Köln - Aufstieg und Fall eines Affen: „Märtyrer” Petermann

Aufstieg und Fall eines Affen: „Märtyrer” Petermann

Von: Sebastian Priggemeier, dpa
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Vor 25 Jahren wurde Petermann erschossen. Petermann war einer der ersten TV-Stars der Bundesrepublik. Auf seinen kometenhaften Aufstieg folgten Absturz, Amoklauf und gewaltsamer Tod. Foto: dpa

Köln. In der Silvesternacht 1952 prostet ein Affe in Frack und Zylinder dem deutschen Fernsehpublikum zu - und das gefällt den Leuten. Der Schimpanse Petermann wird dadurch plötzlich berühmt. Aber 1985 endet alles in einem Blutbad.

Petermann greift im Kölner Zoo den Direktor an und wird auf der Flucht erschossen. Ein Drama, das der Kulturjournalist Walter Filz jetzt in einem ebenso unterhaltsamen wie tiefgründigen Buch aufgearbeitet hat.

„Der Affe zu Köln” ist mehr als eine Tierbiografie. Es ist eine gewitzte Abrechnung mit der „pubertierenden Bundesrepublik” der 70er und 80er Jahre.

Vor 25 Jahren, am 10. Oktober 1985, trafen Petermann die tödlichen Kugeln. Er soll noch Che-Guevara-artig die linke Faust nach oben gestreckt haben, ehe er zu Boden sank. Ob das stimmt, ist allerdings fraglich. Schließlich ranken sich zahllose Legenden um den Schimpansen. Zeitungsarchive und Zoo-Akten sind voll davon.

Irgendwo heißt es beispielsweise, Petermann sei 1947 als Baby mit einem Bananendampfer aus Afrika nach Köln gekommen. „Die Geschichte ist so schön, dass es lange dauerte, bis ich sie hinterfragt habe”, sagt Filz. Tatsächlich kamen die ersten Bananen 1948 per Dampfer ins Nachkriegsdeutschland - allerdings aus Südamerika, nicht aus Afrika. Petermanns wahre Herkunft bleibt ein Rätsel - in der Tierbuchhaltung taucht er zwar ab Dezember 1951 auf, Informationen über seinen Geburtsort fehlen aber.

Filz hat sich bei der Recherche für das Buch durch zehn Jahrgänge Kölner Tageszeitungen gewühlt und viel über seine Heimatstadt, die angebliche Hauptstadt des Humors, gelernt. Im Affen zu Köln sieht der „Primatdetektiv” eine Metapher für die Entwicklung der Bundesrepublik und die Orientierungssuche der Nachkriegszeit.

„Die Stunde Null war ja auch ein geistiger Kahlschlag”, so Filz. Eine neue Kultur der Mäßigung sollte den Wiederaufbau der Bundesrepublik beschleunigen, die Zähmung des Wilden und Undisziplinierten sei als Beweis für den Fortschritt gewertet worden.

Und Petermann? Der verkörperte auf der einen Seite das fast kindliche Vergnügen am Slapstick und andererseits das Wilde, das es zu domestizieren galt. Rocker und herumlungernde Halbstarke hatten keine Lobby. „Sie sorgten für die erste Irritation der Wirtschaftswunderjahre. Es gab ein eine Art kollektives Bewusstsein: Wilde Dinge durften nicht durchschlagen.”

In seiner Affenhaus-Einzelzelle verwandelt sich der einstige Clown mit Sektglas in ein psychisch gestörtes, fast kahlköpfiges und schwermütiges Wesen, das ab 1956 vereinsamt und Besucher mit Kot bewirft. 1959 wird Petermann noch einmal kurzfristig zum Werbestar: Er eröffnet vor der Presse ein Postsparbuch, angeblich um für ein neues Affenhaus zu sparen. Danach gerät er in Vergessenheit.

Rund 25 einsame Jahre später nutzt Petermann die Unachtsamkeit eines Pflegers zur Flucht. Er fällt den zufällig dahergelaufenen Zoo- Direktor Gunther Nogge an, zerfleischt ihn fast und wird wenig später erschossen - von hinten. Mit 36 Jahren. Und wieder wird das Tier instrumentalisiert: Diesmal jedoch von der Alternativszene, die den Anarcho-Affen zum Märtyrer im Freiheitskampf erklärt.
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