Auf der Suche nach dem verlorenen Taufbecken

Von: Stefan Herrmann
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Aachen/Escherode. Wenn Otto Rinke seine Geschichte erzählt, schmunzeln viele erst einmal. „So etwas gibt es doch gar nicht”, mag einem durch den Kopf schießen. Und doch ist sie wahr. Rinke sucht ein uraltes Taufbecken. Seit fast einem Jahrzehnt.

Dabei hatte er es eigentlich schon gefunden - doch das war ihm damals nicht bewusst. Und nun sucht er wieder. Verzweifelt. Für sich, für seinen Heimatort.

Es ist eine Geschichte von kriminellen Machenschaften und unglaublichen Zufällen, von Karl dem Großen und seinem getreuen Edling Asig. Von Urkunden, 1200-Jahr-Feiern und halt von einem alten Tauftrog. „Das Ding lässt mich nicht mehr los”, gibt Rinke unumwunden zu. Aber fangen wir vorne an.

Wir schreiben das Jahr 1987. In Escherode, einem idyllischen 900-Seelen-Ort in Süd-Niedersachsen, scheint die Welt in Ordnung. Am Südwesthang des Kaufunger Waldes gelegen, in der Nähe von Kassel und Göttingen, wohnen Menschen, die mit sich und dem Leben im Reinen sind. Beim Spaziergang über den Friedhof hat Rinke vor über 20 Jahren - wie viele andere Escheröder auch - immer wieder gerne einen Blick auf den uralten Tauftrog geworfen, der dort aufgestellt worden war.

Gefunden hatte man den Trog Anfang des 20. Jahrhunderts, als starker Regen eine Umfassungsmauer an der Ortskirche aufweichte. Als diese aufbrach, kam das alte Taufbecken zum Vorschein. „Es stammt aus den Anfangsjahren des Christentums”, sagt Rinke. Auf dem Friedhof fand das ein Meter breite und ein Meter hohe einstige Taufbecken schließlich als Wassertrog eine neue Heimat und Bestimmung.

Bis zur Jahresmitte 1987. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion stahlen Diebe das wertvolle Relikt. „Die müssen dafür einen kleinen Kran benutzt haben”, vermutet Rinke. Doch bald legte sich die erste Aufregung wieder. Die Jahre vergingen. Das Taufbecken verschwand mit der Zeit aus den Köpfen der Escheröder. Zumindest fast.

Denn als Rinke, Geschäftsführer einer Drucklufttechnik-Firma, vor acht Jahren beruflich nach Aachen kam, erkundete er anschließend die Region. „Ich interessiere mich für Architektur”, erzählt er. Daher hielt er häufiger an - mal hier, mal dort. Und auch an diesem speziellen Ortseingang machte er einen Stopp.

„Ich erinnere mich genau”, sagt Rinke heute: Links stand ein auffälliges Haus mit einem grünen Dach. Rechts, etwas zurückstehend, eine Villa mit blauem Dach. Eine weiße Mauer mit einem eisernen Tor umschlossen das Gelände. Im Innenhof: ein Trog.

Und nun passierte das, was Rinke bis heute nicht in Ruhe lässt. Er irrte sich. Denn in seiner Erinnerung war das gestohlene Escheröder Becken rund. Das Becken, das er an diesem Tag aber in einem Ort, an dessen Namen und an dessen genaue Lage er sich nicht mehr erinnert, blickte, war 16-kantig. Genau wie das gestohlene Becken aus Escherode. Und es hatte eine dreieckig herausgebrochene Stelle. Genau wie das aus Escherode.

All das aber erfuhr Rinke erst viel später. Da machte es dann klick. „Das ist unser Becken”, schoss es ihm direkt durch den Kopf. Alles setzte sich wie ein Puzzle zusammen. Nur dieses eine Teil, das fehlt - bis heute. In welchem Ort habe ich das Becken gesehen? Rinke weiß es nicht. „Irgendwo zwischen Aachen und dem Tagebau Hambach”, vermutet er. „Eigentlich kann ich mir Sachen gut merken”, fügt Rinke an. Nur dieses eine, entscheidende Detail will ihm einfach nicht mehr einfallen.

Satellitenbilder studiert

Immer wieder ist er in den vergangenen acht Jahren in die Region gekommen, von einem Ort zum nächsten gekurvt. „Ich glaube, ich bin dafür schon wie ein Blöder 3000 Kilometer rumgefahren”, sagt Rinke. Vergeblich. Auch im Internet lief er zu detektivischen Höchstleistungen auf, hat auf Satellitenbildern einen Ort nach dem anderen aus der Vogelperspektive abgesucht. Das Ergebnis: ernüchternd.

Rinke, der seit drei Jahren auch Heimatpfleger seines Heimatortes ist, setzt auch auf die geschichtliche Verbindung zwischen Aachen und Escherode. Denn die kleine Gemeinde, die zur Stadt Staufenberg gehört, ist im Besitz einer Urkunde aus dem Jahr 813. Besiegelt in Aachen, in der Kaiserpfalz Karls des Großen. Der sicherte sich vor knapp 1200 Jahren mit dem Schriftstück die Treue des Edlings Asig, indem er ihm gestattete, den Reichsforst Buchonia zu roden und zu besiedeln.

An den in der Urkunde erwähnten Havucobrunno - den Habichtsborn - erinnert noch heute der Hop-Bach, der Habichtsbach, der Escherode durchfließt. Und wegen eben dieser Urkunde feiert Escherode nächstes Jahr nun groß Geburtstag - mit einem historischem Markttag, Festumzug und vielen Veranstaltungen mehr. Das kleine Dorf im Südzipfel Niedersachsens ist stolz darauf, am ersten Augustwochenende 2013 auf eine über 1200 Jahre lange Geschichte zurückblicken zu können.

Das alte Taufbecken - für Rinke wäre es das perfekte Geschenk an seinen Heimatort. Und so sucht und hofft er weiter, etwas zu finden, was er schon längst gefunden hatte. Eigentlich.
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