Auf der Theaterbühne spielen sie ihre Wirklichkeit

Von: Manfred Kutsch
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Prämiertes Projekt: Caritas-P
Prämiertes Projekt: Caritas-Projektleiter Heinz Liedgens (l.) mit Theaterpädagogin Marion Kaeseler (r.) und den beiden Langzeitarbeitslosen und „Schauspielern” Birgit J. und Frank M. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Moment, als sich das Publikum zum Applaus erhob und die Bühnenakteure auf einer Wolke schwebten, hat tiefe Spuren hinterlassen. „Ich konnte nicht mehr, ich wollte weglaufen. Es war der Wahnsinn”, sagt Frank M. „Ein Rausch! Purer Rausch”, meint Birgit J..

Die Wirkung hielt an. „Fortan ging ich erhobenen Hauptes durchs Leben”, sagt die 47-jährige einstige Kinoangestellte. „Das hat mein ganzes Leben verändert”, sagt der 53-jährige Restaurantfachmann.

Hintergrund des seelischen Bebens: Die beiden Langzeitarbeitslosen hatten zum ersten Mal seit Jahren Anerkennung erhalten. Als Laienschauspieler, die Spannung und Spielfreude entwickelten, wo vorher Leere und Depression waren. Ein Kritiker brachte es auf den Punkt: „Sie spielten, als ginge es um ihr Leben, weil sie ihr Leben spielten”, schrieb er über das von der Aachener Caritas initiierte Theaterstück mit dem beziehungsreichen Titel: „Hartz Fear TV: Die Jensen Show”. „Fear” ist das englische Wort für Angst ist und wird wie die deutsche Zahl Vier ausgesprochen. Das Stück entstand auf der Grundlage des Buches „Herr Jensen steigt aus”. Inhalt: Jensen, einst im Beruf „mitten im Leben”, jetzt - welch Hohn im Unwort - „Sozialabgabennutznießer im Abseits”.

Birgit J. (seit 2003 ohne Arbeit), und Frank M. (2005) geben auf der Bühne der Statistik ein Gesicht. Monat für Monat erfährt die Öffentlichkeit den Stand der Zahlen, den Vergleich zum Vorjahr, das Plus, das Minus. In diesem Juni sind es gut 2,8 Millionen Arbeitslose, genau genommen 2,805 - Menschen, Fälle, Aktenvorgänge, Aussortierte, Resignierte, Kranke.

Die Caritas Aachen war es, die den Schleier der Anonymität mit ihrem Theater-Projekt lüftete. 13 Arbeitslose aus Aachen und der Region machten mit. Menschen, für die „zunächst einmal eine Atmosphäre des Vertrauens” wichtig war, sagt Theaterpädagogin Marion Kaeseler, die zwei Jahre lang mit dem seelisch fragilen Ensemble arbeitete. Sie studierten Monologe mit „los” - zwecklos, hoffnungslos, zahnlos, mittellos, ja okay, sorglos auch. „Ich habe mitbekommen, was Menschen in Arbeitslosigkeit ertragen müssen. Sie dürfen nicht aufgeben und greifen nach jedem Strohhalm”, sagt sie.

In dem Theaterstück spielen sie ihre Wirklichkeit. Warten im Arbeitsamt, Gespräche über Sozialpläne und Umschulungen, Demütigungen, Abwehrreflexe gegen Klischees, die am Ende stärker sind. Aus Frank M., Vater eines 18-jährigen Sohnes, bricht es in dem Stück heraus: „Angst, Hoffnungslosigkeit, Depression, Flucht in die Sucht.” Es ist seine Geschichte. Im Telegrammstil: Aus der - gastronomischen - Berufsbahn geworfen durch einen Verkehrsunfall. Lähmungserscheinungen, Reha, Alkohol, Trennung. „Die Arbeit hatte für mich immer einen extrem hohen Stellenwert”, sagt er.

Das Schicksal von Birgit J. ist von Personalabbau, Schilddrüsenkrebs und Isolation auf dem Arbeitsmarkt geprägt. Die Mutter zweier Töchter offenbart sich auf der Bühne ganz anders und stellt sich so vor: „Ich bin kreativ, mutig, warmherzig, humorvoll, zielstrebig.” Das Publikum spürt, sie meint das so, jawohl, sie will sich mitteilen. Aber mit Blick darauf, wie die Gesellschaft sie als Arbeitslose wahrnimmt, wirkt ihr Beitrag wie beißender Sarkasmus - und so soll es auch sein. Die Menschen in den Rängen atmen die Beklemmung förmlich ein, sie fiebern mit, ihr Herz gehört den Akteuren.

Reaktionen, die das Leben der Projekt-Teilnehmer verändert haben. Sieben Vorführungen in der Region, über tausend Zuschauer, jedes Mal tosender Applaus, Zurufe und Schulterklopfen haben Spuren hinterlassen. Birgit J. sagt: „Ich habe erfahren: Alles ist möglich. Ich warte weiter auf meine Chance.” Und Frank M. fügt hinzu: „Ich habe ein stärkeres Selbstwertgefühl. Ich möchte mich nicht mehr anbiedern müssen und mehr Umgang in Augenhöhe haben.”

Mit Integrationspreis ausgezeichnet

Das Aachener Caritas-Theaterprojekt „Hartz Fear TV - Die Jensen Show” erhielt in Berlin den Integrationspreis 2012 der Bundesarbeitsgemeinschaft Integration durch Arbeit. Das Projekt habe „langfristig dazu beigetragen”, dass die langzeitarbeitslosen Menschen „als Personen wahrgenommen und anerkannt werden”, heißt es in der Begründung.

Wer Arbeit für die beiden Langzeitarbeitslosen Birgit J. oder Frank M. zu haben glaubt, kann sich bei der Caritas unter 0241/431-127 bei Beate Knuppertz melden. Die einstige Kinoangestellte Birgit J. sieht sich „im kreativen Bereich” gut aufgehoben, Frank M. ist Restaurantfachmann.
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