger damit vor. Foto: Gallo-Römisches Museum
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Das offizielle Plakat zur großen Wikinger-Ausstellung im belgischen Tongeren zeigt: Ganz so schlimm können die wilden Horden aus dem Norden doch nicht gewesen sein...
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Diese Kette aus Gold, Silber und edlen Steinen ist das Ergebnis hervorragender Handwerkskunst der Wikinger. Die feine Filigranverzierung beweist ihre außerordentliche Kunstfertigkeit.
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Auch die Architektur des Museums ist sehenswert: entworfen von Alfredo De Gregorio aus Hasselt. Foto: E. Hoog

Tongeren. Ihr Ruf lässt zu wünschen übrig: Die Wikinger gelten bis heute hin als kampfeslustige Barbaren, die mit ihren Raubzügen quer durch Europa die Völker in Angst und Schrecken versetzten. Eine Ausstellung im Gallo-Römischen Museum von Tongeren will ab dem kommenden Wochenende ein anderes Bild von den Wikingern zeigen: die besondere Rolle der Frau.

Von 800 bis etwa 1050 erstreckte sich ihre Blütezeit; die um 1000 n. Chr. fortschreitende Christianisierung sorgte letztlich dafür, dass die räuberischen Stämme aus dem Norden nach und nach zu sesshaften Zeitgenossen wurden, die ihren heidnischen Göttern allmählich den Rücken kehrten und die allseits Furcht verbreitenden Segel ihrer Drachenschiffe strichen.

Rund 20 Spielfilme – „Die Wikinger“ (1958), „Raubzug der Wikinger“ (1964), „Erik der Wikinger“ (1989), „Beowulf & Grendel“ (2005) und wie sie alle heißen – vermitteln den Eindruck, dass das Leben der Wikinger fast ausschließlich aus Mord und Raubzügen, mindestens aber aus kriegerischen Auseinandersetzungen bestand. Tatsächlich aber waren die meisten Wikinger von Hause aus Bauern, Händler oder schlichte Handwerker.

Wenn sie sich allerdings zu Kreuzfahrten durch halb Europa zusammenschlossen, dann hieß es in der Tat für die unverhofft Besuchten: Reißaus nehmen. Immerhin sah sich selbst Karl der Große irgendwann genötigt, an der friesisch-sächsischen Waterkant eine Küstenwache einzurichten.

Ein völlig anderes Bild der Wikinger will die neue Sonderausstellung im Gallo-Römischen Museum von Tongeren zeichnen, die am 18. Oktober beginnt und bis zum 15. März 2015 dauert. Hier stehen die Wikinger ausnahmsweise einmal nicht nur als brutale Plünderer im Mittelpunkt.

Die stimmungsvolle Ausstellung konzentriert sich vor allem auf ihr Familienleben, die harte Arbeit auf dem Bauernhof und die wichtige Rolle der Frau in der Wikinger-Gesellschaft. Vor allem aber wird hier ihrer ausgesprochen intensiven Neigung und ihrem Sinn für Kunst Aufmerksamkeit geschenkt und auch ihrer vielfältigen Götterwelt.

So soll ein völlig neuer Eindruck von dem Volk aus dem Norden, den vermeintlich berüchtigten Eroberern, vermittelt werden. Die Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Historischen Museum Stockholm entstanden. Im Berliner Martin-Gropius-Bau ist übrigens gleichfalls eine Ausstellung „Die Wikinger“ zu sehen (bis 4. Januar 2015), sie wurde zusammengestellt von einem deutschen, einem dänischen Museum sowie dem British Museum in London.

In Tongeren gehören zu der Schau rund 500 Exponate, die ein möglichst lebendiges und menschlich interessantes Bild der Wikinger-Kultur wiedergeben sollen. Zu sehen ist neben Juwelen, Textilien und Waffen auch ein prächtiges Wikingerschiff. Ebenso im Mittelpunkt der Ausstellung stehen spannende Filmaufnahmen, interaktive Displays und eine ganze Reihe von Multimedia-Installationen, die sehr anschaulich zu zahlreichen Themen die Wikinger-Zivilisation vor Augen führen.

Das stereotype Bild von den blutrünstigen Kriegern mit dem Kampfbeil in der Hand und dem gehörnten Helm auf dem Kopf soll sich angesichts der differenzierten Präsentation jedenfalls weitgehend auflösen. „Die Wikinger“, heißt es vonseiten des Museums, „waren sicher keine Unschuldslämmer, aber sie waren sehr viel mehr als die wilden Krieger, für die man sie heute meistens hält.“

Die Wikinger lebten in großen Teilen Skandinaviens, in dem Gebiet des heutigen Schweden, Dänemark und Norwegen. Sie nannten sich selbst jedoch nicht Wikinger, und sie fühlten sich auch keineswegs als solche. Das Wort „Wikinger” leitet sich von dem altnordischen Sub-stantiv „víkingr“ (Maskulinum) ab, das „Seekrieger, der sich auf langer Fahrt von der Heimat entfernt“ bedeutet.

Das Femininum „víking“ bedeutete nur die weite Schiffsreise, später auch die „Kriegsfahrt zur See an entfernte Küsten“. Das Wort „Wiking“ kommt nur selten auf den üblichen Runensteinen aus dieser Zeit vor, und wenn, dann wurde damit eine Handlung beschrieben: Männer, vielleicht auch Frauen und Jünglinge gingen auf „Wiking“, das heißt auf eine Handelsreise oder eben einen Raubzug

Die Männer hatten jedenfalls das Sagen: Sie bekleideten in der Gesellschaft die offiziellen Funktionen. Die Frauen blieben dagegen eher im Hintergrund, aber im persönlichen Haushalt und auf dem Bauernhof führten sie sehr wohl das Regiment. Diese durchaus doch herausragende Rolle der Wikinger-Frau wird mit zahlreichen Exponaten in der Ausstellung ganz besonders hervorgehoben.

Von einem einheitlichen Wikingervolk oder einem Wikingerreich war indessen nie die Rede. Zwischen den verschiedenen Regionen bestanden zwar Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede. Bemerkenswerte Parallelen findet man in der Kunst, der Sprache und der Religion. Das häufigste Motiv in der Kunst war ein stilisiertes Tier, manchmal in Kombination mit menschlichen Gesichtern.

Handwerker verarbeiteten diese Tierornamente zu prächtigen goldenen und silbernen Gegenständen: Halsringen, Armbändern, Gewandnadeln und Gürtelbeschlägen. Geschliffene Stücke Bergkristall wurden dabei als Lupe verwendet. Viele der von den Wikingern angefertigten Objekte sind qualitativ so hochwertig, dass es heute schwer ist, sie nachzumachen.

Für die Kommunikation verwendete man eine gemeinsame Sprache, das Altnorwegisch, das wie Englisch, Deutsch oder Niederländisch zur Familie der germanischen Sprachen gehörte. Zum Schreiben benutzten die Normannen – so wurden sie auch genannt – Runenzeichen. Die Runen, die man unter anderem von Runensteinen kennt, sind zu starken Symbolen der Wikingerzeit geworden, obwohl sie schon lange zuvor auch von anderen Völkern verwendet wurden.

Eine gemeinsame theologische Lehre oder so etwas wie eine „Bibel” kannten die Wikinger nicht. Die ursprüngliche, einheimische Religion war außerdem keine Religion in der allgemeinen Bedeutung des Wortes, sondern eher ein gemeinsames System alter Sitten und Gebräuche, Auffassungen und Wertvorstellungen, die mehr waren als nur die Verehrung eines oder mehrerer Götter.

Die Götterwelt der Wikinger bevölkerten sowohl Götter als auch Göttinnen. In der Ausstellung sind herrliche Schmuckstücke zu sehen, auf denen die wichtigsten und bekanntesten Götter und Göttinnen dargestellt werden: Odin, Thor und Freya. Viele dieser Götter wurden in großen Teilen Skandinaviens verehrt.

In der Mitte des 8. Jahrhunderts entstanden vielerorts in Skandinavien Handelsorte. Exotische Waren wurden in den Häfen angeliefert. Wer es sich leisten konnte, kaufte oder tauschte fränkische Glasbecher, ein irisches Kreuz, einen silbernen Anhänger mit Bergkristallen aus Südosteuropa oder sogar Muscheln aus dem Roten Meer oder dem Indischen Ozean, um Anhänger daraus anzufertigen. Pelze, Honig, Bienenwachs, Sklaven und Dienstleistungen wurden dafür eingetauscht. Auf diese Weise entwickelte sich die Kultur auch durch die Begegnung mit anderen Völkern.

Handelsorte in Skandinavien, aber auch im Rest Europas zogen Luxusartikel von nah und fern an und waren beliebte Ziele für Raubzüge. Händler, die von Auslandsreisen zurückkehrten, erzählten auch Geschichten über unbewachte Klöster und Städte mit immensem Reichtum – ein attraktiver Anziehungspunkt für Plünderer.

Bereits Ende des 8. Jahrhunderts hatten im Westen die Nordseeküste, das Fränkische Reich und die britischen Inseln unter Überfällen zu leiden. In der Mitte des 9. Jahrhunderts drangen mehrere Wikingerflotten über Spanien bis ins Mittelmeer vor.

Andere Gruppen zogen von Skandinavien aus in das Gebiet des heutigen Russland und noch weiter ostwärts bis in die Länder rund um das Schwarze und das Kaspische Meer, in das byzantinische Reich und das Kalifat in den arabischen Ländern. Auf Island und Grönland wurden Kolonien gegründet. Von dort aus wagten die Wikinger viele Jahrhunderte vor Christoph Kolumbus die Überfahrt nach Nordamerika und gingen dort als erste Europäer an Land.

Für diese oft sehr weiten Reisen der Wikinger waren Schiffe unentbehrlich. Die Wikinger waren die besten Schiffbauer ihrer Zeit. Die meisten Schiffe aus der Wikingerzeit waren Handelsschiffe, die mit Waren beladen wurden und nur sehr langsam vorwärtskamen. In der Ausstellung ist eine Rekonstruktion eines kleinen Handelsschiffes zu sehen, das Ende des 19. Jahrhunderts in Norwegen ausgegraben wurde. Für den Kampf und die Raubzüge verwendeten die Wikinger jedoch andere Schiffe. Die Kriegsschiffe waren aufgrund ihrer langen und schmalen Form und der vielen Ruderer, die sie vorantrieben, viel schneller.

Natürlich gibt es neben den Multimedia-Installationen auch die klassischen Tafeln mit Texten (auch auf Deutsch), Illustrationen und Karten der Verbreitung. Erwachsene und Kinder können einen Audioführer mit einer speziell auf sie zugeschnittenen Führung benutzen. Er bietet Informationen und Erläuterungen zu den wichtigsten und bemerkenswertesten Objekten. Für die Kinder gibt es darüber hinaus kreative Workshops.

Das Gallo-Römische Museum arbeitet im Rahmen dieser Wikinger-Ausstellung eng mit dem Centre Céramique in Maastricht zusammen. Dort geht es parallel um die Wikinger in den Niederlanden. Der naheliegende Grund der Kooperation: Tongeren und Maastricht erhielten im Jahr 881 Besuch von den Wikingern…

In Maastricht konzentriert man sich vor allem auf die Spuren der Wikinger an Maas, Schelde und Rhein. Zu sehen sind etwa Silberschätze, ein echtes Wikingerschwert und edler Schmuck.

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