Ausgewandert: Eifeler Landbrot und Printen für Neuseeland

Von: Christine Hendriks
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In ihrem Kaffeehaus im neuseeländischen Oamaru: Bäckermeister Richard Vinbrüx, Tochter Judy, Sohn Jan und Ehefrau Christel (von links). An die Roetgener Vergangenheit als Printenbäckerei erinnern die hölzernen Backformen an der Wand. Foto: Hendriks
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Von Roetgen aus am anderen Ende der Welt: Blick auf die neuseeländische Stadt Oamaru, wo sich Familie Vinbrüx niedergelassen hat. Foto: Hendriks
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Jan Vinbrüx am Samstagmorgen auf dem Bauernmarkt: Die Neuseeländerin Christina und ihre Freundinnen kommen extra für das Eifeler Landbrot aus dem 80 Kilometer entfernten Nachbarort. „Es ist das beste Brot hier“, da sind sie sich einig. Foto: Hendriks
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Spiegelungen: das Vinbrüx-Kaffeehaus von außen. Foto: Hendriks

Region. Luftlinie 18.733 Kilometer entfernt von Aachen: Oamaru, Neuseeland. Mit bemehlter Mütze und einem Lächeln im Bart guckt der 53-jährige Richard Vinbrüx durch die halbgeöffnete Tür seiner Backstube. Es ist ruhig im Café.

Duftendes Eifeler Landbrot und Printenmänner in Klarsichtfolie warten im Regal auf die Kunden, die sich an diesem späten Samstagmorgen noch ein bisschen Zeit lassen. 1998 wagte der Roetgener Bäckermeister in vierter Generation den Sprung in ein neues Leben auf der anderen Seite der Erde. Was bewegt ihn fern der Heimat? Was hat sich für ihn verändert?

„Ich hatte einfach die Nase voll von Deutschland“, erinnert er sich ein wenig schroff an die 90er Jahre. Es waren vor allem wirtschaftliche Gründe wie wachsende Konkurrenz und Investitionsdruck, die den Ausschlag gaben, die alteingesessene Printenbäckerei in Roetgen aufzugeben und weit weg ganz neu anzufangen: mit Backen, Pferdezüchten und Gemüseanbau. Gespräche mit jungen Australiern, Tipps von einer befreundeten Engländerin – eins kam zum anderen, und Vinbrüx landete mit seiner Frau Christel (52) und vier Kindern an der Ostküste der neuseeländischen Südinsel.

Weiter weg geht es kaum. Wenn man vom Karlsbrunnen am Aachener Markt ein Loch durch den Erdmittelpunkt bis auf die andere Seite des Globus bohren würde, käme man ungefähr in Neuseeland aus, wo an Ostern Herbst und an Weihnachten Sommer ist. Der von britischen Einwanderern und polynesischem Erbe geprägte Inselstaat ist Urlaubstraum vieler deutscher Touristen wegen seiner unberührten Natur. Kein Ruhmesblatt ist: sein spärliches Brotangebot.

Kunden waren mäßig interessiert

Kulinarische Diaspora aus der Sicht des Bäckermeisters. Industrielles Toastbrot mit wenig Substanz findet in Neuseeland großen Absatz, und vor 20 Jahren gab es für deutsche Backwaren quasi keinen Markt. Das bekam Vinbrüx zu spüren, als er gleich nach seiner Ankunft versuchte, ein Café zu eröffnen. Die skeptischen Kunden waren an seinem knusprigen Brot nur mäßig interessiert, und zur Haupteinnahmequelle der Familie entwickelte sich die erfolgreiche Islandpferdezucht seiner Frau. Das Café musste schließen, aber das Backen langfristig aufzugeben, liegt nicht in der Natur eines Bäckers.

Nach dem Motto der neuseeländischen Lotterie „Give Karma a Chance“ („Gib deinem Karma eine Chance“) startete Vinbrüx im Oktober 2016 einen zweiten Versuch und eröffnete die Vinbrux Bakery und Kaffeehaus in 15, Arun Street, Oamaru. Neben seinem Optimismus hat er heute auch die Globalisierung auf seiner Seite. Neuseeländer und Touristen lieben das sättigende Eifeler Landbrot und die Printen, die er mit Honig herstellt, da der Aachener Zuckersirup auf der Südhalbkugel schwer zu beschaffen ist.

„Zu Weihnachten gibt es Stollen, zu Ostern machen wir Poschweck“, sagt Vinbrüx zufrieden und unterbricht das Gespräch kurz, um hinter der Theke Bienenstich zu schneiden. Seine Frau und die in Neuseeland geborene Tochter Judy (17) bedienen zwei junge Neuseeländerinnen und ihre herumtollenden Kleinkinder mit Kaffee und Kuchen. Trotz des erheblichen Lärmpegels bleibt der Bäckermeister tiefenentspannt. Nur das Tonaufnahmegerät lässt ihn die Stirn runzeln. „Hoffentlich verstehen Sie nachher noch alles.“

An sechs Tagen in der Woche beginnt Vinbrüx mit seinem Sohn Jan (28) um halb vier morgens die Arbeit in der Backstube. Mittags gönnt er sich ein Stündchen Schlaf, bevor er bis zum Abend auf seiner Farm arbeitet, wo die Familie nahezu alle Lebensmittel selbst herstellt. Ein anstrengendes Leben, aber die Trennung von Arbeit und Spaß lehnt Vinbrüx ab. „Man hat den idealen Zustand erreicht, wenn man keinen Urlaub braucht, weil man das, was man tut, gerne macht.“ An diesem Zustand scheint der Lebenskünstler schon sehr nahe dran zu sein.

Britischer als die Briten

In dem kleinen Küstenstädtchen Oamaru mit nur 13.000 Einwohnern leben vor allem britische Einwanderer. Britischer als die Briten, so beschreibt Vinbrüx sie augenzwinkernd. Ein Neuseeländer würde nie sagen, dass ihm etwas nicht schmeckt, weiß er aus Erfahrung. Die Deutschen seien viel lauter und direkter. So lernte der gebürtige Roetgener erst nach und nach, mit der zurückhaltenden Ausdrucksweise seiner Kunden umzugehen.

Von der weit verbreiteten Meinung, Immigranten müssten sich der neuen Kultur anpassen, hält er nichts. „Eine Kultur wechselt man nicht wie ein Paar Socken. Du wirst sie nicht los.“ Letztlich ermöglichten es ihm seine Flexibilität, Kompromissfähigkeit und gute Englischkenntnisse, sich einzugliedern und dabei t rotzdem er selbst zu bleiben.

„Heimat hat man immer nur eine“, widerspricht Vinbrüx der Frage, ob er sich in seiner neuen Heimat wohlfühle, „aber ich bin in Neuseeland zu Hause“. Roetgen, wo er seine Kindheit verbrachte, hat ihn für das Leben geprägt. Heimweh hat der Bäckermeister nicht, aber manchmal sehnt er sich zurück ins Rheinland. Realistisch überlegt er: „Wenn ich jetzt zurückgehe, ist das, was ich verlassen habe, nicht mehr da.“ Es sei nicht nur ein anderer Ort, sondern auch eine andere Zeit, die er manchmal vermisse.

Nach fast 20 Jahren Neuseeland ist er stolz darauf, mit der Familie in der Stadtgemeinschaft angekommen zu sein. Mittlerweile kennt er fast so viele Leute in Oamaru wie in Roetgen, bevor er auswanderte. Viel Platz, das Meer nebenan und weniger Bürokratie – das schätzt er hier besonders. Andere Orte hat er sich damals nicht angeguckt und seine Bauchentscheidung nie bereut. Auf etwas zugehen und nicht vor etwas weglaufen ist sein Schlüssel, um an einem neuen Ort glücklich zu werden.

Für die Zukunft wünsche er sich einen Lottogewinn, sagt er halb im Scherz. Als Selbstständiger will er etwas für die nächste Generation aufbauen, und ob die Familie dauerhaft von dem neuen Café leben kann, muss sich erst noch zeigen. Sein jüngster Sohn Danny (20) hat vor zwei Jahren eine eigene Metzgerei eröffnet. „So soll es weitergehen“, sagt der Bäckermeister, und so wie er es sagt, kann man sich sicher sein, dass er gutes Karma auf seiner Seite hat.

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