Aachen - Antilopen Gang: „Wir sind nicht ständig gegen alles“

Antilopen Gang: „Wir sind nicht ständig gegen alles“

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Koljah, Danger Dan und Panik Panzer (von links) bilden die Hip-Hop-Band Antilopen Gang. Kürzlich gewannen sie den Preis für die besten Newcomer des Jahres 2015. Mit ihrem Debütalbum „Aversion“ sind sie nun auf Tour. Darin rechnen sie nicht nur mit dem Faschismus, sondern auch mit dem Mainstream ab. Foto: Thomas Schermer

Aachen. Die Antilopen Gang ist ironisch, eckt an und provoziert. Dennoch oder vielleicht sogar deshalb räumt das Trio derzeit viele Preise der deutschen Musikszene ab. Mit ihrem Debütalbum „Aversion“ tourt die Hip-Hop-Gruppe gerade durch Deutschland. In der vergangenen Woche machte sie in Aachen halt – der Heimatstadt zweier Bandmitglieder.

Unsere Volontärinnen Katrin Fuhrmann und Ines Kubat trafen sich mit ihnen vor dem Konzert im Musikbunker. Drei freundliche junge Männer nehmen Platz auf dem Ledersofa. Doch als das Interview losgeht legen die drei einen Schalter um und schlüpfen in ihre Alter Egos. Danger Dan, Panik Panzer und Koljah machen keinen Hehl daraus, wenn sie keinen Bock haben, die ein oder andere Frage zu beantworten.

 

Danger Dan und Panik Panzer, Ihr kommt aus Aachen. Mal ehrlich: Verbringt Ihr die Nacht im Hotel oder eher im „Hotel Mama“?

Danger Dan: Wir könnten ins „Hotel Mama“ gehen, aber wir sind mit dem Tourbus da, und weil es früh wieder losgeht, schlafen wir dort.

Aachen ist der Auftakt Eurer Tour – kommt Ihr gern hierher zurück?

Panik Panzer: Ich wohne seit Anfang letzten Jahres nicht mehr in Aachen, und habe damals auch nichts Gutes mehr mit der Stadt verbunden. Sie ist mir zu klein geworden, man hat immer dieselben Leute gesehen. Aber mittlerweile freue ich mich, wenn ich zurückkomme. Heute, als wir auf den Europaplatz zugefahren sind, habe ich direkt rumgebrüllt „Wir sind in Oche“. Danger Dan:Ich bin vor vier Jahren weggezogen, weil ich wissens- und lebenshungrig war, und weil ich dachte, die Welt stehe mir offen. Heute bin ich wieder hier, habe Schnupfen, Husten, den Fuß verknackst, Ketchup auf der Hose, es ist alles beim Alten. (lacht)

Nicht alles ist beim Alten. Ihr habt viele Preise in jüngster Zeit gewonnen. Das Interesse an der Antilopen Gang hat sich sicherlich gesteigert?

Danger Dan: Ja, da hat sich Einiges geändert. Vor allem im vergangenen Jahr haben sich doch viele Journalisten gemeldet.

Und vor allem kommen viele Fans, um Euch zu unterstützen. Wer ist da im Publikum der Antilopen Gang?

Koljah: Wir sprechen niemanden speziell an. Ich freue mich eigentlich, wenn auf Konzerten eine ganz bunte Mischung an Menschen ist und man merkt, dass der Antilopenfan nicht so eindeutig zu klassifizieren ist. Ich bin eigentlich offen für alles, außer selbstverständlich Faschisten. Die bleiben – glaube ich – auch eher unseren Konzerten fern. Aber mit dem Mainstream kommen auch die Arschlöcher.

Viele Eurer Raps sind politisch linksgerichtet und Ihr stellt Euch – zum Beispiel im Lied „Beate Zschäpe hört U2“ – gegen den rechten Terror in Deutschland. Empfindet Ihr das Thema derzeit als bedrohlich?

Danger Dan: Es gibt in Deutschland gerade eine rechtsterroristische Welle, die viele Brandanschläge und Übergriffe gegen Leute verübt, die geflüchtet sind. Das ist ein Hass, der in der Mitte der Gesellschaft geschürt wird und gar nicht mal vom rechten Rand kommt. Es sind ganz normale Bürger, die diesen Hass erschaffen.

Normale Bürger ganz allgemein – die Max Mustermanns der Gesellschaft – scheinen Euch wütend zu machen. Denn in Euren Liedern rechnet Ihr auch mit den „Vorzeigeknaben“ und „Musterschülern“ ab.

Danger Dan: Das ist richtig. Wir richten uns gegen Vieles. Unser Album heißt ja auch „Aversion“. Aber wir sind nicht ständig gegen alles. Uns treibt auch eine enorme Liebe zur Menschheit, eine Liebe zu uns selbst an. Hinter all dieser Aversion und Wut steht der Wunsch, dass etwas besser werden könnte. Zum Beispiel der Koljah könnte sich echt mal verbessern. Oder der Panik Panzer. (lacht)

Die Negativität mündet in Euren Texten häufig in einer Zerstörungswut. Das Lied „Der Goldene Presslufthammer“ lässt anklingen, dass Ihr Platz für etwas Besseres schaffen wollt. Was wäre das?

Panik Panzer: Man könnte den Presslufthammer zum Beispiel benutzen, um Deutschland zu zerstören, dann könnte das Antilopenland entstehen. Das ist meine Vorstellung. Aber man muss Deutschland gar nicht unbedingt zerstören. Ich würde es mir gerne einfach aneignen mit Geld oder Charme. Das Antilopenland hätte auf jeden Fall viele Wasserrutschen. Meinetwegen wäre es auch farbenfroh. Ich sehe auch Ballons und einen Streichelzoo. Es wäre ein friedliches Land.

Danger Dan: Ich finde, es ist eine Fehleinschätzung, dass man glaubt, man müsse immer einen Plan haben, wie etwas besser wird, um Dinge kritisieren zu dürfen. Ich weiß es zum Beispiel auch nicht konkret, was für ein Aachen ich mir wünsche, damit ich zurück ziehe.

Ihr seid beim Label der Toten Hosen. Und auch Eure Texte erinnern an diese Band, die sich immer wieder gegen Neonazis positioniert. Ist Euer linker Hip-Hop der Ersatz für den früheren Punkrock?

Panik Panzer: Ich begreife uns nicht als linken Hip-Hop, obwohl ich natürlich verstehe, warum wir da eingeordnet werden. Aber meine Musik ist nicht ausschließlich links.

Koljah: Ich glaube, dass es ein Missverständnis ist, dass Punk an sich etwas Linkes ist. Punk diente ursprünglich dazu, Abscheu und Irritation zu erzeugen und sich aufzulehnen. Das war weder links noch rechts und spielte mit verschiedenen politischen Symbolen. Aber irgendwann nahmen eindeutig Politparolen überhand.

Man kann sich ja als Person gut hinter einer Band und deren Namen verstecken. Ist Euer Rap authentisch?

Koljah: Gute Frage. Das kann wahrscheinlich jeder für sich selbst ein bisschen anders beantworten. Ich finde, Rap muss nicht immer authentisch sein. Viele finden aber, dass im Rap das lyrische Ich dem biografischen Ich entsprechen muss. Das sehe ich nicht so. Rap ist ein Kunstprodukt, und ich finde es deshalb okay, manche Dinge überspitzt darzustellen. Als Band sind wir dennoch oft recht nah an dem, was wir als Privatpersonen denken.

Zurück zur Tour. Wie hat man sich Eure Zeit im Bus vorzustellen? Welche Musik hört Ihr unterwegs?

Koljah: Gar keine. Wir haben oft erlebt, dass Bands wenn sie unterwegs sind, Tourblogs führen, Musik hören und feiern. Das ist bei uns nicht der Fall.

Also ist die Fahrt Eure Zeit, zu entspannen?

Koljah: Entspannen würde ich nicht sagen. Es gibt durchaus Reibereien und dicke Luft.

Panik Panzer: Ich habe seit Neuestem so eine kleine Musikbox und möchte damit das Musikhören im Bus einführen.

Danger Dan: Und was willst du dann für Musik hören?

Panik Panzer: Natürlich nur Musik, die mir gefällt. Gute moderne Rapmusik mit tiefen Subbässen und nervigen Flows.

Und was macht Ihr nach dem Konzert?

Koljah: Unmittelbar nach dem Auftritt zählen wir auf, was alles schief gelaufen ist, Panik Panzer kriegt einen cholerischen Anfall. Dann beruhigt sich die Sache, und ich gehe in den Bus und lese ein Buch. Danger Dan: Ich mache das einzig Vernünftige, was man in Aachen nach 21 Uhr machen kann. Und zwar gehe ich zum Bambi-Grill und hol mir eine Currywurst mit Pommes. Das ist übrigens etwas, das Aachen sehr gut kann – von wegen Berlin hätte die Currywurst erfunden.

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