Ausstellung in Römertherme: Die Neubewertung des Badewassers

Von: Marlon Gego
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Die Reste der früher noch prachtvolleren Elisabethhalle in Aachen: In dem Jugendstilbad lässt sich der Wandel der Bädertechnik und Bäderarchitektur im Laufe der Jahrhunderte gut nachvollziehen. Im Museum für Badekultur in Zülpich läuft im Moment eine Sonderausstellung zum Thema, in der unter anderem die Preistafel eines Stuttgarter Freibades von 1960 ausgestellt ist. Foto: Michael Jaspers
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Iris Hofmann-Kastner, Leiterin des Museums für Badekultur in Zülpich.

Zülpich. Die These, dass sich der Charakter eines Landes in seiner Badekultur zeigt, ist Iris Hofmann-Kastner ein bisschen zu steil. Eher hält sie es wahrscheinlich, dass die Badekultur Ausweis für ein intaktes Staatswesen ist, sie kann das an drei Beispielen illustrieren: Die Römer auf dem Höhepunkt ihrer Macht waren ein Volk von Vielbadern, nicht nur in Rom gab es technisch erstaunlich ausgereifte Badeanstalten, sondern sogar in Zülpich, wo die Römer irgendwann auch mal waren.

Also ein funktionierender Staat. In der Kaiserzeit herrschte auch im deutschen Badewesen strenge Ordnung, über das Ämter wachten. Auch ein funktionierender Staat. Und dann: Deutschland im 30-jährigen Krieg. „Da wurde 30 Jahre lang so gut wie überhaupt nicht gebadet“, sagt Hofmann-Kastner, weil es keinen funktionierenden Staat gab, also auch keine Badeanstalten.

Die Breslauer Badrettung

Iris Hofmann-Kastner ist Leiterin des Museums für Badekultur in Zülpich, seit Freitag läuft die Sonderausstellung „Bäderarchitektur und Bädertechnik im Wandel der Zeit“. Das 2008 eröffnete Museum entstand um eine alte römische Thermenanlage herum, deren Ruinen eine der besterhaltenen römischen Badeanstalten nördlich der Alpen darstellen. Die Anlage vermittelt einen lebhaften Eindruck davon, wie ein Teil des öffentlichen Lebens in den Badeanstalten des Reiches ablief. Die Dauerausstellung zur Entwicklung der Badekultur ist immer eine Reise wert, auch die neue Sonderausstellung zur Bädertechnik ist gelungen, wenn sie auch nicht groß ist.

So erfährt der Besucher beispielsweise, dass es nicht immer Chlor und automatische Beckenreinigungsmaschinen gab, sondern dass private und öffentliche Badbetreiber über Jahrtausende hinweg die größte Mühe hatten, ihre Becken und das Wasser darinnen auch nur halbwegs sauberzuhalten. Lange ging es nicht anders, als das Wasser alle paar Tage abzulassen, das leere Becken zu schrubben und dann neues Wasser einzulassen. Ein Szenario, das, wenn es heute noch praktiziert würde, schon aus finanziellen Gründen zur sofortigen Schließung aller öffentlichen Bäder führen würde.

Erst 1916 kam in Deutschland erstmals Chlor in ein Schwimmbecken, und zwar in einem Hallenbad in Breslau (Schlesien). Das Oderwasser, mit dem das Hallenbad damals gefüllt wurde, war derart keimbelastet, dass die Schließung des Bades drohte. Das Chlor hat damals den Breslauern ihr Hallenbad und im Laufe der Jahrzehnte wahrscheinlich die Bäder der ganzen Welt gerettet: Außer einigen Opec-Staaten würde sich kein Land der Erde die mehrmalige wöchentliche Befüllung sämtlicher öffentlichen Schwimmbäder leisten können oder wollen.

Das Bademuseum in Zülpich wird von fünf Mitarbeitern betrieben, im Jahr kommen etwa 11.000 Besucher, was angesichts der Qualität besonders der Dauerausstellung und dem ziemlich attraktiven Museumsbau in unmittelbarer Nähe zur Landesburg eindeutig zu wenig ist. Andererseits, sagt Museumsleiterin Hofmann-Kastner, habe Zülpich nur 20.000 Einwohner. Gemessen daran seien 11.000 Museumsbesucher gar nicht so schlecht. Überträgt man das Zülpicher Verhältnis von Museumsbesucher zu Einwohner auf Aachen (245.000 Einwohner), müssten ins Ludwig-Forum jedes Jahr 135.000 Besucher kommen. Tatsächlich sind es oft kaum 30.000.

Die Sonderausstellung erklärt recht anschaulich die völlige Neubewertung des Wassers spätestens seit den 80er Jahren, als der Politik in der westlichen Welt klar wurde, dass auch Wasser zur endlichen Ressource werden könnte. Sparsamen Umgang mit Wasser kannten die Mitteleuropäer ja schon vom Jahrhundertsommer 1976, auch die Industrie reagierte und sucht bis heute selbst bei der Herstellung gewöhnlicher Wasserarmaturen nach neuen Techniken und allem anderen, was beim Wassersparen hilft. Das sagt jedoch weder etwas über den Staat noch über dessen Badekultur aus, sondern ist allein der schieren Notwendigkeit geschuldet.

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