Auf den Spuren einer verschwundenen Hochkultur

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Region. Ein „Wörterbuch des klassischen Maya“: Das hat die Welt noch nicht gesehen. Verantwortlich für dieses Projekt, das auf mindestens 15 Jahre angelegt ist und von der nordrhein-westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste mit 5,4 Millionen Euro gefördert wird, ist ein Team rund um den Altamerikanisten Nikolai Grube, Professor an der Universität Bonn.

Er zählt zu den weltweit führenden Maya-Experten. Was ihn an diesem von Mythen umrankten Volk so fasziniert und wie man sich als Vertreter eines Fachs, das von vielen eher belächelt wird, behauptet, erklärt der 52-Jährige im Gespräch.

Professor Grube, man könnte fast neidisch werden, wenn man Ihren Lebenslauf liest.

Grube: Warum?

Weil Sie heute genau das tun, was Sie sich schon als Kind unbedingt vorgenommen hatten. Richtig?

Grube: Ich bin jedenfalls sehr froh, das hier tun zu dürfen. Damit erfüllt sich für mich tatsächlich ein Kindheitstraum.

Der in Köln begann?

Grube: Stimmt. Dort bin ich aufgewachsen. Dort habe ich Archäologie früh hautnah miterlebt, als in der Altstadt Grabungen gemacht wurden. Das war für mich ungeheuer faszinierend. Mein Interesse für alte Kulturen war damit früh geweckt.

Und trotzdem sind Sie nicht bei den alten Römern gelandet, sondern bei den Maya. Warum?

Grube: Die klassische Antike war mir schon zu sehr erforscht – und zu nah an meinem Lateinunterricht, den ich gar nicht mochte. Deshalb habe ich mich nach anderen Bereichen in der Archäologie umgesehen. Ich las dann wie viele andere auch C. W. Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“, ein Klassiker der Archäologie-Literatur. Das kürzeste Kapitel ging über Amerika, und ein winziges Unterkapitel über die Maya – weil man noch so wenig wusste. Da war für mich klar: Ich will mich mit den Maya beschäftigen.

Weil Sie einen Teil in der Wissenschaft für sich besetzen konnten?

Grube: Genau. Das hatte nur ich. Da war weit und breit niemand anders. Ich habe dann später in Hamburg studiert, weil die Uni damals das führende Zentrum für Maya-Forschung war.

Was hat Sie so fasziniert?

Grube: Vor allen Dingen die Schrift. Die wollte ich unbedingt entziffern, gerade auch, weil man damals, in den 70er und 80er Jahren, glaubte, das sei unmöglich. Das hat mich noch mehr angespornt.

Mit Erfolg, wie man sieht. Wie ist der aktuelle Stand der Forschung?

Grube: Wir kennen heute etwa 800 verschiedene Schriftzeichen. 60 bis 70 Prozent davon können wir lesen. Der gesamte Wortschatz ist allerdings noch nie zusammengestellt worden; das wollen wir mit unserem Projekt jetzt leisten. Die Hälfte der Schriftzeichen sind Silbenzeichen, die einen Konsonanten oder Vokal wiedergeben, die andere Hälfte sind Wortzeichen – Bilder, die sich auf das Gemeinte beziehen. Im Grunde funktioniert die Maya-Schrift wie die der alten Ägypter.

Die allerdings schon komplett entziffert ist. Warum ist das bei der Maya-Schrift so viel schwieriger?

Grube: In der ägyptischen Schrift gibt es sehr viel mehr und auch längere Texte. Und es gibt Übersetzungen in bekannte Sprachen wie Griechisch oder Koptisch. Man kann also vergleichen.

Wie entziffert man eine Schrift, wenn man keinen Vergleich hat?

Grube: Wir wissen, dass die Hieroglyphen-Schrift eine klassische Maya-Sprache wiedergibt. Heute werden noch 30 Maya-Sprachen gesprochen. Fünf davon kommen der klassischen sehr nahe. Man kann also deren Strukturen auf die Hieroglyphen-Schrift, deren Syntax und Morphologie anwenden. Das ist wie ein Puzzle, das sich zusammenfügt.

Kann man die Hieroglyphen-Schrift als Verschriftung einer Hochsprache der Maya verstehen?

Grube: Durchaus. Eine Hochsprache, die zwischen 250 und 900 nach Christus verwendet wurde. Die Maya-Schrift selbst wurde länger verwendet. Die ältesten Schrifttexte stammen aus der Zeit von 500 vor Christus, die letzten aus der Zeit der spanischen Eroberung. Wir können also von 2000 Jahren Schriftgeschichte sprechen.

Beherrschen Sie eine „aktuelle“ Maya-Sprache?

Grube: Das yukatekische Maya. Es wird von rund 1,2 Millionen Menschen auf der Halbinsel Yucatán, im nördlichen Belize und im Norden von Guatemala gesprochen.

Wo haben Sie das gelernt?

Grube: Vor Ort. Ich habe als Student insgesamt zwei Jahre in einem Dorf auf Yucatan gelebt und geforscht. Ich hatte damals noch nie Maya gesprochen. Das war eine große Herausforderung. Ich habe mich dort als Maya sozialisiert, hatte aber große Probleme, wenn ich in die Stadt fuhr. Denn ich konnte kaum Spanisch. Die Menschen haben mich dort mit großen Augen als europäischen Maya angesehen.

Sind Sie ein Abenteurer?

Grube: Ich bin garantiert kein Indiana Jones. Ich mag das Reisen und neue Situationen. Aber ich suche nicht die Gefahr.

Wie oft sind Sie vor Ort?

Grube: Jedes Jahr für mehrere Monate, wenn es sich irgendwie einrichten lässt. In Mexiko, Guatemala und Belize, woher meine Frau stammt. Die habe ich bei einer Expedition kennengelernt.

Wo liegt Ihr Schwerpunkt?

Grube: In Uxul, einem Ort im mexikanischen Bundesstaat Campeche auf Yucatán. Die Arbeit dort wird seit 2009 von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) unterstützt. Wir haben eine Förderphase gerade beendet und sind dabei, neue Anträge zu stellen.

Wie viel Geld erhalten Sie?

Grube: Pro Förderphase, also für zwei Jahre, insgesamt 800 000 Euro.

Damit kommen Sie hin?

Grube: Ja. Wir brauchen allerdings noch zwei weitere Jahre. Die DFG hat sich da bislang als überaus kooperativ erwiesen.

Was bedeutet eigentlich Uxul?

Grube: Übersetzt etwa „am Ende der Welt“.

Was es auch ist?

Grube: Nicht ganz. Uxul liegt etwa 120 Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Klingt nicht nach sehr viel, man ist allerdings im schlimmsten Fall vier Tage unterwegs. Man fährt stundenlang durch Schlamm und Morast. Immerhin durften wir mittlerweile einen Weg anlegen, der jedoch in jedem Jahr wieder zuwächst.

Die Natur holt sich ihren Anteil zurück?

Grube: Ich freue mich darüber, dass sie immer wieder zurückkommt. Das tun übrigens auch die wilden Tiere. Es ist ungeheuer eindrucksvoll, einen Jaguar in freier Wildbahn zu erleben.

Wie muss man sich Ihre Arbeit dort vorstellen?

Grube: Tatsächlich wie in Abenteuerfilmen. Urwald, tropische Vegetation. Bis zu 40 Meter hohe Bäume. Immer feucht, auch während der Trockenzeit.

Und mittendrin der Bonner Professor mit der Machete?

Grube: Das überlasse ich lieber den einheimischen Spezialisten.

Es empfiehlt sich also eine gute Arbeitsteilung?

Grube: Genau.

Die wie aussieht?

Grube: Wir kartographieren die Gegend, inventarisieren und dokumentieren die Funde. Das Graben selbst überlassen wir einheimischen Kräften. Aber natürlich müssen wir mit Hand anlegen: Wagen aus dem Schlamm ziehen, Zelte aufbauen und so weiter.

Wie groß ist Ihr Team?

Grube: Sehr groß. Gut 50 einheimische Arbeiter plus zehn bis 20 Wissenschaftler – in wechselnder Besetzung.

Kommen alle Wissenschaftler aus Bonn?

Grube: Die Mehrzahl. Der Rest sind Studierende und Wissenschaftler vor allem aus Mexiko, aber auch aus allen möglichen anderen Ländern.

Aber Sie haben den Tropenhut auf?

Grube: Ich bin der Direktor.

Wie sah Uxul aus?

Grube: Es war eine Stadt mit ungefähr 8000 Einwohnern. Mit städtischer Infrastruktur, Palästen, Tempeln, Wasserversorgung. Und einem Ballspielplatz für das bekannte Maya-Volleyball mit Gummibällen.

Wie groß war die Stadt?

Grube: Wir haben bislang vier Quadratkilometer vermessen. Wir glauben aber, die Stadt war noch viel größer. Wir finden nach wie vor Überreste von Siedlungen. Aber natürlich auch Dinge des täglichen Lebens, Werkzeuge. Unmengen von Keramik-Scherben. Jede wird auf einem dreidimensionalen Rastermodell mit ihrer Fundstelle lokalisiert. Das hilft uns, eine Chronologie der Stadt zu erstellen.

Man spürt die Begeisterung, wenn Sie von Ihrer Arbeit vor Ort erzählen. Die Erfassung der Maya-Sprache scheint dagegen ein eher sprödes Projekt zu sein, oder?

Grube: Mir ist beides gleich wichtig. Ich sehe die Entzifferung der Schrift als Vehikel, um die Maya-Gesellschaft zu verstehen. Aber die Schrift gibt uns nur den Einblick in bestimmte Schichten: den Adel, die Königshöfe. Ohne die archäologische Arbeit können wir die komplette Gesellschaft nicht erfassen.

Wozu ist das alles nütze?

Grube: Das kann man sich natürlich fragen, wenn man von einer rein anwendungsorientierten Forschung ausgeht. In den Geistes- und Kulturwissenschaften gehen wir der Frage nach, warum wir so leben, wie wir leben. Warum sich die Geschichte so ereignet hat, wie sie sich uns präsentiert. Das können wir nur erfahren, wenn wir Gesellschaften miteinander vergleichen. Wenn wir die Frage stellen, wie es zu so unterschiedlichen Kulturentwicklungen in Amerika, Europa oder Asien gekommen ist. Außerdem spielt Lateinamerika für die globale Wirtschaft eine zentrale Rolle. Wir können Lateinamerika aber nur verstehen, wenn wir seine Geschichte verstehen.

Man merkt, dass Sie schon so manchen Förderantrag gestellt haben. Nervt es Sie, wenn Sie Ihr Tun auch mit ökonomischen Argumenten legitimieren müssen?

Grube: Es nervt mich nicht, ich erkenne darin aber ein sehr limitiertes Verständnis auf Seiten meiner nicht-geisteswissenschaftlichen Kollegen. Wir brauchen uns nicht infrage zu stellen, dazu leisten wir zu gute und wichtige Arbeit. Aber natürlich: Wir verwenden Steuergelder, deshalb müssen wir auch deutlich machen, was wir tun. Das können wir durchaus selbstbewusst tun. Wenn wir die einzige wirklich bedeutende Schrift, die es in vorspanischer Zeit in Amerika gegeben hat, entziffern, dann leisten wir einen riesigen Beitrag zur Menschheitsgeschichte.

Ist es schwieriger geworden in den letzten Jahren für Sie und Ihr Fach? Müssen Sie mehr betteln um Fördermittel?

Grube: Wir müssen jedenfalls mehr Klinken putzen. Die Masse der Anträge und damit die Konkurrenz sind größer geworden – bei begrenzten Budgets der Förderinstitutionen. Mehr hervorragende Anträge werden heute abgelehnt.

Und für Sie persönlich?

Grube: Der Verwaltungsaufwand ist riesig geworden. Da bleibt nicht mehr viel Zeit für die Forschung. Das könnten Verwaltungsmitarbeiter viel besser. Aber für die ist kein Geld da. Hinzu kommt: Wir bilden immer mehr Studenten aus, aber die finanzielle Grundausstattung verschlechtert sich. Ich zum Beispiel bin ein Lehrstuhlinhaber ohne Hilfskräfte. Es ist völlig falsch, dass an den Grundhaushalten der Unis immer mehr gespart wird.

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