Ausstellung: „Erfasst, verfolgt, vernichtet“ im Centre Charlemagne

Von: sar
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Blick in die Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet“, die am Freitag im Aachener Centre Charlemagne eröffnet wurde. Foto: Harald Krömer

Aachen. Ein fröhliches junges Mädchen, blond, lange Zöpfe. Sie lacht in die Kamera des Fotografen: Magdalena Maier-Leibnitz, geboren 1916 in Esslingen, sie litt unter Stimmungsschwankungen. Als man sie für schizophren erklärte, kam sie nach Hadamar, in die Gasmordanstalt, wo sie am 22. April 1941 starb.

Ein adretter junger Mann, sportlich: Karl Brandt, der Arzt, war zusammen mit seinem Kollegen Philipp Bouhler Adolf Hitlers „Euthanasie“-Beauftragter und bereitete den Massenmord vor.

Es sind die Bilder von Opfern und Tätern in der Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet. Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus“, die Freitagabend im Aachener Stadtmuseum Centre Charlemagne eröffnet wurde und dort bis zum 25. Oktober zu sehen ist. Die Ausstellung konfrontiert ihre Besucher mit umfangreichem Dokumentationsmaterial zu den Verbrechen der Nationalsozialisten an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen.

Was in den Jahren 1933 bis 1945 systematisiert wurde, war bereits zuvor als „Rassenhygiene“ zur NS-Leitwissenschaft aufgestiegen. Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das im Januar 1934 in Kraft getreten war, wurde zur Grundlage für rund 400.000 Zwangssterilisationen und über 200.000 Morde an Menschen mit Behinderung in hierzu speziell ausgestatteten Tötungsanstalten.

Den 80 Tafeln im nüchtern-weißen Ausstellungsraum des Museums kann sich niemand entziehen, die Gänge sind schmal, der Besucher kommt nah heran. Man blickt den Menschen auf den Fotos in die Augen, liest Briefe mit Hakenkreuz, schaut auf Landkarten, zählt mit angehaltenem Atem die bunten Markierungen – Tötungsanstalten, ihre Zahl ist enorm.

„Aber das Unrecht wurde nie gesühnt“, sagt der Aachener Psychiater Professor Frank Schneider, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Uniklinikum der RWTH Aachen. Er ist Mitorganisator der Ausstellung und hat 2009 als Präsident der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) den Grundstein für die gründliche Aufarbeitung dieses bisher eher beiläufig behandelten Kapitels deutscher Geschichte gelegt.

„Wir sind schuldig, wenn wir heute nicht darüber reden“, so sein Leitsatz, der wichtige Folgen hatte. Als man feststellte, dass zwei Ex-Präsidenten und Ehrenmitglieder der Fachgesellschaft zu den Gutachtern der Mordaktionen gehörten, investierte Schneider alle Energie in das Projekt, das längst internationales Aufsehen erregt. Das Budget in Höhe von 350 000 Euro wurde durch Stiftungen, Zuschüsse des Bundes, Spenden der deutschen Ärzteschaft und mit der Hilfe von Sponsoren zusammengetragen.

Aachen ist die erste Station der Wanderausstellung, hier wurden auch regionale Bezüge integriert. Kuratorin Carmen Roebers, Mitarbeiterin beim Kulturbetrieb Aachen, hat recherchiert und vier Fälle aufgearbeitet. Unter den Ermordeten: die fünfjährige Elly aus der Aachener Moltkestraße, die wegen ihrer spastischen Lähmung auf die Liste der Mörder kam. Oder das taubstumme Ehepaar aus dem Stadtteil Eilendorf, das die Zwangssterilisation erlitt. „Diese Arbeit hat mich tief berührt“, gesteht Carmen Roebers.

Eine Dokumentation im Stadtmuseum? „Die Ausstellung gehört zur Erinnerungskultur, die wir seit vielen Jahren pflegen“, sagt Olaf Müller, Leiter des Kulturbetriebes. „Zusätzlich gibt es das umfangreichste Begleitprogramm, das wir je hatten.“ Rundum ist bei dieser Ausstellung für Barrierefreiheit gesorgt, mit einem transportablen Guide in Gebärdensprache, einem Audio-Guide und zusätzlichen Angeboten für Menschen mit Behinderung. Müller: „Wenn da jemand vor einer Tafel steht, die von einem manisch-depressiven Opfer berichtet und sagt: ,Diese Krankheit habe ich doch auch...‘, da bekommt man Gänsehaut.“

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