Asteroid nach Leiter der Aachener Sternwarte benannt

Von: Christina Handschuhmacher
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Seit Donnerstagabend trägt ein Asteroid im Weltall offiziell seinen Namen: Hobbyastronom Karl Heidlas, der lange die Aachener Sternwarte leitete und dafür gesorgt hat, dass die baufällige Anlage saniert statt abgerissen wurde. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Es ist eiskalt an diesem dunklen Winterabend mitten im 2. Weltkrieg. So kalt, dass der zehnjährige Karl, der in eine dicke Decke gehüllt in der Pferdekutsche sitzt, seinen eigenen Atem sehen kann. Die Pferde laufen voran. Auf dem Kutschbock sitzt sein Lehrer, der den Jungen vom Gymnasium mit nach Hause nimmt.

Auf dem Kutschbock sitzt sein Lehrer, der den Jungen vom Gymnasium mit nach Hause nimmt. Die Fahrt dauert knapp eine Stunde, doch für Karl vergeht die Zeit wie im Flug. Denn sein Lehrer, ein Hobby-Astronom, weist ihn währenddessen in die Grundzüge der Astronomie ein. Mit jeder Fahrt wächst Karls Interesse für das, was am Himmel zu sehen ist. Als er elf Jahre alt ist, schenkt ihm ein deutscher Soldat ein Fernglas. Das war für ihn „ein wunderbares Geschenk und mein Schaufenster ins All“. Seit Donnerstag kreist dort ein Asteroid, der seinen Namen trägt.

Vor dem Abriss bewahrt

Die Episode von den winterlichen Schlittenfahrten und dem astronomiebegeisterten Lehrer erzählt Karl Heidlas, wenn man ihn danach fragt, wie er als studierter Chemiker zur Astronomie gekommen ist. Heidlas, mittlerweile 81 Jahre alt, hat jahrelang die Sternwarte in Aachen geleitet und sie mit seinem Engagement vor dem Abriss bewahrt. Donnerstagabend ist ihm dort die Ehre zuteil geworden, die nur wenigen Hobby-Astronomen widerfährt: Ein Asteroid, der am 13. September 2009 zum ersten Mal von der Europäischen Nordsternwarte auf Teneriffa aus gesehen wurde, trägt ab jetzt seinen Namen: „Karlheidlas“ bewegt sich innerhalb von etwa 3,3 Jahren einmal um die Sonne.

Als ein deutscher Vertreter der Internationalen Astronomischen Union (IAU) vor ein paar Wochen seinen Besuch angekündigt hatte und Heidlas in der Sternwarte traf, ahnte dieser nicht, um was es geht. „Er hat einen Film von der Sternwarte auf Teneriffa gezeigt und plötzlich taucht da der Asteroid auf und trägt meinen Namen“, sagt Heidlas. Eine gewisse Portion Erstaunen schwingt heute noch in seiner Stimme mit. „Wie will man einen Astronomen höher ehren als so?“

Karl Heidlas wird 1932 in dem Dorf Rostial in der Nähe der böhmischen Stadt Saatz geboren. Mit zwei Schwestern wächst er auf dem Hof seiner Eltern auf. „Es gab kein elektrisches Licht, kein fließendes Wasser, aber es gab einen Sternenhimmel, der war einfach fantastisch.“ Auch US-Schauspielerin Barbra Streisand zeigt sich Jahrzehnte später angetan von Heidlas‘ Elternhaus und der Umgebung. Einige Szenen des Films „Yentl“ (1983), in dem Streisand die Hauptrolle spielte und auch Regie führte, wurden dort gedreht.

Nach der Vertreibung aus Böhmen und einem Studium in Süddeutschland kommt Heidlas in die Region. Mehr als 30 Jahre lang leitet er die Kraftwerkschemie des Eschweiler Bergwerksvereins in Alsdorf, nebenher ist er als Berater für ein Ingenieurbüro tätig. Doch die As­tronomie nimmt weiterhin einen großen Raum in seinem Leben ein.

Als Karl Heidlas im Januar 1990 die Leitung der Sternwarte übernimmt, ist das keine leichte Aufgabe. „Die Anlage war baufällig, noch vom Krieg beschädigt, und es gab dort viele verschiedene Einzelpersonen, die nicht zusammengearbeitet haben“, erzählt Jürgen Balk von der Volkshochschule, der die Sternwarte seit 2002 leitet. „Mit viel Fingerspitzengefühl hat er es geschafft, diese verschiedenen Einzelpersonen zu einem gemeinsamen Ziel zu bewegen und das war der Erhalt der Sternwarte.“ Dass die Sternwarte nun seit einigen Jahren so gut laufe und so viele Besucher anziehe, hänge definitiv mit der beachtlichen Leistung von Karl Heidlas zusammen, meint Balk.

Eine neue Linse fürs Fernrohr

Heidlas kümmert sich in den 80er und 90er Jahren – neben seinem normalen Job – um die instrumentelle Aufrüstung der Warte, den Innenausbau, die Erneuerung der Kuppel und darum, dass das Herzstück der Sternwarte – das altersschwache Fernrohr von Carl Zeiss Jena – eine neue Linse erhält. Stets an seiner Seite die Volkshochschule als Träger und der von ihm gegründete Arbeitskreis „Astronomie“. „Das war schon eine sehr herausfordernde Zeit, die viel Kraft gekostet hat“, sagt Heidlas, Vollbart, kraftvolle Stimme, graue kurze Haare. Es ist hauptsächlich sein Verdienst um die Sternwarte, der dem Hobby-Astronomen nun diese Auszeichnung zuteil werden lässt.

Dankbar ist Heidlas in diesen Tagen vor allem seiner Familie. „Meine Frau und meine beiden Töchter haben mir den nötigen Freiraum gegeben und mich getragen“, sagt Heidlas. „Und auch ertragen“, schmunzelt er. Denn selbst im Urlaub spielte die Astronomie eine wichtige Rolle – das Wohnmobil der Familie Heidlas war mit zwei Teleskopen ausgestattet. Und manchmal reiste Heidlas den Himmelswundern gar hinterher, etwa 1986 in die Sahara, um dort den Halleyschen Kometen zu sehen. „Ich wusste, der kommt erst in 76 Jahren wieder und dann bin ich nicht mehr da.“

Mittlerweile ist Heidlas sechsfacher Großvater und sechsfacher Urgroßvater, Urenkel Nummer sieben ist unterwegs. Statt in Opas Garten auf die Schaukel zu gehen, können die Urenkel die dortige Sternwarte besuchen oder Opas Meteroitensammlung bestaunen. Dass nun ein Asteroid nach dem Großvater benannt wird, hat Enkelin Clarissa treffend zusammengefasst: „Der Opa schwirrt jetzt um die Sonne.“

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