Aachen/Düsseldorf - Anwesenheitskontrollen an Unis: Wenn die Freiheit künftig zur Pflicht wird

Anwesenheitskontrollen an Unis: Wenn die Freiheit künftig zur Pflicht wird

Von: Peter Pappert und Helen Bielawa
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Hier besteht auch künftig keine Anwesenheitspflicht: Studenten im Aachener TH-Viertel, im Hintergrund das Hauptgebäude. Foto: Harald Krömer

Aachen/Düsseldorf. Eingriff in die Freiheit des Studiums oder notwendige Kontrolle, um Probleme insbesondere für die ersten Semester zu verringern? Die schwarz-gelbe Landesregierung will das von Rot-Grün 2014 erlassene Verbot von Anwesenheitskontrollen bei Uni-Veranstaltungen wieder kippen und den Hochschulen ermöglichen, Anwesenheitsverpflichtungen wieder einzuführen.

Das Vorhaben stößt unter den Studentenvertretungen (Asta) in Nordrhein-Westfalen auf Widerstand, auch wenn es noch keine konkreten Pläne gibt. Die entsprechende Novellierung des Hochschulgesetzes werde „noch einige Zeit in Anspruch nehmen“, sagte das Kultus- und Wissenschaftsministerium am Montag auf Anfrage unserer Zeitung. „Erste Details erwarten wir etwa zum Frühjahr 2018.“

Der Asta-Vorsitzende der TU Dortmund, Markus Jüttermann, lehnt eine Anwesenheitspflicht ab. Die eigene Motivation der Studierenden reiche aus: „Man studiert Dinge, weil sie einen interessieren.“ Eine Anwesenheitspflicht wäre ein „Korsett, in das Studierende sich zwängen müssen.“ Dieses Korsett passe nicht jedem. So müssten vor allem viele einkommensschwache Studierende nebenbei arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Wären sie gezwungen, in allen Veranstaltungen anwesend zu sein, wäre das kaum unter einen Hut zu bringen.

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„Wenn Studenten vollständige Freiheit fordern, müssen sie auch die Verantwortung für das Ergebnis dessen übernehmen“, sagt Aloys Krieg, Prorektor für Lehre an der RWTH Aachen, unserer Zeitung. Oftmals meldeten sich mehr als 50 Prozent der Studierenden in mathematischen und mathematik-affinen Fächern kurzfristig von Prüfungen ab. „Viele sind einfach überfordert; und man tut ihnen keinen Gefallen, wenn zu viel Freiraum gegeben wird. Es sei denn, es ist der Gesellschaft egal, wie lange sie studieren.“

Ob und wie Anwesenheiten gegebenenfalls kontrolliert werden, muss jede Hochschule nach Aussage von Krieg in ihren Prüfungsordnungen regeln. „Das kann nicht jeder Dozent für seine Veranstaltungen entscheiden.“ Es gehe dabei um Seminare und Übungen, aber nicht um Vorlesungen.

Das Ziel sei, dass möglichst viele Studenten einen Abschluss machen; im Maschinenbau seien das an der RWTH rund 70 Prozent. Aber viele schafften das nicht in der Regelstudienzeit. „Zum Studium gehört auch ein gewisser Fleiß. Manche brauchen gerade beim Übergang von der Schule an die Universität klare Leitplanken“, sagt Krieg.

Das sieht sein Amtskollege an der Fachhochschule Aachen sehr ähnlich. Dort ist Josef Rosenkranz Prorektor für Studium und Lehre; auch er hat die Erstsemester im Blick. „Gerade die Orientierungsveranstaltungen sollte man verpflichtend machen. Manche Kollegen hätten es gerne verbindlicher.“ Darüber hinaus gebe es an der FH aber gar keinen großen Handlungsbedarf. In Kleingruppen und bei Laborarbeiten bestehe ohnehin Anwesenheitspflicht. Andererseits seien Kontrollen bei allen Veranstaltungen gar nicht möglich. „Das können wir sowieso nicht leisten; und das wollen wir auch nicht.“

Nach Ansicht von Rosenkranz sollten die Hochschulen die Freiheit haben, diese Frage selbst zu entscheiden. Die FH werde die Rahmenprüfungsordnung für diesen Zweck jedenfalls nur sehr moderat ändern und den Fachbereichen die notwendigen Freiräume lassen. Unter Studenten sei die Anwesenheitspflicht sehr umstritten. „Aber sie können bei der Beratung darüber Einfluss nehmen.“

Der Sprecher der Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Andreas Archut, hält es für möglich, dass die Entscheidung über die Anwesenheitspflicht den einzelnen Fakultäten oder gar den einzelnen Lehrenden überlassen wird.

Asta-Chef Julian Engelmann in Münster widerspricht: „Sollte die Anwesenheitspflicht wieder eingeführt werden, würde nicht die Bevormundung der Universitäten enden, sondern umgekehrt die Bevormundung der Studierenden beginnen“, sagt er. Die Anwesenheitspflicht sei ein Eingriff in die Studierfreiheit.

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