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Auf der Spur der Ameisenbären: Eine Kölnerin im Dschungel

Von: Gordon Binder, dpa
Letzte Aktualisierung:
Lydia Möcklinghoff
Die Ameisenbärforscherin Lydia Möcklinghoff steht in Köln im Zoo am Gehege der Ameisenbären. Foto: Oliver Berg/dpa

Köln. Wenn Lydia Möcklinghoff von Ameisenbären spricht, gerät sie ins Schwärmen. Ganz vernarrt ist sie in die Tiere, die mit ihrem buschigen Schwanz und der bananenförmigen Schnauze ein recht seltsames Bild abgeben.

Als „merkwürdig”, „etwas bräsig” und „in einem Paralleluniversum lebend” beschreibt die 34-jährige Forscherin ihre Schützlinge. Dennoch hat sie die „wunderschönen Tiere” längst in ihr Herz geschlossen. Davon zeugt nicht nur der Ameisenbär-Anhänger an ihrer Halskette, sondern auch das Kuscheltier in ihrer Kölner Wohnung.

Vor elf Jahren kam Möcklinghoff erstmals in Kontakt mit einem Ameisenbären, während eines zweimonatigen Praktikums in Brasilien. Glück im Unglück: Denn in der Uni, wo sie Tropenökologie studierte, bekam sie in keinem Seminar einen Platz und sah schließlich einen Aushang. „Wer kann für ein Praktikum sofort nach Brasilien?”, stand da über dem Bild eines Ameisenbären. Möcklinghoffs erhielt den Zuschlag. „Eine komische Situation”, sagt die Feldforscherin heute. „Ich konnte nicht mal Portugiesisch sprechen.”

Der erste Ameisenbär, den die damals 23-Jährige sah, war eine Mutter samt schlafenden Jungen auf dem Rücken. Sie war sofort hin und weg. Heute verbringt sie jedes Jahr sechs Monate in Brasilien, um Tiere in freier Wildbahn zu erforschen.

Dirk Embert von der Welt-Naturstiftung WWF bestätigt, dass bisher nur sehr wenig über die Tiere bekannt ist. „Sie sind vom Aussterben bedroht, aber wichtig für das Ökosystem in Südamerika”, sagt er.

Möcklinghoff finde die Ameisenbären einfach „unfassbar spannend”. Und manchmal auch ungewollt komisch. „Es kam schon vor, dass ein Ameisenbär an mir vorbeilief, mich aber nicht bemerkte, da er auf der Suche nach Ameisen war”, erinnert sich die 34-Jährige. Die Tiere könnten sich immer nur auf einen Vorgang konzentrieren. Alles andere blendeten sie aus. Möcklinghoff nennt das den Eintritt in ein Paralleluniversum. Einmal habe ein Ameisenbär seinen buschigen Schwanz mit den Krallen gekämmt und nicht mitbekommen, wie zwei kämpfende Wildschweine lautstark an ihm vorbeirannten. Auch Möcklinghoff selbst hatte die Wildschweine erst spät entdeckt, weil sie die intensive Körperpflege des Ameisenbären durch eine Kamera beobachtete.

Nicht das einzige Mal, dass die Forscherin so stark in ihre Arbeit vertieft war, dass sie für einen kurzen Moment alles andere um sich herum vergaß. „Einmal habe ich eine Kamera neu positioniert und plötzlich ein Augenpaar in meinem Rücken gespürt”, erzählt sie. Ein Puma stand hinter ihr. Was macht man in einer solchen Situation? „Die Ruhe bewahren und selbstbewusst auftreten”, rät die Expertin. Schließlich passe der Mensch nicht ins Beuteschema.

Der Ameisenbär sei ein eher defensives Tier. „Die bis zu zehn Zentimeter langen Krallen an den Vorderpfoten sind aber gefährlich”, sagt Dirk Embert. Ein Hieb könne tödlich sein.

Dennoch will Möcklinghoff in diesem Jahr ganz nah ran an die für sie so besonderen Tiere. Halsbänder mit GPS-Sendern sollen ihr Aufschluss über das Verhalten liefern. Um die Tiere zu finden, wird sie sich wieder mit einer Machete durch den Busch kämpfen müssen. Dabei kommt ihr entgegen, dass der Ameisenbär ein klassischer Morgenmuffel ist. „Ein relativ ruhiger Zeitgenosse, der eher in den frühen Abendstunden aktiv wird”, sagt die Forscherin, die sonst im Zoologischen Museum König in Bonn arbeitet. Finanziert wird die Forschung aber von den Zoos in Köln und Dortmund.

Im Juni fliegt Möcklinghoff wieder ins Pantanal, einem der größten Binnenland-Feuchtgebiete der Erde. Dort wird sie auf einer Rinderfarm leben, wo sie inzwischen viele Freunde hat. Ein Nachtleben wie in Köln gibt es dort zwar nicht. Ist aber auch nicht nötig: Die Tage, an denen sie den Spuren der Ameisenbären folgt, um neue Erkenntnisse zu gewinnen, sind anstrengend genug. „Da ist man spätestens um sieben Uhr im Bett.” Und falls sie doch einmal länger durchhält, nutzt sie die Zeit, um die die Erfahrungen des Tages aufzuschreiben. Einige ihrer Texte hat sie zuletzt in einem Buch zusammengefasst. Es heißt: „Ich glaub, mein Puma pfeift”.