Architekt Ernst Höhler: „Man will die Wahrheit oft nicht wissen“

Von: Angela Delonge
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Spektakulär und schwierig wie kaum ein anderes Bauwerk: Die Hamburger Elbphilharmonie wird nach dem Abschluss neuer Verträge nun doch weitergebaut. Foto: imago/blickwinkel
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Architekt Ernst Höhler aus Aachen: Sein Büro plant die Hamburger Elbphilharmonie. Foto: Lachmann

Aachen. Wer heute mit öffentlichen Geldern ein großes Bauprojekt verwirklichen will, sieht sich einer Vielzahl von Problemen gegenüber. Planungen verzögern sich, Baukosten laufen aus dem Ruder. Ob Berliner Flughafen, Stuttgart 21 oder die Hamburger Elbphilharmonie – Probleme und Folgen sind heute im Vorfeld kaum kalkulierbar, sagt Ernst Höhler vom Aachener Büro Höhler+Partner.

Warum das so ist, erklärt der Architekt, dessen Büro Generalplaner für die Elbphilharmonie ist.

Großprojekte scheinen schwierig zu sein. Die Aachener mit der geplanten Campusbahn gerade eines abgelehnt. Wie ist Ihre Meinung dazu, Herr Höhler?

Höhler: Ich finde das schade, ich kann es aber verstehen. Das Projekt ist offenbar schlecht kommuniziert worden, die begleitenden Großprojekte in Deutschland verschrecken die Leute. Es ist möglicherweise auch nicht ausreichend vorbereitet worden, soweit ich davon Kenntnis habe. Gleichwohl wäre es für Aachen gut gewesen. Nach dem Motto ‚Aachen hat lange geschlafen, aber jetzt werden wir wach und schaffen uns hier ein modernes Verkehrsmittel an‘. Und das insbesondere zur Integration unseres einzigen Hoffnungsträgers, den wir in Aachen noch haben, der RWTH. Aber offenbar hält eine erstickende Mehrheit eine Fortentwicklung nicht für nötig.

Finden Sie es grundsätzlich richtig, bei so großen Bauvorhaben die Bürger entscheiden zu lassen?

Höhler: Der Stadtrat hatte den Bau der Campusbahn zwar beschlossen, war aber der Meinung, dass er das Projekt doch nicht abschließend beurteilen kann. Dann sollte der Bürger, der es nun gar nicht beurteilen kann, entscheiden. Ich denke, wir haben den Stadtrat gewählt, und der muss sich, wenn er selbst nicht sachkundig ist, durch Sachverständige kundig machen lassen, so dass er selbst entscheiden kann.

Haben Sie eine Erklärung für das allgemeine Misstrauen in öffentliche Bauvorhaben, in Fortschritt allgemein?

Höhler: Ich glaube nicht, dass das nur an schlechter Kommunikation liegt. Die fehlschlagenden Großprojekte in Deutschland – also Stuttgart, Berlin, Hamburg – sorgen in der allgemeinen Wahrnehmung dafür, dass alles nur schief gehen kann. Bewahren, nicht Aufbruch scheint im Augenblick das Motto zu sein. Die Leute sind eingeschüchtert durch die nicht enden wollende Euro- und Europakrise.

Wodurch entstehen Bauprobleme?

Höhler: Die Generalplaner kennen in den frühen Planungsphasen auch nicht immer alle Problemlösungen, ja, wir kennen nicht einmal alle Probleme. Wir können sie nicht beschreiben. Wie sollen wir eine Ausschreibung machen für eine Firma, die das dann kalkulieren soll? Ohne eine fundierte Planung können wir ja nicht mal selbst sagen, was es kostet. Ohne dass ein ‚böses‘ Bauunternehmen etwas falsch macht, läuft es darauf hinaus, dass sich in der fortschreitenden Planung die Vertragsgrundlagen völlig ändern. Dann ist die Tür offen für Nachtragsforderungen, Zeitverzögerungen, rechtliche Auseinandersetzungen und so weiter.

Ein Generalplaner müsste aber doch wissen, was der Bau kostet?

Höhler: Im Vorentwurf können viele Details kaum projiziert werden, zum Beispiel außergewöhnliche statische Lösungen wie beim Dach der Elbphilharmonie. Die Frage, wie viel Tonnen Stahl benötigt werden, welche Raffinesse die Konstruktionen entwickeln müssen, bedarf einer sehr tiefen Planung, besonders dann, wenn man sich abseits der geltenden Norm bewegt.

Spektakuläre Neubauten werden also in einer Art Wolkenkuckucksheim geplant?

Höhler: Ja, die Planungen sind oft gar nicht fertig. Die tatsächlichen Anforderungen werden den Beteiligten dann erst viel später während der Ausführung klar.

Warum ist das so?

Höhler: Weil wir es bei Großprojekten in der Regel mit öffentlichen Auftraggebern zu tun haben. Die Politiker wollen die Entscheidung, den Baubeginn und die Eröffnung am liebsten möglichst in ihrer Legislaturperiode haben. Die populistischen Interessen, die die Wahltermine vorgeben, zerstören die Projekte. Es wird einfach zu früh gebaut.

Läuft es mit privaten Bauherren besser?

Höhler: Ja, weil die zuerst planen und dann bauen.

Kein öffentliches Bauprojekt, das gut läuft?

Höhler: Es mag öffentliche Projekte geben, die gut laufen. Zweifellos. Aber das nächste schlechte wird das Berliner Schloss werden. Das ist nicht ausreichend vorbereitet, Baugrundgutachten nicht in Ordnung – da fängt es ganz vorne schon an zu knacken.

Es gibt Experten, die sagen, dass Bauprojekte im Vorfeld kleingerechnet werden, um sie den Politikern schmackhaft zu machen.

Höhler: Das kann man nicht generalisieren, aber oft stimmt das. Das muss nicht unbedingt böse Absicht sein. Projektmanager müssen ein Vorhaben billig machen, weil sie es teuer nicht verkauft bekämen.

Sind Politiker mit solchen Projekten überfordert?

Höhler: Klar, auch mit solchen Projekten sind die überfordert. Aber man kann den Sachverstand ja einkaufen. Offenbar wird das nicht gemacht. Da bestünde ja die Gefahr von Rückkopplungen. Manchmal will man die Wahrheit ja gar nicht wissen, um voranzukommen.

Bauen Sie überhaupt noch gerne in Deutschland?

Höhler: Ja, am liebsten. Das macht auch nach wie vor den größten Teil unseres Auftragsvolumens aus.

Auch wenn es immer schwieriger wird, Großprojekte zu verwirklichen?

Höhler: Projekte der öffentlichen Hand werden dadurch behindert, dass es strenge Regeln für die Vergabe gibt, die EU-Richtlinien der öffentlichen europaweiten Ausschreibung. Damit verbunden sind Widerspruchsinstrumente für Bieter, die sich übergangen fühlen. Das führt zu Überprüfungsverfahren, die sehr zeitraubend sind. Dann geht es auf der Baustelle nicht weiter. Die Vergabekammern und Gerichte sind damit völlig überlastet. Die öffentlichen Bauherren haben nicht die Flexibilität, solche Probleme im Vorfeld diplomatisch zu lösen. Oft hat man dort nicht nur das Projekt im Blick, sondern auch die eigene Karriere, da will man keine Fehler machen. Das erleben wir generell bei Entscheidungen von öffentlichen Bauherren.

Es gibt den Vorschlag, bei Bauprojekten von vorneherein Rechtsberater mit ins Boot zu nehmen. Was halten Sie davon?

Höhler: Von einer grundsätzlichen Begleitung bin ich nicht begeistert. Das sind ja keine edlen Ritter, sondern Leute, die auch Geld verdienen wollen. Bei den Stundensätzen von 300 bis 400 Euro für diese exzellenten Fachleute kommt da viel zusammen. So jemand muss ja erstens Probleme lösen und zweitens neue entdecken, damit er weiter beschäftigt wird.

Sehen Sie eine Lösung für all diese Probleme?

Höhler: Nein, Bauen wird immer schwieriger. Es kommen ja noch andere Komponenten hinzu. Es geht ja nicht nur um Vergabeverfahren und strategische Entscheidungen, es geht auch um die Durchführung der Projekte. Ausein­andersetzungen mit den Projektbeteiligten werden zunehmend schwieriger, weil sie stark juristisch durchtränkt sind. Ansprüche werden nicht mehr verhandelt, sondern juristisch durchgefochten. Die kleinsten Störungen führen sofort zu Behinderungsanzeigen mit entsprechenden Kostenfolgen. Davon sind heute alle Projekte durchdrungen. Bei vielen Projekten begleiten uns noch jahrelange juristische Auseinandersetzungen. Darüber freuen sich dann die Anwälte.

Für die Hamburger Elbphilharmonie gibt es neue Verträge. Kann man davon ausgehen, dass das Bauvorhaben jetzt nach Plan abgewickelt wird?

Höhler: Davon gehen alle aus. Es ist ein radikaler Umbau der Vertragsverhältnisse vorgenommen worden. Wir als Generalplaner werden zusammen mit Hochtief die restlichen Planungen machen und die Bauaufgabe lösen. Außerdem werden wir für die öffentlichen Bereiche – alle Konzertsäle, Foyers, Backstage – die Bauleitung übernehmen. Die neue Konfiguration arbeitet seit 1. März. Das ganze Projekt wird nun von öffentlich bestellten Sachverständigen begleitet.

Ist das hilfreich?

Höhler: Ja, die Voraussetzungen sind gut. Es wird natürlich Reibungen geben. Denn das Projekt ist und bleibt sehr schwierig – beispiellos kompliziert. Als Streitschlichter wird der Präsident des Bundesverbandes der Sachverständigen das letzte Wort haben.

Wird der neu veranschlagte Kostenrahmen von 575 Millionen Euro eingehalten werden?

Höhler: Ja, das sind aber nur die Baukosten und ein Teil der jetzt noch anfallenden Planungskosten. Dazu werden weitere Kosten kommen: Planungskosten, Zinsen, die Mehrwertsteuer und so weiter. Es wird also doch noch etwas mehr werden.

Das Architektenhonorar von 93 Millionen Euro, über das sich viele Leute empören, ist da aber schon drin enthalten?

Höhler: Ja, aber diese Zahl ist durch nachlässige Recherche entstanden. Dazu muss man sagen: Zum einen ist es tatsächlich so, dass es aufgrund von Sonderwünschen des Bauherrn eine Unmenge von Planungswiederholungen und -änderungen gegeben hat und noch geben wird. Zum anderen ist die Honorarsumme etwas geringer als kolportiert, und sie betrifft ja nicht nur die Architektenleistungen, sondern auch die Leistungen des Generalplaners, der wir sind. Und wir hatten 32 Fachbüros als Subunternehmer beschäftigt; deren Honorare sind in dieser Zahl ebenfalls enthalten. Insofern relativiert sich das etwas.

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