Attacke auf Pfarrer: Staatsschutz ermittelt

Von: Thorsten Pracht
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„Ich habe Glück gehabt“: Der Aldenhovener Pfarrer Charles Cervigne nach der Attacke auf ihn. Foto: Andreas Steindl

Aldenhoven. Am Montagmorgen war Charles Cervigne, den die meisten „Charlie“ nennen, schon wieder dienstlich unterwegs – trotz der feigen Attacke eines Unbekannten, der am späten Samstagabend am Pfarrhaus der evangelischen Kirchengemeinde Aldenhoven geklingelt hatte und den Pfarrer ohne Vorwarnung niederschlug.

Die brutale Tat zog auch am Montag noch weite Kreise. „Hier ist eine neue Dimension erreicht worden. Dass ein Pfarrer so attackiert wird, damit hätte ich nicht gerechnet“, erklärte Jens Sannig, Superintendent des Kirchenkreises Jülich.

„Ich habe Glück gehabt“, sagte Cervigne am Montag. Noch in der Nacht zu Sonntag, nach der Rückkehr aus dem Aachener Uniklinikum, hatte sich der 56-Jährige auf seiner Facebookseite an den Täter gewandt. „Außer einem großen Blutverlust und einer Verletzung an der Netzhaut geht es mir gut. Vielleicht bist du ja nun auch erleichtert“, schrieb Cervigne an den Mann, der mit einem Gegenstand auf ihn einprügelte und ihm Reizgas ins Gesicht sprühte. Fast 1200 Mal wurde sein Beitrag geteilt, die Solidaritätsbekundungen für den engagierten Pfarrer nehmen kein Ende.

Cervigne erklärte, er sei in den vergangenen Wochen aus der rechten Szene bedroht worden. Er vermutet daher, dass der Täter dem rechten Spektrum zuzuordnen ist: „Wenn du also daher kommst, sei gewiss, du kannst mich nicht einschüchtern. Ich mache weiter“, schrieb er weiter in seinem Facebook-Post an den Täter. Aufgrund des möglichen politisch motivierten Hintergrundes hat der Staatsschutz Ermittlungen aufgenommen, bestätigte Petra Wienen von der Polizei Aachen auf Nachfrage unserer Zeitung.

Bei der Tat handele es sich um einen Fall von gefährlicher Körperverletzung, also ein Offizialdelikt. „Wir haben Kontakt zu Herrn Cervigne aufgenommen, stehen aber noch am Anfang der Ermittlungen“, sagte Wienen. Wolfgang Spelthahn (CDU), Landrat des Kreises Düren und Leiter der zuständigen Kreispolizeibehörde, verurteilte den Angriff.

Die Polizei werde gemeinsam mit dem Pfarrer überlegen, mit welchen Maßnahmen man ihn in Zukunft schützen könne. Aldenhovener Bürger haben sogar angekündigt, im Notfall vor dem Pfarrhaus Wache zu halten. Die Gemeinde überlegt, das Pfarrhaus möglicherweise mit zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen auszustatten.

Sannig sprach am Montag von „großer Betroffenheit innerhalb des Pfarrkonvents“. Dennoch gelte das Motto: Jetzt erst recht. „Wir werden keinen Spalt breit nachgeben. Für uns ist jetzt die Zeit, noch einmal deutlich zu formulieren, wie unsere Haltung ist – nämlich für Menschenrechte, Toleranz und Religionsfreiheit und gegen Fremdenfeindlichkeit und Rattenfängerei wie sie die AfD betreibt“, sagte Sannig. Es sei in der Vergangenheit immer wieder zu Drohungen gekommen, auch zu Schmierereien an kirchlichen Gebäuden. „Jetzt wurde eine Schwelle überschritten“, unterstrich Sannig.

Doch warum könnte Cervigne ins Visier eines rechten Täters geraten sein? Der Pfarrer ist im Aldenhovener Bündnis gegen Rechts engagiert, die evangelische Gemeinde koordiniert in Aldenhoven die Flüchtlingsarbeit. Vor allem hat sich der 56-Jährige immer wieder gegen Verunglimpfungen und Verallgemeinerungen im Internet gewehrt, bezog in Diskussionen klar Position und berichtete aus seinen persönlichen Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit.

Am Samstag, wenige Stunden vor der Tat, hatte er die aktuelle Hysterie in Deutschland bei einem Taufgottesdienst noch zum Thema gemacht. Seine Beiträge verband Cervigne stets mit Einladungen zum persönlichen Gespräch, wehrte sich gegen pauschale Angstmacherei und lud die Urheber von Parolen in seine Gemeinde ein, damit sie sich von der Wirklichkeit überzeugen könnten.

Cervigne will auch weiterhin die Tür seines Hauses öffnen. „Ich möchte keine Burg, das Pfarrhaus muss eine Anlaufstelle bleiben“, sagte er am Montag. Auch Sannig untermauerte diese Haltung: „Es gehört dazu, dass ein Bedürftiger an einem Pfarrhaus klingeln kann.“ Angst habe er nicht, erklärte Cervigne. Sorgen mache er sich vor allem um seine Frau Judith und die fünf Söhne.

Sie seien nach dem Angriff vom Samstag verständlicherweise schockiert und beunruhigt. Er selbst würde sich gerne mit seinem Angreifer treffen und mit ihm über die Tat sprechen. Auf Facebook hat er dem Täter eine weitere Botschaft übermittelt: „Ich bin nicht sauer auf dich. Wir beide haben noch mal Glück gehabt. Denn wäre das schlimmer ausgegangen - das hätte dir auch nicht gut getan.“

 

Noch mal zur Beruhigung. Danke für den Zuspruch. Ich hatte Gottes Schutz über mir. Ein paar Blessuren. Mehr nicht. Und...

Posted by Charlie Cervigne on Sonntag, 14. Februar 2016

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