Aus dem Alltag eines Obdachlosen

Von: Christopher Gerards
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„Hauptsache, du hast einen, mit dem du dich unterhalten kannst“: Manchmal sitzt Micha mit anderen Obdachlosen vor einer Kirche in der Aachener Innenstadt. Foto: Harald Krömer

Aachen. An einem kalten Samstagmorgen sitzt Micha um kurz nach acht auf einer Styroporplatte vor der Heilig-Kreuz-Kirche in Aachen, bläst den Rauch einer Selbstgedrehten in den Himmel und glaubt, dass ein ziemlicher Scheißtag vor ihm liegt.

Er wollte eigentlich durch die Stadt laufen, Frühstück in der Armenstube, Spaziergang im Park, vielleicht wäre er zu den Bänken gegangen, die Micha „das Rondell“ nennt und die Studenten „das Pennerrondell“. Aber er hat gestern Schnaps getrunken, zu viel, seine Beine schmerzen jetzt so sehr, dass er sich kaum bewegen kann. Micha sagt: „Entzuch, kennste dat?“ Also bleibt er vor der Kirche sitzen. Er sitzt dort seinen Tag ab.

Er ist ein kleiner Mann mit Vollbart und lichtem Haar, 54 Jahre alt. Jeans, Winterjacke, rot-weiß-blau kariertes Hemd, über dem Auge tut sich eine Wunde auf, die „Drecksau Eva“ hat ihn neulich zu Boden gestoßen. Gleich werden noch Jochen und Kerstin vorbeikommen, es geht dann ums Wetter, um den „Polen-Dieter“ und um das Wesen von Horoskopen. Der Durst nach Likör ist auch ein Thema, aber nicht sehr lange. Zum Supermarkt sind es keine 100 Meter.

Leblos auf dem Küchenboden

Micha heißt in Wirklichkeit anders, er möchte nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht. Auch seine Bekannten heißen anders, das ist die Bedingung dafür, dass er erzählt, wie es ist, auf der Straße zu leben; so wie es nach Angaben der Stadt Ende 2014 mindestens 372 Menschen in Aachen taten. Micha ist ein Beispiel, und wer ihn trifft, lernt seine Biographie kennen, seinen Alltag und seine Ziele.

In seinem ersten Leben arbeitete Micha als Elektriker, das sagt er jedenfalls. Er fand eine Frau, die aussah wie Jennifer Grey in „Dirty Dancing“, sie bekamen zwei Töchter, so vergingen die Jahre. Eines Morgens kam er vom Einkaufen heim, da lag seine Frau auf dem Küchenboden, leblos.

„Hinterwandinfarkt“, sagt Micha. Er schmiss den Beruf und zog seine jüngere Tochter groß. Er trank, das Jugendamt schritt ein. Als eine neue Frau ihn aufnahm, trank Micha weiter, die Neue warf ihn raus, auf die Straße. Seither hat er Strategien gegen die Schwierigkeiten seines neuen Alltags entwickeln müssen. Eine hat Micha zu Simone Holzapfel geführt.

Sie sitzt in ihrem Büro, pink-weiße Wände, grüner Stuhl, unter dem Schreibtisch stapeln sich Lebkuchen, Kekse und Schokolade. Das Café Plattform leitet Holzapfel, 45, seit 2001, eine Einrichtung der Caritas, sie nennt sich selbst „Treffpunkt für Wohnungslose, die seit langer Zeit auf der Straße leben“. 16 Schlafplätze sind theoretisch vorhanden und 28 praktisch belegt, so sieht es aus. Es gibt Duschen und medizinische Versorgung, Gesprächspartner gibt es auch. Geöffnet ist von 16.30 Uhr bis 7.30 Uhr.

Wer herkommt, sagt Simone Holzapfel, ist in irgendeiner Form abhängig. Meist Alkohol, teils Heroin. „Und alle sind irgendwie allein.“ Im Café Plattform sollen die Menschen sich so wohl wie möglich fühlen, natürlich, es sollte den Besuchern aber kein dauerhaftes Zuhause sein. Ihnen soll möglich werden, was Holzapfel „den nächsten Schritt“ nennt. Eine Therapie, eine eigene Wohnung. Manchmal gebe es jedoch Ausnahmen, und eine Ausnahme ist Micha. „In einer eigenen Wohnung“, sagt Simone Holzapfel, „würde er schnell vereinsamen und sich richtig runter trinken.“

Micha kommt seit zwei oder drei Jahren ins Café Plattform, so genau weiß er es selbst nicht mehr. Er schläft auf einer Isomatte im Fernsehraum, wo gerade ein Krimi auf Kabel1 läuft und sonst häufig „Raumschiff Enterscheiß“, wie er sagt. Das Schnarchen in den Schlafsälen erträgt er nicht, deshalb liegt er hier. Seine Übernachtungen zahlt die Stadt, das Essen zahlt Micha von seiner Witwerrente. Zwei Euro kostet es, Kotelett mit Kartoffeln, Seelachsfilet, solche Dinge. Alkohol trinken darf Micha nicht im Café Plattform, er hat es trotzdem schon getan. Als er erwischt wurde, musste er eine Nacht draußen bleiben.

Nikoläuse für den Kindergarten

Der Micha, sagt Simone Holzapfel, habe durchaus eine Menge Stärken. Aber er zeige „sehr stark diese beiden Seiten“. Die eine ist: „Er tut viel dafür, dass die Stimmung gut ist.“ Will dem Kindergarten nebenan Nikoläuse schenken. Sammelt acht Euro als Spende für Erdbeben-Opfer. „Und wenn einer im Krankenhaus liegt, ist Micha der, der sagt: ‚Lasst uns hingehen.‘“ Andererseits verkläre er seine Situation. Micha sagt, dass er seine Tochter einmal im Monat treffe. Simone Holzapfel sagt, dass Micha niemanden treffe. Neulich sei ein Brief gekommen, da habe er behauptet, ein Verwandter habe ihm geschrieben. „Aber das war irgendein formaler Brief.“

Micha sitzt vor der Heilig-Kreuz-Kirche und raucht die nächste Selbstgedrehte. Er spricht über die Dinge, die ihn antreiben. Natürlich möchte er aufhören zu trinken, sagt er, aber der Arzt habe ihm bei diesem Vorhaben zur Langsamkeit geraten. Eine eigene Wohnung wäre auch schön, nur will Micha nicht alleine leben. Sein drittes Ziel würde er in dem Moment erreichen, in dem er seine Töchter umarmen könne.

„Glücklich sein“, sagt Micha.

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