Ausreise: Alles auf die Karte Deutschland

Von: Patrick Nowicki
Letzte Aktualisierung:
10854517.jpg
Judith Winter (links) will einen Verein zur Flüchtlingshilfe gründen. Seit Januar lebt die Albanerin Luma Vajdulla mit ihrem Sohn Auron (rechts) bei der Familie Winter. Sehr zur Freude von Mira und Carl. Foto: Nowicki

Eschweiler. Im Januar betrat ich zum ersten Mal das Haus der Familie Winter in St. Jöris, einem kleinen Ort im Nordwesten von Eschweiler. Sie hatte dem Sozialamt angeboten, Flüchtlinge aufzunehmen. Das Besondere: Judith und Martin Winter wollten dafür keine Miete kassieren. Nur die Nebenkosten sollte die Stadt übernehmen. Damals zog die 31-jährige Luma Vajdulla mit ihrem Sohn Auron ein.

Beide hatten eine Odyssee aus Albanien nach Deutschland hinter sich. Der kleine Dreijährige war eingeschüchtert und verängstigt. Jetzt, Monate später, tobt er durchs Wohnzimmer und unterhält sich mit allen lebhaft auf Deutsch. Klingt nach einer gelungenen Integrationsgeschichte, der noch weitere Kapitel folgen sollen: Judith Winter möchte einen Verein gründen, der Flüchtlingen hilft und unter anderem Intensivsprachkurse finanziert.

Kostenlose Unterkunft

Doch der Reihe nach: Das Ansinnen der Familie überraschte die Mitarbeiter im Eschweiler Sozialamt. Wohnungsangebote lagen einige vor. Jemanden kostenlos im Haus wohnen zu lassen, war hingegen höchst ungewöhnlich. Im Keller des Hauses der Familie Winter befindet sich eine 70 Quadratmeter große Wohnung mit eigenem Badezimmer, die über den gemeinsamen Flur zu erreichen ist. „Die Wohnung stand leer, und als wir die Nachrichten verfolgten, haben wir uns gedacht: Was sollen die Räume unten verstauben, wenn man damit helfen kann“, sagt Judith Winter. Beim ersten Kontakt in St. Jöris brach Luma Vajdulla in Tränen aus. In den Wochen der Ungewissheit haben sich viele Emotionen bei der 32-Jährigen angestaut.

Einer Werbung gefolgt

Die Albanerin war einem Werbeslogan im Fernsehen ihrer alten Heimat gefolgt. Darin wurden medizinische Pflegekräfte in Deutschland gesucht. Für die diplomierte Krankenschwester war dies interessant, denn der Lohn in Albanien betrug gerade einmal 100 Euro. Für eine Frau, die fünf Jahre lang studiert hat, keine verlockende Perspektive. Ob die Zukunft in Deutschland rosiger aussieht, ist ungewiss. Ihr Asylverfahren läuft. Die Chancen auf Anerkennung sind jedoch für Albaner gering. Die Bundesregierung will ein Gesetz verabschieden, das Albanien als „sicheres Herkunftsland“ deklariert.

Die vergangenen Monate hat die junge Frau dank der Unterstützung von Judith und Martin Winter nicht tatenlos verstreichen lassen. An der Volkshochschule in Aachen absolvierte sie einen Deutschintensivkurs. Die Kosten streckte die Familie Winter vor. Die beiden jungen Mediziner sehen die Sprache als Grundlage für die Integration. Nach vier Monaten absolvierte Luma Vajdulla die B1-Prüfung in Deutsch. Sie ist Grundlage, überhaupt in Deutschland einmal arbeiten zu dürfen. Damit sind jedoch nicht alle Hürden beseitigt, denn ihr in Albanien erworbenes Diplom wird in Deutschland nicht anerkannt. Der Grund: Ihr Studium absolvierte sie an einer privaten Hochschule.

Bis dies jedoch feststand, vergingen Monate, in denen Schreiben zwischen Albanien und St. Jöris hin- und hergeschickt wurden, in denen beglaubigte Übersetzungen verfasst werden mussten. „Dies ist alles sehr kostspielig und für einen Flüchtling normalerweise nicht zu bezahlen“, sagt Judith Winter. Auch Luma Vajdulla musste sich die Ausreise aus Albanien mit sehr viel Geld erkaufen. „In Albanien regiert die Korruption“, berichtet sie. Tausende Euro verschwanden in den Taschen von Mitarbeitern der Behörden und der Polizei, bis sie schließlich das Land verlassen durfte.

Wie viele andere Albaner hat sie damit alles auf eine Karte gesetzt – und ist zum Glück bei Familie Winter untergekommen. Judith Winter ist inzwischen zu einer „Expertin für Asylrecht“ gereift und will ihre Erfahrungen unbedingt weiter nutzen. Die Vorbereitungen für die Gründung eines Vereins, der Flüchtlinge unterstützt, sind getroffen. „Jeder Flüchtling sollte eine Chance bekommen“, sagt sie.

Ihr Hilfsangebot will sie mit den Behörden koordinieren, mit dem Sozial- und Integrationsamt der Stadt, mit Organisationen, die bereits in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Sie wolle deren Angebote ergänzen, nicht ersetzen. Ein Tätigkeitsfeld sieht sie darin, die Finanzierung von Intensivsprachkursen zu unterstützen. Die Flucht macht schließlich viele Flüchtlinge mittellos, wie auch das Beispiel Luma Vajdulla zeigt.

Deren Sohn Auron besucht seit Januar den katholischen Kindergarten im Nachbarort, in Eschweiler-Kinzweiler. Seitdem blüht der Junge auf. Albanisch spricht er kaum noch, allenfalls mit seiner Mutter. „Er würde zu schnell das Albanisch verlernen“, sagt sie. Schließlich steht nicht fest, ob sie wieder in das Land zurückkehren muss, dass ihr wie so vielen anderen Menschen auch keine Perspektive bietet...

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert