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Aufgepasst! Hier schauen die Puppen zu.

Von: Daniel Gerhards
Letzte Aktualisierung:
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Freundlich oder ein wenig zum Gruseln, der Fantasie ist beim Möhnenbau keine Grenze gesetzt. In Erkelenz stürmen die Möhneleut das Rathaus mit einem Rammbock. Fotos: Daniel Gerhards
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Im kleinen Erkelenzer Ortsteil Golkrath hängen bunte kostümierte Möhnen an vielen Häusern. Manche Kleidung hat eine bestimmte Bedeutung. Fotos: Daniel Gerhards
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Manche Kleidung soll einfach „alten Weibern“ ähneln. Fotos: Daniel Gerhards
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Mit den Figuren setzen die Golkrather vielen Leuten aus dem Ort ein kleines Denkmal. Fotos: Daniel Gerhards Foto: Daniel Gerhards (7), privat (1)
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Mit den Figuren setzen die Golkrather vielen Leuten aus dem Ort ein kleines Denkmal. Fotos: Daniel Gerhards Foto: Daniel Gerhards (7), privat (1)

Region. Wenn es dunkel wird im kleinen Ort Golkrath, dann können die Puppen einen das Fürchten lehren. Die lebensgroßen Figuren hängen in dem 900-Einwohner-Ort an Häusern, in Bäumen und an Straßenlaternen. Manche sitzen auch auf Vordächern oder Balkonen. Und alle schauen sie hinunter auf die Straße, auf das, was dort in dem kleinen Dorf zwischen Erkelenz und Hückelhoven passiert.

Ein bisschen beobachtet fühlt man sich schon. Gruselig sollen die Möhnen, die die KG „Knallköpp“ aufgehängt hat, aber gar nicht sein. Im Gegenteil: Sie stehen für die fünfte Jahreszeit, den Karneval. In der Session hängen Karnevalisten etwa 25 Möhnen in Golkrath auf.

Die Figuren hängen am Haus der Karnevalsprinzessin, an der Bäckerei, der Kirche und sitzen auf dem Vordach der Mehrzweckhalle. Wer im Karneval oder im Vereins- oder Geschäftsleben eine Rolle spielt, der hat eine Möhne am Haus.

Lange Nasen, dunkle Kleidung, schräge Blicke – so sehen die Möhnen in Golkrath aus. Unter ihren ausrangierten Klamotten bestehen sie aus Kaninchendraht und Schaumstoff.

Das Gesicht stellen Karnevalsmasken dar. „Manche Leute behaupten, die Möhnen sehen ihrem Gegenstück in der Wirklichkeit ähnlich“, sagt Achim Kück, Präsident der KG „Knallköpp“.

Möhnen aufzuhängen, hat in Golk­rath noch gar keine furchtbar lange Tradition. Mitte der 1980er Jahre hat man sich das Treiben rund um die Figuren in Erkelenz abgeschaut. „Wir hatten damals Tollitäten, die das schön fanden“, sagt Achim Kück.

Seither werden die Möhnen im Golkrath mit ausrangierten Kleidern ausstaffiert. Deshalb müssen die Figuren auch so groß sein wie ein erwachsener Mensch. Zunächst bekamen nur die Tollitäten, der Hofstaat und der Hoppeditz eine Möhne ans Haus. Dann wurden es immer mehr. Jetzt hängen die „Knallköpp“ auch für den Fußballverein, die Feuerwehr und die Kirche Möhnen auf.

Aber die Möhnen werden nicht heimlich, still und leise im Ort verteilt. „Wir machen daraus immer ein Event“, sagt Kück. Mit Leitern, Kabelbindern und Gulaschkanone ziehen die Knallköpp dann durch Golkrath. „Wenn man sowieso im Dorf unterwegs ist, dann kann man auch ein bisschen Klamauk machen“, sagt Kück.

Dreieinhalb Stunden brauchen sie dann für ihre Runde durch den kleinen Ort. „Die Leute sollen sehen, dass der Karneval losgeht. Wir wollen sie ein bisschen aus der Reserve locken“, sagt Kück.

Wenn man sich ein wenig an den Anblick der Möhnen gewöhnt hat, dann sind sie auch gar nicht mehr gruselig. Sie wirken dann eher wie Statuen. So wie die Herrscher früherer Tage mit Denkmälern ihre Macht zur Schau stellten, so wirkt es, als wollten die Karnevalisten, die ja an den tollen Tagen die Macht in den Rathäusern der Region übernehmen, mit den Möhnen auf ihren Herrschaftsanspruch hinweisen.

In Golkrath steht kein Rathaus. Dafür stürmen die Möhneleut, eine Gruppe der Erkelenzer Karnevalsgesellschaft, am Altweiberdonnerstag den Sitz des Erkelenzer Bürgermeisters. Uschi Skibba und Isa Büschgens rennen dabei mit einem Rammbock vorneweg.

Skibba ist die Obermöhne von Erkelenz, Büschgens ihre Stellvertreterin. Die Möhneleut nehmen Stadtrat und Bürgermeister dann in Gewahrsam und feiern mit den Jecken auf dem Markt. Erkelenz wird dann kurzerhand umbenannt in Möhnelenz.

Die Möhne, also die alte Frau, ist in Erkelenz seit jeher ein beliebtes Kostüm. Früher trugen die Frauen am Altweibertag schwarze Mäntel, Kopftücher und Hüte und Masken, die sie erst um Mitternacht lüften durften. Da haben die Männer, die sich tagsüber so eine Möhne angelacht hatten, schon so manche Überraschung erlebt, sagt Büschgens. „Manchmal waren es schöne Überraschungen, manchmal nicht so schöne“, sagt sie.

Woher dieser Brauch kommt, das wissen Büschgens und Skibba auch nicht so genau. Vielleicht sei das Möhnentreiben früher im Rheinland viel verbreiteter gewesen, und in Erkelenz sei es dann eben hängengeblieben. Aber so genau, das wisse man eben nicht. Fest steht für sie aber: Sie wollen diese Tradition bewahren.

Die erste Möhnengruppe bildete sich in Erkelenz in den 1970er Jahren. Seither gab es fliegende Möhnen, die mit Helium-Luftballons gefüllt waren, kleine Möhnen und große Möhnen. Mittlerweile ist ihre Kleidung aus Kunststofffolie, gebaut werden sie von Schülern der Pestalozzi-Förderschule in Erkelenz, und der städtische Bauhof setzt sie in Bäume. Das ist wichtig: In Erkelenz sitzen die Möhnen. „Hier wird niemand aufgehängt“, sagen Skibba und Büschgens.

Dass diese Tradition in Erkelenz noch Bestand hat, ist auch dem Engagement von Uschi Skibba zu verdanken. Und das begann am Altweiberdonnerstag 2007. Damals ging Skibba mit einer Freundin verkleidet zum Feiern auf den Erkelenzer Marktplatz.

Eigentlich wollten sie wegfahren, nach Köln zum Beispiel, aber Skibbas Freundin war krank. Also verkleideten sie sich als Möhnen und blieben in Erkelenz. Das Kostüm war wohl etwas aus der Mode gekommen. Denn sie waren die einzigen, die als Möhnen kostümiert waren – und damit der Renner bei der „Weibersause“.

„Da wusste ich, ich muss mich um das Möhnentreiben in Erkelenz kümmern“, sagt sie. Am Karnevalssamstag tauschte sie Adressen mit dem Chef der Karnevalsgesellschaft aus und im folgenden Jahr legten die neu formierten Möhneleut los.

Die meisten der 15 Mitglieder der Erkelenzer Möhneleut hatten vor Skibbas Einfall nichts mit dem Vereinskarneval zu tun. Das ist vielleicht der Grund, warum sie ein wenig unkonventionell daherkommen. Sie treten zwar mit der Erkelenzer Karnevalsgesellschaft auf, aber nicht in den traditionellen Farben blau und weiß.

Wenn mal einer fehlt, sehe man das nicht so eng. Und getanzt wird schon, aber meistens einfach durcheinander. Die Gruppe geht auch nicht auf Tour durch NRW. Dafür besuchen sie ein Altenheim und Einrichtungen der Lebenshilfe. Ihnen geht es um Gemeinschaft, die Möhneleut seien für sie so etwas wie eine zweite Familie geworden, sagen Skibba und Büschgens.

Die beiden Traditionspflegerinnen haben die Möhneleut und die Figuren in Bäumen also ins Herz geschlossen. Aber als Kinder, da haben sich Skibba und Büschgens auch ein wenig gefürchtet. Denn ein bisschen gruselig sind sie schon, die Figuren, die da in den Bäumen sitzen und auf die Straße schauen.

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