Aachen - „Aquis Plaza“: Aachens höchster Arbeitsplatz

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„Aquis Plaza“: Aachens höchster Arbeitsplatz

Von: Stefan Herrmann
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Den Blick stets aufs Baukran-Ballett der „Auis Plaza“ gerichtet: Udo Michalek an seinem Arbeitsplatz in luftigen 74 Metern Höhe. Zeit, das Aachener Stadtpanorama mit Dom und Rathaus zu genießen, bleibt dem Euskirchener kaum. Foto: Stefan Herrmann
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Er steuert den Koloss: Der Euskirchener Udo Michalek (57) bewegt jeden Tag Tonnen, damit der Bau des „Aquis Plaza“ voranschreitet. Foto: Stefan Herrmann
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Die Nummer eins: Der linke Kran der Firma Züblin ist mit 74 Metern derzeit der höchste in Aachen. Foto: Stefan Herrmann
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Gewaltige Ausmaße: 75 Meter reicht der Ausleger nach vorne. Der Baukran kann bis zu zwölf Tonnen heben. Foto: Stefan Herrmann
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Vogelperspektive: Aus fast 75 Metern Höhe ergeben sich ungewöhnliche Einblicke in die Arbeit auf der „Aquis Plaza“-Baustelle. Foto: Stefan Herrmann

Aachen. Die Tasche ist gepackt. Udo Michalek hat alles dabei, was er für einen langen Tag braucht. Dann beginnt die Reise. Es geht hoch hinaus für Michalek. Sehr hoch. Denn der 57-Jährige sitzt auf dem wohl spektakulärsten Arbeitsplatz, den Aachen derzeit zu bieten hat.

Der Euskirchener steuert den höchsten Kran auf Aachens Großbaustelle „Aquis Plaza“. Ein Tag über den Dächern der Kaiserstadt.

217. Diese Zahl begleitet Michalek jeden Tag wie eine vertraute Partnerin. Denn 217 Sprossen steigt der Mitarbeiter der Baufirma Züblin jeden Tag um 6 Uhr morgens hinauf. Leiter für Leiter, Etage für Etage. Ein Job, der vor allem eine Voraussetzung in der Berufsbeschreibung stehen hat: Höhenangst verboten! „Ich hatte bereits als Kind den Traum, solch einen großen Kran zu fahren“, macht Michalek denn in seiner ruhigen wie bestimmten Art gleich klar, dass sein Blick von Klein auf hoch ging zu den tonnenschweren Stahlkolossen.

Seit Monaten geht es auf der größten Baustelle in der Region zu wie auf einem Ameisenhaufen. Die gigantische, 290 Millionen Euro teure Einkaufsmall „Aquis Plaza“ – für viele Menschen immer noch besser bekannt unter ihrem alten Namen Kaiserplatz-Galerie – wächst Tag für Tag (siehe Box). Und niemand hat all dies besser im Blick als Udo Michalek.

In 74 Metern Höhe thront der Kranführer in seinem Sessel, dirigiert mit dem Joystick eine tonnenschwere Schalungswand für das neue Parkhaus zentimetergenau an Ort und Stelle. Das verlangt gutes Auge, Fingerspitzengefühl – und Grundkenntnisse in Polnisch. „Na dó (runter)!“ kracht es aus dem kleinen Funkgerät, das Michalek gleich neben sich liegen hat. Unten sind die polnischen Kollegen am Werk, verankern die riesige Platte. Es sei nicht immer ganz einfach, aber im Großen und Ganzen funktioniere die Kommunikation dann doch, berichtet der Mann, der seit 1972 seine Brötchen im Baugewerbe verdient – die meiste Zeit davon als Kranfahrer.

Michalek ist in den 42 Jahren viel rumgekommen in der Republik: An der millionenschweren Sanierung des Reichstags in Berlin war er ebenso als Kranführer beteiligt wie am Bau des 103 Meter hohen LVR-Turms in Köln-Deutz nahe des Rheins. Projekte in München, Hamburg und nun halt Aachen. Udo Michalek ist auf Deutschlands Großbaustellen zu Hause.

Und zu einem kleinen Stück Heimat wird da automatisch der etwa 1,5 mal 1,5 Meter große Führerstand. Drei Fotos von seiner Frau hängen an der Wand. Das Radio dudelt im Hintergrund. Eine Dose samt Butterbrot und hartgekochtem Ei wartet ebenso wie ein Joghurt und ein Glas Oliven auf den Verzehr. Mal flott in der Mittagspause runter zu den Kollegen gehen? „Das mache ich nicht“, sagt Michalek, während er das Baukran-Ballett vor seiner Fensterscheibe beobachtet. Insgesamt sieben Kräne unterschiedlicher Größe sind derzeit auf der „Aquis Plaza“-Baustelle im Einsatz, ein achter wird in diesen Tagen errichtet, um weitere Lasten zu bewegen. „Die Nummer Eins ist aber mein Ding, von Anfang an“, sagt der erfahrene Fachmann.

Der Tag eines Kranführers ist einsam – und lang: Wenn unten die Bagger und Bohrer noch ruhen, steigt Michalek gegen 6 Uhr auf sein Arbeitsgefährt, die Schicht endet um 17 Uhr. Rund 15 Minuten, verrät er, brauche er für die Klettereinlage. „Mit ein paar Päuschen zwischendurch“, wie er anfügt. Dann heißt es erstmal: warten. Um 7 Uhr geht‘s am Boden richtig los. Und Michaleks Hilfe ist an vielen Stellen gefragt.

Ein Blick auf den Display verrät, dass er gerade eine 1,7 Tonnen schwere Wandplatte am Haken hat. Kein Problem für „seinen“ Kran, der bis zu zwölf Tonnen an dem 75 Meter langen Ausleger in die Höhe hieven kann. Etwas, auf das Michalek immer einen Blick hat, ist das Wetter. Ab Windstärke 6 wird die Arbeit in solch luftiger Höhe zu riskant, dann darf er nicht mehr fahren. Doch an diesem Tag herrscht Bilderbuchwetter. Michaleks Blick richtet sich trotzdem meist in die Tiefe statt auf das vor ihm ausgebreitete Stadtpanorama. Den Aachener Dom, verrät er, kennt er nur von hier oben. Aber Printen habe er immerhin schon einmal gegessen, fügt er mit einem Schmunzeln an.

Trotzdem: Der 57-Jährige ist vor allem auf seine Arbeit fokussiert. „Für mich ist das halt Alltag. Andere Menschen gehen ins Büro, ich steige auf meinen Kran.“ Nur in den Pausen, da blicke er sich schon einmal um und genieße die Aussicht. „Wenn die Sonne untergeht, ist es schon wunderbar hier oben“, gibt er dann doch zu. Udo Michalek wird noch eine ganze Weile Sonnenuntergänge über Aachens City genießen können. Seit Mitte Februar ist er in der Kaiserstadt im Einsatz. Und solange Kran Nummer Eins direkt neben der Kirche St. Adalbert steht, wird auch der Euskirchener jeden Morgen in den Westzipfel reisen, seine Butterbrotdose gut verpackt in der Tasche, und die 217 Sprossen zum Arbeitsplatz in Angriff nehmen.

Große und kleine Geschäfte

Und dann stellt sich noch eine Frage, die den seltenen Besuchern in Michaleks Kabine direkt in den Kopf schießt: Wie geht der Kranführer mit dem ganz natürlichen und zugleich ab einem gewissen Zeitpunkt unaufschiebbaren menschlichen Bedürfnis um? Eine Toilette sucht man dort oben nämlich vergebens. „Für das kleine Geschäft habe ich eine Flasche hier“, erklärt Udo Michalek mit einem Lachen. „Und wenn man so viele Jahre Kran fährt wie ich, dann gewöhnt sich der Körper daran – und man verrichtet sein großes Geschäft am Morgen.“ Aha! Wäre das auch geklärt. Er hat halt auch seine Nachteile, Aachens Arbeitsplatz mit der spektakulärsten Aussicht.

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