Aquis Plaza: Endspurt beginnt, doch noch klaffen Lücken

Von: Ines Kubat und André Schaefer
Letzte Aktualisierung:
Einkaufscenter Aquis Plaza
Am 28. Oktober eröffnet das Einkaufscenter Aquis Plaza. Auf Aachens größter Baustelle herrscht Zuversicht – aber es bleibt ein Rennen gegen die Zeit. Foto: Harald Krömer
11002137.jpg
Ein Blick in die Halle des gigantischen Einkaufscenters Aquis Plaza am Aachener Kaiserplatz zeigt: Bis zur Eröffnung in 20 Tagen ist noch einiges zu tun. Doch bei den rund 750 Arbeitern herrscht überwiegend Zuversicht. Foto: Andreas Steindl
10969998.jpg
Die Centermanagerin Kathrin Landsmann. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Es gibt da dieses nette Ritual, das Kathrin Landsmann in den vergangenen Wochen für sich entdeckt hat. Jeden Morgen, kurz nach dem Aufstehen, fährt die 36-Jährige ihren Rechner hoch, geht auf die Website des Aquis Plaza und blickt für ein paar Sekunden auf den Countdown bis zur Eröffnung.

„Das ist immer wieder ein aufregender Moment“, sagt die Centermanagerin des größten Einkaufszentrums Aachens. „Es sind tatsächlich nur noch 20 Tage“, sagt sie. „Da spürt man schon das Kribbeln.“

Am 28. Oktober wird sich die Nervosität vermutlich deutlich legen, um 8 Uhr wird der gigantische Konsumtempel am Kaiserplatz nach zweieinhalb Jahren Bauzeit seine Pforten öffnen. Bis dahin geht es in diesen Tagen um Feinheiten, um Details. „Der Blutdruck steigt auf den letzten Metern der Zielgeraden“, sagt Landsmann. So ist das halt, wenn ein 290 Millionen Euro teurer Koloss mit Leben gefüllt wird.

Zufriedenes Lächeln

Von erhöhtem Blutdruck ist an diesem sonnigen Morgen am Eingangsbereich der riesigen Baustelle allerdings nur wenig zu spüren. In gelber Warnweste, mit Helm und klobigem Arbeitsschuhwerk ausgestattet, betreten Landsmann und ihr technischer Manager Mike Mines die dröhnende Eingangshalle.

Während beide den Kopf in den Nacken legen und einen Blick auf die obere Etage werfen, legt sich ein zufriedenes Lächeln über ihre Gesichter – ein Lächeln, nach dem dem neutralen Beobachter beim Blick auf den Stand des Baufortschritts nicht auf Anhieb zumute ist. Alle paar Meter hängen Kabel wild aus der Decke, einige Wände sind noch völlig nackt und unverputzt, die ruhenden Rolltreppen sind mit dicken Holzbalken versperrt. Da überrascht es ein wenig, dass Mines, 30, mit voller Überzeugung sagt: „Es läuft alles nach Plan. Und so soll es ja auch sein.“

Bis zu 750 Arbeiter wirbeln derzeit täglich durch die Hallen des Aquis Plaza, überall wird gebohrt, geschliffen, gemalt. Und so sehr man danach sucht: Von Nervosität oder blank liegenden Nerven ist selbst bei den Bauarbeitern keine Spur – im Gegenteil: Einige stehen entspannt vor der Tür, trinken Kaffee und genießen die Sonne. Klotzen gegen die Uhr, klotzen unter Zeitdruck – all das sähe anders aus. Landsmann sagt: „Wir haben einen Eröffnungstermin. Und der wird eingehalten.“

Ein Blick auf die Zahlen lässt Großes erwarten. Mit 25.000 Besuchern rechnen die Experten der Hamburger Investoren- und Betreibergesellschaft ECE täglich unter dem Dach des Aquis Plaza. Mehr als 130 Shops – darunter der Elektronikriese Saturn, SportScheck und Zara – werden auf der insgesamt 29.000 Quadratmeter großen Fläche Platz finden. Ein enormer Aufwand. Und glaubt man der Center-Managerin, dann wird sich dieser Kraftakt auszahlen. „Wir sind überzeugt von dieser Galerie“, sagt Landsmann. „Wir glauben fest daran, dass das Aquis Plaza ein Erfolg wird.“

Seit einem Jahr ist Landsmann nun in Aachen. Das Büro der gebürtigen Leipzigerin liegt ein paar Meter abseits des Bautrubels, genauer gesagt gegenüber vom Bushof. Die Einkaufsgalerie am Kaiserplatz ist das zweite von ihr koordinierte Großprojekt, zuvor war Landsmann für die Schlosshöfe in Oldenburg verantwortlich. Zusammen mit Mines, der im Februar dieses Jahres hinzu kam, ist die 36-Jährige derzeit alle zwei Tage auf der Baustelle anzutreffen.

„Hier passiert unglaublich viel, die Baustelle ist im ständigen Wandel“, sagt Landsmann. Dann bleibt sie stehen, schaut auf die Außenfassade der Rolltreppe und runzelt beim Blick auf die dort befindlichen länglichen Klebestreifen die Stirn. „Die waren bei meinem letzten Besuch noch nicht da“, sagt sie. „Ich frage mich gerade nur, ob die Streifen die richtige Farbe haben.“

Den beiden Centermanagern entgeht nichts. Erst recht nicht in einer Phase, in der sich die Fertigstellung des Großprojekts dem Ende zuneigt. Eine solche Detailversessenheit – man könnt sie beinahe schon Pedanterie nennen – gehört nun mal zu den Aufgaben von Landsmann und Mines. Die beiden müssen jede Kleinigkeit im Blick und den Masterplan stets im Kopf haben. Von der Beleuchtung bis hin zum Holz der Geländer – jedes noch so kleine Element, das im Shoppingcenter verbaut ist, folgt einem Konzept. Maße, Farbe, Textur, Material und Anbringungsort kann man im Masterplan nachlesen.

„Schließlich müssen wir ja im laufenden Betrieb genau wissen, wie wir defekte Elemente ersetzen können“, erklärt Technikleiter Mines, der auch nach der Eröffnung weiterhin im Aquis Plaza arbeiten wird. Den beiden Managern ist die Vorfreude auf die Eröffnung sichtlich anzumerken. „Nicht nur wir freuen uns“, sagt Landsmann. „Wir spüren, dass auch die Menschen in Aachen der Eröffnung entgegenfiebern. Kritik begegnen wir in diesen Tagen kaum noch.“

Kritische Stimmen wurden lauter

Lange Zeit war das anders, und zwar ganz anders: Das Aquis Plaza, das bis zum Spatenstich im Mai 2013 noch Kaiserplatzgalerie hieß, war stets ein Großprojekt, dem zum Teil bis heute noch kritisch entgegengeblickt wird. 2008 gründeten Gegner der imposanten Shopping-Mall eine Bürgerinitiative unter dem Namen „Kaiserplatzgalerie – Nein Danke!“.

Bis heute sehen sie mit Blick auf das Großprojekt ausschließlich negative Begleitaspekte: Sie kritisieren zu hohe Kosten, befürchten, dass zu wenig Kaufkraft in der Region vorhanden ist und prognostizieren große Probleme für den örtlichen Einzelhandel.

Doch auch die Stimmen aus der Aachener Bevölkerung hatten lange Zeit einen kritischen Unterton. Und das lag in erster Linie am an der riesigen Brache am Kaiserplatz. Viele Jahre lang glich das Areal nämlich einem Schandfleck, dem niemand so richtig Beachtung schenken wollte. Als 2007 die Abrissarbeiten am Kaiserplatz begannen, war der Vertrag mit einem möglichen Investor noch nicht einmal in trockenen Tüchern. Erst 2012 – kurz bevor das Projekt um ein Haar ganz gekippt worden wäre – unterschrieben die jetzigen Investoren ECE und Strabag den Kaufvertrag.

Der Mann der ersten Stunde

Die Zeit der Pleiten und Pannen rund um den imposanten Koloss im Herzen der Stadt gehören offensichtlich mit dem ersten Spatenstich der Vergangenheit an. Futter für neue Kritik gab es seit Baubeginn jedenfalls keines mehr. Im Gegenteil: Das Datum der Inbetriebnahme wurde sogar vom Frühjahr 2016 auf den jetzigen Herbst vorverlegt. „Das ist schon unüblich für Baustellen“, sagt Udo Stange.

Der 46-Jährige ist der Oberpolier des Großprojekts. An diesem Morgen sitzt er im Besprechungsraum eines Baucontainers, an dessen Wänden meterlange Baupläne der Einkaufsgalerie hängen. Stange kennt diese Pläne alle, der gebürtige Hamburger ist sozusagen ein Mann der ersten Stunde. Er war es, der vor einem Jahr den Richtspruch hielt. Und er war es auch, der vor zweieinhalb Jahren als einer der ersten die Baustelle betrat.

„Als ich hier in Aachen aufschlug, dachte ich: Hier wird es Zeit, dass etwas passiert“, sagt er. Passiert ist seitdem viel. Und Oberpolier Stange hat das Ziel der Eröffnung vor Augen. „Das verlief hier eigentlich seit Baubeginn recht reibungslos“, sagt er. Eigentlich. Wäre da nicht die Insolvenz der Fassadenfirma gewesen, die ihre Zelte kurzfristig abbrechen musste. „Gott sei Dank ist das früh genug passiert“, sagt Stange. „Da konnte man noch reagieren.“

Optimismus und Zuversicht: All das ist Stange anzumerken. Doch der 46-Jährige ist kein Schönredner, Stange spricht aus, was er denkt. Und im Gegensatz zum Management des Centers, das voraussagt, dass vermutlich ein Geschäft die Eröffnung verpassen werde, denkt Stange, dass bloß 70 der 130 Geschäfte am Eröffnungstag ihre Tore öffnen werden. „Das ist nur ein Gefühl“, sagt er. „Ich habe da keinen Beweis für.“

Welche Läden am 28. Oktober tatsächlich die ersten Besucher empfangen werden, liegt ohnehin nicht in seiner Hand: Für die einzelnen Geschäfte sind die Mieter seit ihrem Einzug im Juni selbst zuständig. Stanges Aufgabe ist die Fertigstellung der gemeinsamen Flächen im Grundgebilde. In den obersten Geschossen klaffen noch immer riesige Löcher in der Außenwand, durch die der Wind pfeift.

Genau dort beginnt für den 46-Jährigen in den nächsten Tagen ein Kampf gegen die Zeit. Auch der Terrassenbereich vor dem Kugelbrunnen werde vermutlich erst in letzter Minute fertig, sagt er. „Sportlich war das hier vom ersten Tag an“, sagt Stange. „Und das bleibt es bis zur Eröffnung.“

Diesen Satz würden Andreas Teppe und Jon Paulo Schneuer vermutlich sofort unterschreiben. Die beiden sind Bauleiter der Logistikfirma ProWaste. Dass sich das Großprojekt auf der Zielgeraden befindet, dafür brauchen die beiden keinen Countdown, dafür haben sie einen Bauplan. Und der hängt prominent platziert in ihrem provisorischen Büro im Pfarrgebäude der Adalbertskirche. Darauf ist die Aufschrift „Bauphase 5“ zu lesen. „Das ist der letzte Bauabschnitt“, sagt Schneuer. Und der beginnt in diesen Tagen. „Jetzt kommt für uns der stressigste Teil.“

Seit vergangenem Frühjahr residiert die Logistikfirma gleich neben der Kirche. Von ihrem Büro aus haben Teppe und Schneuer einen wunderbaren Überblick über den quirligen Eingang zur Mall, den Nabel der Baustelle: Durch das Drehkreuz kommen und gehen täglich 750 Arbeiter, Architekten, Bauherren, Ladenlokalbesitzer und Besucher. Jeder von ihnen ist bei ProWaste angemeldet. Obwohl Teppe und Schneuer schon an größeren Baustellen für die Logistik zuständig waren, sind sich beide einig: „Es ist eine Herausforderung“.

Abendkleid statt Warnweste

Das liegt nicht zuletzt an der zentralen Lage zu wichtigen Straßen innerhalb der Stadt: Knifflig ist für ProWaste vor allem die Warenanlieferung, die unterirdisch abläuft. Jeder Lkw muss bei ihnen angemeldet sein und bekommt nur ein kleines Zeitfenster zum Entladen. Täglich fahren durchschnittlich 35 solcher Großtransporter vor, um ihre Ware abzuliefern. Und kurz vor der Eröffnung – darauf sind beide vorbereitet – wird es nochmals heikel: Denn in letzter Minute werden die Geschäfte bestellen, was ihnen noch fehlt.

Das bedeutet noch mehr ankommende Transporter, noch mehr Logistik, noch mehr entstehender Müll. Für dessen Entsorgung ist die Firma auch zuständig. Und die Zeit eilt: „Am 25. Oktober darf nichts mehr von uns zu sehen sein“, sagt Schneuer. Keine Container, keine Baustellenzäune, keine Paletten.

Denn dann betreten andere die frisch polierten Böden: Musik wird aufgebaut, die Caterer kommen, Girlanden werden drapiert, Luftballons im Akkord aufgepustet. Auch Kathrin Landsmann tauscht am Vorabend der Eröffnung ihre gelbe Warnweste gegen ein Kleid, die Sicherheitsschuhe gegen High Heels: 750 Gäste mit Vertretern der Aachener Hautevolee werden zur Eröffnungsgala erwartet.

Bis es soweit ist, stehen der Centermanagerin aber noch lange Tage und kurze Nächte bevor. „Viel Schlaf bekommen wir nicht“, sagt sie und lacht. Bis das blaue Band zur Eröffnung durchschnitten wird, stehen noch so manche Besuche auf der Baustelle an. Und noch einige morgendliche Blicke auf die Homepage des Aquis Plaza, auf den Countdown bis zum Startschuss.

Leserkommentare

Leserkommentare (10)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert