Ausstellung „Pilgern - Sehnsucht nach Glück?“ eröffnet in Köln

Von: Martin Thull
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Pilger mit aufgespannten Gebetsfahnen am heiligen Berg Kailash in Tibet. Auch dieses Foto ist in der Kölner Ausstellung zu sehen. Foto: Dieter Gologowski
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Diese Frauen sind mit ihren Kindern zur Basilika von Guadelupe nach Mexiko-Stadt gepilgert. Es ist ein Marienwallfahrtsort. Foto: Rautenstrauch-Joest-Museum

Region. Das ist ein Angebot für neugierige Weltenbummler, für Heimkehrer aus Mekka oder Santiago de Compostela, für wissensdurstige Zeitgenossen, die über den Tellerrand der eigenen Religion oder Weltanschauung blicken möchten. Nicht zuletzt für Familien, die sich mit dem Pilgerrucksack auf den Weg durch die 14 Stationen der Ausstellung machen.

Alle wollen mehr von dieser Welt erfahren, von den Sehnsüchten der Menschen in allen Erdteilen und deren Weg hin zu mehr Glück. Glück haben die Ausstellungsmacher im Motto der Ausstellung mit einem Fragezeichen versehen. Sie sind vorsichtig. Denn wer sich auf Pilgerreise begibt, der muss nicht unbedingt von einer Sehnsucht nach Glück bewegt werden. Die Motive für eine Pilgerfahrt sind so vielfältig wie die Menschen selbst.

14 Orte

Die Sonderausstellung „Pilger – Sehnsucht nach Glück?“ im Rautenstrauch- Joest-Museum in Köln (bis 9. April 2017) ist ein Statement. Da wird nicht ein Wallfahrtsort allein in den Vordergrund gerückt, nicht eine Religion. Vielmehr werden 14 Orte quer durch die Welt zunächst isoliert vorgestellt – mit ihren jeweiligen Eigenheiten.

Aber es wird ebenso Gemeinsames gesucht wie Gegensätzliches. Weil jeder dieser Wallfahrtsorte auch etwas aussagt über die Lebenswirklichkeit der Menschen, die ihn besuchen, über ihre Bereitschaft zu Schmerz und Opfer, über ihre Kultur.

Und doch ist wiederum Köln der Ausgangspunkt und das Ziel der vielfältigen Geschichten über das Pilgern. Denn durch die Reliquien der Heiligen Drei Könige, die Rainald von Dassel in Mailand sich hat „schenken“ lassen, wurde Köln zu einem der wichtigen Wallfahrtsorte im Mittelalter und zehrt von diesem Ruhm bis heute. Pilger aus ganz Europa kamen zu dem goldenen Schrein, lange bevor der steinerne Schrein des Dombaus vollendet wurde.

Und sie zogen aus von der Stadt am Rhein nach Guadelupe in Südamerika oder auf die arabische Halbinsel nach Mekka, nach Santiago de Compostela, wo die Gebeine des Apostels Jakobus verehrt werden, oder ins indische Kerbela. Wenn man so will, ist das der lokale Bezug dieser weltumspannenden Ausstellung.

Wer nun den Eindruck gewinnt, dies alles sei intellektuell hochstehend wissenschaftlich vermittelt, der irrt. Ganz im Gegensatz vermittelt die Ausstellung sehr sinnlich ganz unterschiedliche Eindrücke: Da sind die Duftflaschen, in denen die zu Pilgerstätten unbedingt dazugehörenden Aromen bereitgehalten werden: Weihrauch für Santiago oder Räucherstäbchen und Sandelholz, schließlich Rosen für Ajmer in Indien.

Wobei fast nebenbei zu erfahren ist, dass täglich dort 1800 Kilogramm Rosenblätter gestiftet werden. Dafür müssen 360.000 Rosen geerntet werden.

Ein Stempel

An jeder der Stationen wie Kailash in Tibet oder Shikoku in Japan, Yangon in Myanmar oder Lalibela in Äthiopien kann der Besucher einen Stempel in einen eigenen Pilgerpass drücken, so als sei er tatsächlich auf dem Weg zu einem Heiligtum. Das mag besonders Kinder auf eine Reise locken, dazu gibt es den Pilgerrucksack, der eine Reihe von Überraschungen enthält, Hörstationen mit Erlebnisberichten von Pilgern oder der sehr unterschiedlichen Musik an manchen Orten.

Acht Religionen sind vertreten, vom Christentum, dem Islam und Judentum als den drei monotheistischen Religionen über Hinduismus und Buddhismus bis zu Jainismus und Sikhismus sowie indigene Religionen.

Ganz gleich, welcher Wallfahrtsort – künstlerische Höchstleistungen in Architektur und Ausstattung, exquisite Gaben der Pilger aus wertvollen Materialien, prunkvolle Riten oder betörende Düfte, sinnliche Musik sowie Tanz- und Theaterdarbietungen sind Ausdruck der Verehrung: Es wäre nicht verwunderlich, würde sich ein Besucher animiert fühlen, einen dieser geheimnisumwobenen Orte selbst aufzusuchen. Und das nicht als religiös motivierter Pilger, sondern als neugieriger Tourist.

Denn die Grenze zwischen Tourist und Pilger verschwimmt zuweilen. Schon auf dem Jakobsweg gibt es Pilger, die sich aus sportlichen Gründen auf den Weg machen. Sie werden Menschen begegnen, die die Kulturdenkmäler auf dem Camino beeindrucken, und wieder anderen, denen das spirituelle Erleben in der Gemeinschaft wichtig ist. In der Ausstellung wird von einem Mann berichtet, der Mexikos Heiligtum Guadelupe als Tourist besuchte und als Pilger heimkehrte.

14 Stationen, besser vielleicht Inszenierungen, erwarten die Besucher. Bunt und schlicht, informativ und sinnlich berührend. Vor dem Hintergrund des Marienheiligtums in Guadelupe kann der Besucher ein Selfie machen und an eine E-Mail-Adresse seiner Wahl verschicken, ganz so, wie es auch am Original von den Pilgern gemacht wird.

An anderer Stelle kann er ein Horoskop mitnehmen, das sich auf den Wochentag seiner Geburt bezieht, so wie es die Pilger in Yangon in Myanmar herstellen. So kann der/die an einem Montag Geborene erfahren, dass er/sie „zielorientiert, gesetzestreu und verantwortungsbewusst“ ist. Wer das Licht der Welt etwa an einem Donnerstag erblickt hat, soll „zielstrebig, besonders im beruflichen Leben“ sein.

Pilgern hat aber nicht nur die religiöse Dimension: Pilgern hatte immer schon eine ökonomische Bedeutung, Köln zehrt bis heute davon. Aber wenn Millionen Pilger kommen, dann ist das auch eine logistische Herausforderung, hat gelegentlich auch politische Konsequenzen. Die Ausstellung zeigt anschauliche Beispiele. Etwa auch dies, dass im Senegal nach der Wallfahrt wegen der Münzspenden am Mausoleum des Sheikh Amadou Bamba so gut wie keine Geldmünzen mehr im ganzen Land vorhanden sind.

Steinkreis und Stadion

Aber es gibt auch die „modernen“ Pilgerziele: Stonehenge, dessen Steinkreis die Forscher bis heute nicht eindeutig zu erklären wissen, das aber zu einem bestimmten Datum Tausende Menschen anzieht, das Rheinenergiestadion des 1. FC Köln, in das die Fans „pilgern“, ausgestattet mit Vereinsdevotionalien und ihre Hymnen und Gesänge anstimmend, Wacken, das Zehntausende Musikfans der Heavy-Metal-Szene anzieht, das Mausoleum für Mao Tse Tung, vor dem die Menschen Schlange stehen, um den sterblichen Überresten des Großen Vorsitzenden die Ehre zu erweisen, oder das Grab von Elvis Presley, wo an dessen Todestag emotionale Gedenkveranstaltungen bei Kerzenlicht und Musik stattfinden.

Weit gefasst

Die Macher der Sonderausstellung haben das Thema Pilgern weit gefasst – erweitert in eine säkulare Welt, in der sich Menschen religiöser Elemente bedienen, ohne eine bestimmte Weltanschauung zu verbreiten. Ihr Ziel: ein sehr unterschiedliches Publikum ansprechen zu wollen, Kulturen zu vergleichen und nicht zu bewerten.

Und so finden sich Gemeinsamkeiten wie etwa zwischen dem Jakobsweg in Europa und dem 88-Tempel-Pilgerweg in Japan – beiden sind die Pässe zum Sammeln der Stempel eigen. Oder Gegensätze wie das Fastenpilgern in Äthiopien und die riesigen Reistöpfe in Ajmer, aus denen die Pilger mit süßem Reis beköstigt werden – oder die weiße Kleidung der Mekka-Wallfahrer im Gegensatz zur bunten Funktionskleidung der Jakobspilger.

Diese Ausstellung ist eine Entdeckungsreise in oft unbekannte Welten, Empfindungen und Geheimnisse: sinnlich, überraschend, informativ und gelegentlich auch unterhaltsam.

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