Ausstellung „Ludwig Goes Pop“ erkundet das Phänomen Pop Art

Von: Susanne Schramm
Letzte Aktualisierung:
8597749.jpg
Mel Ramos Hippopotamus, 1967 180 x 247 cm, Öl auf Leinwand, Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 (Ausschnitt) Foto: Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen / Anne Gold
8597748.jpg
Andy Warhol Skull, 1976 183 x 203 x 3,5 cm, Acryl, Siebdruck auf Leinwand, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien © 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York (Ausschnitt) Foto: Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Leihgabe der Österreichischen Ludwig Stiftung
8597755.jpg
Andy Warhol Portrait of Peter Ludwig, 1980 105 x 105 cm, Acryl, Siebdruck auf Leinwand, National Art Museum of China, Peking © 2014 The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / Artists Rights Society (ARS), New York (Ausschnitt) Foto: Colletion of National Art Museum of China
8597746.jpg
Jasper Johns Zero to Nine, 1959 53,8 x 88,9 cm, Enkaustik, Zeitungspapier auf Leinwand Museum Ludwig, Köln © VG Bild-Kunst, Bonn 2014 (Ausschnitt) Foto: Rheinisches Bildarchiv
8632785.jpg
Haben gemeinsam die Ausstellung „Ludwig Goes Pop“ konzipiert: die Kuratorin und wissenschaftliche Volontärin Luise Pilz (31) und Stephan Diederich (52), Sammlungskurator für die Kunst des 20. Jahrhunderts, beide vom Museum Ludwig in Köln. Foto: Museum Ludwig

Region. Es geht hier um mehr als nur um Blau, Gelb, Grün und Rot. Pop Art ist nicht nur bunt, witzig und plakativ, sie kann auch kritisch, nachdenklich oder anklagend sein. Das machen gleich zu Anfang, links am Treppenabgang, Duane Hansons „Bowery Bums“ klar.

Zwei täuschend echt aus Fieberglas und Polyester nachgebildete Obdachlose in dreckigen Kleidungsstücken, umgeben von vergilbten Zeitungsfetzen. Normalerweise erschrecken sie Besucher im Ludwig Forum in Aachen. Seit dieser Woche sind sie im Kölner Museum Ludwig zu Gast.

Dort erkundet die Ausstellung „Ludwig Goes Pop“ bis zum 11. Januar das Phänomen Pop Art. Rund 150 zentrale Werke aus sieben Ludwig-Häusern, darunter auch neun aus Aachen, zeigen die Vielschichtigkeit einer Bewegung, die zugleich Befreiung und Affront war. Weil sie den Alltag zum Thema erkor und die Abkehr von elitären Ansprüchen bedeutete.

Knallgelbe Zeitleiste

Peter und Irene Ludwig sind das Bindeglied. Ab Mitte der 1960er entdeckten sie die neue, wilde Kunst für sich – und begannen sie mit ebensolcher Hingabe zu sammeln wie zuvor die Werke alter Meister. Eine riesige knallgelbe Zeitleiste dehnt deshalb die Phase, in der Zitate aus Konsum und Werbung, Versatzstücke aus Comics, Wissenschaft, Technik, Erotik und Massenmedien die Galerien und Museen eroberten, von 1920 (Peter Ludwig wurde 1925 geboren) bis 2010 (das Jahr, in dem Irene Ludwig starb) aus.

Tatsächlich stammen die Werke der 26 Künstler – unter denen sich mit Marisol nur eine Künstlerin befindet – im Kern aus den Jahren 1955 bis 1975. „Wir mussten dieses Thema von vornherein eingrenzen – es ist einfach zu vielfältig“, sagt Stephan Diederich (52), der die Schau gemeinsam mit Luise Pilz (31) konzipiert hat.

Deshalb sind auch „nur“ Werke der englischen und amerikanischen Pop Art zu sehen. Allein schon das garantiert ein wahres Feuerwerk. Was die aus bunt lackiertem Metall gefertigte „Explosion No.1“ von Roy Lichtenstein bereits ahnen lässt. Wie ein Leitstern hängt sie über dem Entree zum ersten Raum. Ab da beginnt eine visuelle Reise, die, wie Pilz sagt, „sehr assoziativ und auch sehr impulsiv angelegt ist“.

Statt chronologisch vorzugehen oder Künstler auf Künstler abzuhandeln, haben die Kuratoren Themenschwerpunkte gesetzt. Es geht um Waren wie bei dem Pepsi-Kronkorken, den Andy Warhol 1962 in Acryl verewigte, um Ikonen aus der Musik- oder Filmwelt wie bei James Rosenquists „Untitled (Joan Crawford says…) von 1967 oder um den mitunter eher amüsanten Sexappeal von Pin Up-Girls.

Ein solches räkelt sich bei Mel Ramos’ „Hippopotamus“ (1967) neckisch auf dem Rücken eines Nilpferds, während das geschundene Tier angstvoll das Maul aufreißt. Auch die kurvenreiche Blondine mit den Bikinistreifen und der pfundige „Objektträger“ sind sonst im Aachener Ludwig Forum zu Hause.

Was auf mehr als 1600 Quadratmetern in elf Gruppen angeordnet ist, könnte in seiner Fülle, Plakativität und pulsierenden Intensität leicht zu einer Reizüberflutung führen. Dafür, dass es dazu nicht kommt, sorgen vier über die Schau verteilte „Ludwig-Inseln“.

Längliche Sitzelemente, die auf popartig bunt gestreiften Velour-Unterlagen zum Verweilen einladen und dazu, Einblicke (mit iPads oder Filmen) zu gewinnen oder Ausblicke (durchs Fenster auf den Museumsvorplatz mit Musical-Dome und Baumgruppen) zu genießen. „Von der Kunststraße auf den Parkplatz“ nennt das Kurator Diederich.

Ein komplett Jasper Johns gewidmeter hoher Raum im Zentrum atmet zudem eine fast sakrale Stille und Weite. Er ist nur sparsam, in großem Abstand behängt, unter anderem mit Johns’ gigantischem „Map“ (1967-1971), einer aus 22 Dreiecken zusammengesetzten Landkarte, die mit 50 mal zehn Metern das größte Exponat der Ausstellung ist. Und kleinste Papierarbeiten wie Richard Hamiltons „Untitled (Look)“ im Format 21 mal 22 Zentimeter erheischen ebenso Aufmerksamkeit.

In „Ludwig Goes Pop“ wird auch der Tod thematisiert – derselbe Andy Warhol, der 1980 Peter Ludwig porträtierte, tauchte 1976 einen Totenschädel in giftige Acryltöne. Claes Oldenburg erhob 1961 das aus Emaillelack, Gips, Draht, Metall und Stoff zusammengesetzte Jackett eines Mannes auf einem Bügel zur Kunst, Robert Indiana zitierte 1966/67 die legendären Route 66 in den USA und verknüpfte sie mit den Begriffen „Eat, Die, Hug, Err“ (Essen, Trinken, Umarmen, Irren). Über diese Straße hinweg verließ einst der Vater den Sohn – um zur Arbeit in einer Ölraffinerie zu fahren.

Leitmotivisch finden sich Bildtitel wie „Eat, Die, Hug, Err“ auf Treppenstufen, Fensterscheiben oder Wänden wieder – auch sie sind Teil der Assoziativität der Ausstellung, die dazu anregen will, einen eigenen Rhythmus und Zugang zu finden. Und wer glaubt, Lichtensteins kühle Comic-Blondinen seien längst zur „Kalenderblatt-Kunst“ verkommen, „der wird sich wundern, wie kraftvoll diese Arbeiten bis heute noch sind – wenn man sie in der Originalgröße, -textur und -farbe ganz neu entdeckt“ (Diederich).

Kostenloses Begleitheft

Denkanstöße, das Phänomen Pop Art in seinen historischen und soziologischen Zusammenhängen zu begreifen, bietet ein Begleitheft, das jedem Besucher der Schau kostenlos ausgehändigt wird. Die Zahlen auf dem Boden der elf Räume sind entsprechenden elf Kapiteln zugeordnet.

Hinter den Werken tritt das Sammlerehepaar Ludwig in der Ausstellung zurück. Zwar gibt es Schaukästen mit Fotoalben, in die beide über Jahre hinweg Zeitungsartikel einklebten, und detailreich beschrifteten Karteikarten der Ankäufe. Ihr Tun in der aufregenden Zeit, als Konservendosen Kunst wurden („Campbell’s Soup Can I“, 1968, Andy Warhol) dokumentiert jedoch hervorragend der Katalog.

Der eigentlich mehr Collage – aus Briefen, Postkarten und Fotografien, Essays, Interviews und Erinnerungen, Zitaten, Mails und Künstlerstatements – ist als ein Katalog im eigentlichen Sinne. Hier findet sich auch ein Beitrag von Klaus Honnef, von 1965 bis 1970 Feuilleton-Chef der „Aachener Nachrichten“.

Er erlebte mit, wie aus Peter Ludwig, „dem einflussreichsten und mächtigsten Mann im konservativen Kunstleben der Kaiserstadt“, der anfangs Pop Art „als eine schlimme ästhetische Verfehlung“ verurteilt hatte, ein begeisterter Anhänger jener Kunstform wurde, die den Zeitgeist so lebendig und unmittelbar einfing wie kaum eine andere.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert