Ausstellung: In Lüttich auf den Spuren Cockerills

Von: Rolf Minderjahn
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Hervorragend gemacht: Die Ausstellungsmacher in der Boverie lassen auch in die Zukunft schauen. Foto: Rolf Minderjahn
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Ein imposanter Bau und auch der Park ist wunderschön. Foto: Rolf Minderjahn

Lüttich. Der Name Cockerill ist bekannt in unserer Region, vor allem in Stolberg. Von dort trieb Charles James Cockerill die Industrialisierung entscheidend voran. Die Geschichte beginnt aber in Lüttich. Und dort wird jetzt, 200 Jahre später, mit der sehenswerten Ausstellung „John Cockerill, 200 Jahre Zukunft“ an diese Industriepioniere erinnert.

Die Besucher dürfen sich auf eine lehrreiche und unterhaltsame Zeitreise im glasverkleideten Anbau des prächtigen Museums La Boverie freuen. Pfeiler tragen den Anbau über dem Maaskanal. Spannend ist es, die Entwicklung der aus England stammenden Cockerills zu verfolgen.

Die Cockerills stammen ursprünglich aus Haslington in der Grafschaft Lancashire. William Cockerill Senior (1757-1832) war im dortigen Familienbetrieb als Mechaniker tätig. 1798 zog er nach Verviers, um die Geschäfte aufs Festland auszudehnen. Dort waren seine Unternehmungen so erfolgreich, dass er seine Familie mit den drei Söhnen William Junior, Charles James und John aus England nachkommen ließ.

Auf dem europäischen Kontinent florierte, neben England, seit Anfang des 19. Jahrhunderts das frühzeitig industrialisierte Gebiet von Lüttich. In Verviers begann William Cockerill Senior ab 1799 Textilmaschinen zu bauen. Er durchbrach somit das bis dahin bestehende englische Monopol. 1807 gründete er in Lüttich eine weitere Maschinenfabrik, deren Leitung seine beiden jüngeren Söhne 1812 übernahmen.

Während der älteste Sohn in die bekannte Monschauer Tuchmacherfamilie Scheibler einheiratete, ehelichten die beiden jüngeren Söhne 1813 in einer Doppelhochzeit zwei Töchter der Aachener Tuchmacherfamilie Pastor. 1817 kauften die beiden Brüder Charles James und John die ehemalige fürstbischöfliche Sommerresidenz im Lütticher Vorort Seraing. Es war das Geburtsjahr der Firmengründung und eines Industrie-Imperiums. 1823 zog sich Charles James aus den Werken in Seraing zurück. Er verkaufte seinen Anteil an König Wilhelm I. der Niederlande, zu denen Lüttich und die Region damals gehörte. Charles James zog als reicher Mann nach Aachen und baute dort als Privatinvestor ein Imperium mit Bergwerken und Produktionsstätten aus. John Cockerill (1790-1840) gilt als der Pionier der industriellen Revolution im Lütticher Becken.

Zu Beginn der Ausstellung in Lüttich stellt sich John Cockerill den Besuchern vor – ansprechend in seinem virtuellen Büro in Szene gesetzt – und erzählt seine Geschichte und die Geschichte seines Unternehmens und seiner Erfindungen. Die Geschichte Cockerills ist nicht nur Industrie-, sie ist auch Sozialgeschichte. „Der Vater der Arbeiter“, so wurde der Firmengründer und Chef genannt. John Cockerill gründete ein Krankenhaus und ein Haus für verwaiste Kinder. Sein Interesse galt aber nicht nur Lüttich und Seraing.

Er errichtete eine große Zahl neuer Unternehmen, Eisenwerke, Textilfabriken und anderer Firmen in verschiedenen Teilen Europas. Die ganze Welt schaute damals auf die Cockerill-Erfindungen. In der Ausstellung sind beispielsweise legendäre Innovationen im Modell zu sehen. Die Lokomotive T 12 zum Beispiel. Man kann sie mit einer 3D-Brille bei ihrer Ankunft im Bahnhof sehen. Oder die MS Prince Baudouin: 1934 wurde dieses Schiff flott gemacht. Seine Geschwindigkeit von 25,25 Knoten stellte einen Weltrekord dar. Interaktive Karten, Spiele, Filmvorführungen, 3D-Animationen und Virtual-Reality-Brillen: Die Ausstellung ist modern, zeitgemäß, ebenso unterhaltsam wie lehrreich, also alles andere als langweilig.

Die Geschichte geht weiter: Nach dem unerwarteten Tod von John Cockerill im Jahr 1840 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Ausstellung beleuchtet die weitere Geschichte über die beiden Weltkriege hinweg, das Überwinden von Krisen und das Aufstellen des Konzerns für die Zukunft. Deshalb kann man den Weg von der Dampfmaschine bis zu den modernsten Technologien wie Simulationen an Computerterminals verfolgen und erhält Einblick in die Märkte der Zukunft.

Das Museum ist im Übrigen gut zu erreichen. Wer mit dem Regionalzug – beispielsweise von Eupen nach Lüttich – in den zauberhaften Bahnhof Guillemins einfährt, kann nur wenige hundert Meter entfernt über die neue schicke Fußgängerbrücke „La Belle Liègeoise“ hinüber zur Maasinsel La Boverie schlendern und das blendend restaurierte Museum der Schönen Künste, La Boverie, im dortigen Park besuchen. Das imposante Gebäude des Museums, das für die Weltausstellung von 1905 errichtet wurde, ist ein Palais mit majestätischen Sälen und gewaltigen Säulen, so etwas wie der Louvre Lüttichs. Der renommierte französische Architekt Rudy Ricciotti modernisierte den Bau. Das sichtbarste Element ist eine verglaste Verlängerung, die wie ein neuer Flügel in Richtung Osten angefügt ist.

La Boverie organisiert jährlich eine Ausstellung internationalen Formats in Zusammenarbeit mit dem Louvre. 2018, so viel sei verraten, wird das Thema „Rom“ sein. Die Insel La Boverie mit ihrem Park, zwischen Maas und „Dérivation“ ist ein urbanes Erholungsgebiet der Lütticher, das vor allem von Familien geschätzt wird: ein wunderbarer Ort für Spaziergänge, Picknicks, Konzerte, Sonnenbäder – immer in der Nähe der Maas, die hier ihre wohl schönste Seite in der Stadt zeigt.

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