„Art in Motion“: Begegnung mit Bekannten auf neue Weise

Von: Martin Thull
Letzte Aktualisierung:
12563856.jpg
Klimts Blumenwiese: Hier kann man sie auf eine besondere Weise auf sich wirken lassen. Foto: Martin Thull
12586328.jpg
Einem der überlebensgroßen Selbstbildnisse von van Gogh wird ein Frauenbild gegenübergestellt, dazwischen die grobe und große Hand des Malers. Foto: Martin Thull
12586253.jpg
Bei Monet geht bei dem einen Bild die Sonne blutrot unter, direkt gegenüber das gleiche Motiv, aber es ist dieses Mal der Sonnenaufgang. Foto: Martin Thull

Köln. „Dürfen die das?“ Das fragt sich der Besucher schon nach wenigen Augenblicken, wenn er den Showroom des Barthonia-Forums in Köln betreten hat. Dürfen Anthony Stavchanskyy, der Projektdirektor dieser ungewöhnlichen Ausstellung, und sein Team das: Sich nicht um Formate der Originale kümmern, Bilder berühmter Künstler zerlegen und wieder neu zusammensetzen, einzelne Details animieren und mit Geräuschen unterlegen?

Knapp 30 Beamer projizieren Bilder von Claude Monet, Vincent van Gogh und Gustav Klimt an die Wände einer großen Halle und stückweise auch auf den mit schwarzer Folie ausgelegten Fußboden. Dazu gibt es klassische Musik von Zeitgenossen dieser Künstler. Stühle und Bänke laden ein, sich auf die Multimediashow „Von Monet zu Klimt. Art in Motion“ einzulassen. Es ist eine meditative Atmosphäre in der ehemaligen Produktionsstätte von 4711.

Wie aus dem Nichts

Farben und Strukturen der Bilder, die dem Besucher von Postern und Postkarten, aus Kalendern und Bildbänden vertraut sind, tauchen wie aus dem Nichts in völlig neuer Art auf. Überdimensional die Pinselstriche, man glaubt, die dicke Ölfarbe geradezu greifen zu können. Etwa Monets Seerosen: Sie tauchen einzeln auf der zunächst schwarzen Wand auf, dazu das Geräusch von Tropfen, die ins Wasser fallen. Einige der Seerosen scheinen sich leicht zu bewegen, immer mehr werden es, bis schließlich auf etwa 20 mal vier Metern Fläche Monets Seerosen ihre ganze Pracht entfalten.

Da wird eines der Muster deutlich, nach dem Stavchanskyy und sein Team von Kunststudenten aus Estland gearbeitet haben: Sie zerlegen ein Bild, da eine Windmühle von van Gogh, dort ein Seestück von Monet oder den dekorativen Rahmen aus Klimts goldener Periode. Sie lassen zunächst dieses Einzelstück wirken, vervielfältigen es und setzen das Bild dann langsam in horizontalen und vertikalen Bewegungen wieder zusammen.

Oder sie stellen einem der überlebensgroßen Selbstbildnisse von van Gogh ein Frauenbild gegenüber, dazwischen die grobe und große Hand des Malers. So entstehen neue Bezüge. Bei Monet geht bei dem einen Bild die Sonne blutrot unter, gleich gegenüber das gleiche Motiv, aber es ist dieses Mal der Sonnenaufgang. Klimt malte üppige dekorative Rahmen um seine Figuren.

Hier werden sie aufgelöst, wie ein Mosaik zerlegt. Und auf der Leinwand erscheinen die Dekostücke wie Schubladen. Dazu immer wieder Musik. Oder Blitz und Donner bei Landschaftsbildern, Wind- und Sturmgetöse bei Seestücken. Glocken und Vogelgezwitscher – jeweils so, wie es zum Motiv passt.

Das Besondere: Hier geht es nicht um Information über die drei Maler und ihre Werke. Nicht ein kleines Fitzelchen an Hinweisen zu ihrer Zeit. Die Multivisionsschau spricht mit Tönen und Bildern die Gefühle der Besucher an, wechselt zwischen schnellen Bildabfolgen und ruhigen Passagen, stets unterstützt durch eine Musik, von der manches Stück als Ohrwurm durchgeht. Eine Begegnung mit alten Bekannten gleichsam.

Und doch neuartig. Weil die getragene Atmosphäre herkömmlicher Museen hier fehlt, weil dies eine eher spielerische Heranführung an große und – in den Originalen – sehr teure Kunst ist. Monet, van Gogh und Klimt werden frei zugänglich ohne jeglichen Ballast von Kunst- und Zeitgeschichte. Ein faszinierendes Schauspiel, ein Durchlauf dauert 45 Minuten lang. Aber es empfiehlt sich, sich mindestens einen zweiten Durchgang zu gönnen, um die mit Finesse durchkomponierte Schau umfassend verstehen und genießen zu können.

Die Macher sind sich sicher: „Der Besucher erlebt einen farbintensiven und emotionalen Streifzug durch die Kunstwelt. So werden die Kunstwerke mit den Augen des Künstlers wahrnehmbar, als er sie zu Lebzeiten auf der Leinwand verewigte.“

Immerhin: In dieser Ausstellung werden verschiedene Kunststile und Künstler vereint, die weltweit in Galerien und Privatsammlungen verstreut sind. Ziel ist es, mit „modernem Entertainment“ Menschen anzusprechen, die bislang eher keinen oder wenig Zugang zu klassischen Kunstwerken hatten. Denn die Sichtweise auf alte Kunstwerke werde für den Betrachter zu einer aufregenden und bewegenden Zeitreise, in der die alten Meister in das digitale Zeitalter aufbrechen.

„Dürfen die das?“ fragte sich der Besucher eingangs. Jenseits aller urheberrechtlichen und anderer rechtlicher Fragen ist die Antwort am Ende eindeutig. „Ja, klar dürfen die das!“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert