Auf der Suche nach der Unsterblichkeit

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
14108922.jpg
Die Menschen werden immer älter. Doch bislang ist mit spätestens 120 Jahren Schluss. Wird es irgendwann möglich sein, den Tod zu überwinden? Foto: imago/Westend61

Köln. Als sie 85 war, fing Jeanne Louise Calment mit dem Fechten an. Noch als 100-Jährige fuhr die Französin Fahrrad, und mit dem Rauchen hörte sie erst auf, als sie sich die Zigarette nicht mehr selbst anzünden konnte. Da war sie 119. Jeanne Calment starb am 4. August 1997 im Alter von 122 Jahren und 164 Tagen. Sie gilt bis heute als der älteste Mensch der Welt – und als Phänomen.

Alternsforscher Björn Schumacher will diesem Phänomen auf den Grund gehen. „Wir wissen noch immer nicht genau, warum manche Menschen schneller und manche langsamer altern“, sagt er. „Aber was wir wissen, ist, dass Altern zum Leben dazugehört und mit großer Wahrscheinlichkeit nicht völlig aufgehalten werden kann.“ Der Biologe ist Professor am Exzellenzcluster für zelluläre Stressantworten in alternsbezogenen Erkrankungen (CECAD) in Köln und erforscht dort die Mechanismen des Alterns.

Bislang ist es tatsächlich noch niemandem gelungen, den Alterungsprozess beim Menschen zu verlangsamen, geschweige denn zu stoppen; auch wenn es schon viele versucht haben und noch immer versuchen. Doch der Traum von der Unsterblichkeit ist ungebrochen und mindestens so alt wie die Menschheit. Schon eine der ältesten bekannten Dichtungen – das Gilgamesch-Epos aus dem dritten Jahrtausend vor Christus – thematisiert die Suche nach der Unsterblichkeit.

Warum aber werden Menschen überhaupt alt, grau und faltig? Eine der Theorien zum Alterungsprozess besagt, dass sich im Laufe des Lebens durch fortwährende Zellteilung zahlreiche Erbgut-Schäden in unseren Zellen anhäufen, die der Körper selbst nicht mehr beheben kann. „Das sind bis zu 10.000 Schäden am Tag, die repariert werden müssen“, sagt Schumacher. „Normalerweise merken wir nichts davon, der Körper kann das kompensieren, aber irgendwann mit steigendem Alter häufen sich die Schäden.“ Die Folge sind Fehlfunktionen, Zellsterben oder Krebsgeschwüre. Am stärksten betroffen sind der Darm und die Haut, da sich diese Zellen am häufigsten teilen und so auch am fehleranfälligsten sind.

Beschleunigt wird der Prozess durch schädliche äußere Einflüsse, die während des Lebens auf den Körper einwirken. Sie machen etwa 75 Prozent der Ursachen für Zellalterung aus. Dazu gehören die tief in die Hautschichten eindringende UV-Strahlung der Sonne, die direkt zellverändernd wirken kann, Ess- und Trinkgewohnheiten, der individuelle Schlafrhythmus, Rauchgewohnheiten sowie beruflicher und privater Stress. Die zelleigenen Reparatursysteme funktionieren meist einwandfrei bis zu einem Alter von 40 Jahren, danach steigt das Krebsrisiko immer schneller an.

Schumacher nennt die Vorstellung von der Unsterblichkeit des Einzelnen „evolutionsbiologisch widersinnig“. Denn: „Die Unsterblichkeit existiert bereits. Jedoch nicht die des Körpers, sondern die der Erbinformationen, also der Gene. Der Körper wird genau so lange instand gehalten, bis die Generation sich fortgepflanzt hat und ihr Erbgut an die nächste Generation weitergegeben hat – also etwa 40 Jahre lang“, sagt er. Der menschliche Körper sei biologisch gar nicht dafür ausgelegt, so lange gesund zu existieren, wie wir es heute gerne möchten.

Neben äußeren Einflüssen spielen auch die Gene eine Rolle bei besonders lang lebenden Menschen; das legen Studien nahe. Denn Hundertjährige werden nicht nur extrem alt. Sie entwickeln auch bis zu ihrem Tod viel seltener die sogenannten altersbedingten Krankheiten wie Alzheimer oder Krebs. Allerdings sind sich die Wissenschaftler uneinig, wie hoch der Einfluss des Erbguts tatsächlich ist.

In den 90er Jahren entdeckte die Biologin Cynthia Kenyon in Experimenten mit Würmern, dass manche Gene lebensverlängernd wirken. Beim Fadenwurm Caenorhabditis elegans etwa kann die normalerweise rund 20 Tage betragende Lebensdauer verdoppelt werden, wenn das sogenannte daf-2-Gen verändert oder ausgeschaltet wird. Durch die Kombination von mehreren Genveränderungen kann ihre Lebensspanne sogar bis auf das Sechsfache gesteigert werden. Auch bei Taufliegen, Mäusen und Ratten konnte der Effekt bereits nachgewiesen werden.

Das besagte Gen steuert das Wachstum des Körpers. Ist es verändert oder ausgeschaltet, läuft der Körper praktisch auf Sparflamme und verlegt sich vom Wachsen auf die Erhaltung von Zellen und Geweben. Besonders langlebige Menschen zeigen eine herabgesetzte Aufnahme von Wachstumshormonen in die Körperzellen. Allerdings ist der menschliche Stoffwechsel viel komplizierter als der des Fadenwurms.

Auch eine verminderte Nahrungsaufnahme verlängert das Leben. Das konnte bereits in vielen Experimenten, von der einzelligen Bäckerhefe bis hin zu Säugetieren wie Mäusen, Ratten und selbst Hunden, gezeigt werden. Diese Dauerdiät nennt man kalorische Restriktion. Auch bei Menschen scheint sich dieser Zusammenhang in einigen Versuchen zu bestätigen.

Doch auch ohne Diät ist zu beobachten, dass immer mehr Menschen immer älter werden. „Mit jedem Jahr steigt die Lebenserwartung aktuell um drei Monate, mit jedem Monat um eine Woche“, sagt Björn Schumacher. So lag die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland Anfang des 20. Jahrhunderts noch bei etwa 50 Jahren. Inzwischen können Männer locker mit 75 und Frauen mit 81 Lebensjahren rechnen – Tendenz steigend. Allein im vergangenen halben Jahrhundert hat sich die Zahl der Hundertjährigen vervielfacht. Und diese Entwicklung ist in allen Industriestaaten zu beobachten. Sind die Menschen also doch auf dem Weg in die Unsterblichkeit? Oder gibt es eine natürliche Grenze, die wir nicht werden überwinden können?

Der britische Informatiker Aubrey de Grey von der Cambridge University in England ist davon überzeugt, dass Wissenschaftler der Sterblichkeit irgendwann ein Schnippchen schlagen können. De Grey erregte vor einigen Jahren Aufsehen mit der These, dass es dem Menschen in 25 Jahren möglich sein werde, unbeschränkt lange zu leben. De Grey argumentiert damit, dass das nötige Grundlagenwissen für die Entwicklung von Therapien zur Bekämpfung des Alterns heute bereits weitgehend existiere. Aber ist das so?

In diesem Zusammenhang diskutieren Forscher immer wieder über zwei Medikamente, die für eine „Unsterblichkeitspille“ in Betracht kämen: das Immunsuppressivum „Rapamycin“ und das Antidiabetikum „Metformin“. Beide zeigten bei Würmern, Fliegen und Nagern bereits lebensverlängernde Wirkung. Das erst genannte, indem es auf das Immunsystem wirkt und die Aufnahme von Wachstumshormonen hemmt; das zweite, indem es dem Körper eine Diät vorgaukelt.

Diese könnten dabei helfen, nicht mehr gegen einzelne altersbedingte Erkrankungen wie Alzheimer, Arthrose, Diabetes, Krebs oder einen Schlaganfall vorzugehen, sondern den Alterungsprozess selbst aufzuhalten. Damit entsprechende Medikamentenstudien möglich werden, möchte Nir Barzilai, Direktor des Instituts für Alternsforschung am Albert Einstein College of Medicine in New York, das Altern an sich als Krankheit definieren.

„Der biologische Alterungsprozess ist der höchste Risikofaktor für lebensgefährliche Krankheiten“, schreibt Barzilai in der „Zeit“. „Es ist Zeit, umzudenken und alternsbedingte Krankheiten gemeinsam hinauszuzögern, nicht eine nach der anderen.“ Barzilai sucht deshalb aktuell nach Geldgebern für eine groß angelegte Studie, die zeigen soll, ob das bereits erwähnte Diabetes-Medikament „Metformin“ beim gesunden Menschen tatsächlich als Anti-Alterns-Pille taugt.

Auch Björn Schumacher hält diese neue Definition für einen denkbaren Weg. In seinen Augen beschreibt die griechische Sage von Eos und Tithonos das Horrorszenario einer alternden Gesellschaft, die zwar unsterblich ist, aber nicht ewig jugendlich. Denn als Eos, die Göttin der Morgenröte, den Göttervater Zeus darum bittet, ihrem sterblichen Geliebten Tithonos ewiges Leben zu verleihen, vergisst sie, sich auch die ewige Jugend für ihn zu wünschen. So altert Tithonos, unfähig zu sterben, bis er ganz schrumpelig ist.

„In ein paar Jahren ist ein Drittel unserer Gesellschaft älter als 65, das ist eine statistische Tatsache. Aber wenn wir nicht gesund altern, dann bekommen wir auf Dauer ein Problem. Wer soll die Menschen pflegen?“, fragt Schumacher. Er verspricht sich daher von der Einstufung des Alterungsprozesses als Krankheit, das Problem bei der Wurzel packen zu können. „So würde die Erprobung präventiver Maßnahmen möglich, die die Risiken für die ganze Bandbreite von alternsbedingten Krankheiten senken und nicht die Lebens-, sondern die Gesundheitsspanne verlängern“, sagt er.

Allerdings solle man bedenken, dass echte Therapien, die diese Krankheiten in Zukunft verhindern sollen, viel komplexer und individueller seien. „Die magische Pille wird es vermutlich nicht geben. Dafür sind unsere Gewebe viel zu unterschiedlich. Augenzellen sind zum Beispiel auch im Alter noch dieselben wie bei der Geburt, Darm- oder Blutzellen dagegen erneuern sich ständig“, sagt er.

Die Unsterblichkeit sei ohnehin eher ein philosophischer Mythos. „Es gibt bislang keinen Hinweis aus irgendwelchen Untersuchungen oder Studien, die nahelegen, dass wir irgendwann einmal den Tod überwinden können und ewig leben“, sagt Schumacher. Eine unsterbliche Gesellschaft werfe darüber hinaus viele gesellschaftliche, politische und ethische Fragen auf. Aber ob er sich denn überhaupt selbst vorstellen kann, sehr alt zu werden? „Natürlich. Zum Sterben ist das Leben viel zu spannend.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert