Karlsruhe - Anteil der Unfallfluchten an Gesamtzahl der Verkehrsunfälle steigt

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Anteil der Unfallfluchten an Gesamtzahl der Verkehrsunfälle steigt

Von: Marlon Gego und Anika von Greve-Dierfeld
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Symbol Unfall  Patrick Seeger/dpa
Am Dienstag ereignete sich ein Unfall auf der Landstraße 42: Zwei Menschen wurden verletzt. Symbolfoto: Patrick Seeger/dpa

Karlsruhe. Die meisten Unfallfluchten, die auf Thomas Stoppelmanns Tisch gelandet sind, waren Bagatellunfälle. Außenspiegel ab, Kratzer in der Tür, Rücklicht kaputt. Der Schaden am Auto ist meist eher klein, der Ärger aber groß. Und wenn die geflüchteten Unfallverursacher irgendwann doch ermittelt wurden in Stoppelmanns Gerichtssaal sitzen, sind viele nicht um Ausreden verlegen.

Nichts gehört, nichts gesehen, einfach nichts bemerkt, sagen die meisten. Und Stoppelmann, Richter am Amtsgericht Aachen, sagt: „Den meisten ist es wahrscheinlich nur zu lästig, anzuhalten und die Polizei zu rufen.“

Unfälle mit Fahrerflucht sind längst ein Massendelikt, ein Dauerproblem und nehmen aus Sicht mancher Polizeipräsidien in Großstädten sogar zu. Die Bandbreite dabei ist riesig: Kleinere Blechschäden machen den mit Abstand größten Anteil der Fahrerflucht-Unfälle aus, mit denen es die Polizei zu tun hat. Sehr viel seltener sind Unfälle, bei denen der Verursacher Verletzte oder gar Tote zurücklässt.

In Nordrhein-Westfalen stieg die Zahl der Unfallfluchten in den vergangenen zehn Jahren von 112.000 im Jahr 2007 um 15 Prozent auf mehr als 132.000 vergangenes Jahr an. Im selben Zeitraum stiegen die Verkehrsunfälle in NRW nur um 10,6 Prozent auf 640.000 im Jahr 2016. Der Anteil der Unfälle mit Fahrerfluchten steigt also, wenn auch nur leicht.

Vor drei Jahren hatte der Auto-Club Europa (ACE) die Angaben von Polizeibehörden verschiedener Bundesländer ausgewertet und schätzte die Zahl angezeigter Unfallfluchten auf jährlich rund 500.000 bundesweit – ohne Dunkelziffer; denn längst nicht jeder Kratzer wird angezeigt. „Hat ja keinen Sinn, die Polizei findet die Leute ja doch nicht“, sagt etwa ein Betroffener, der seit 35 Jahren Auto fährt und mindestens sieben Mal Opfer von Unfallfluchten war. Er fährt dann den Wagen in die Werkstatt, lässt den Spiegel ersetzen, den Kratzer polieren. „Haken dran“, sagt er, „so ist der Aufwand am geringsten.“

Tatsächlich ist die Aufklärungsquote bescheiden, vor allem bei kleinen Blechschäden. Je nach Region oder Bundesland schwankt sie zwischen 20 und knapp unter 50 Prozent. In der Region Aachen, Düren, Heinsberg liegt sie in der Regel zwischen 40 und 50 Prozent, die Zahlen schwanken nur leicht. Meist gibt es wenig Spuren, und weil die entstandenen Schäden in der Regel relativ klein sind, hält sich die Bereitschaft der Staatsanwaltschaften, weitere Ermittlungen einzuleiten, in engen Grenzen. Anders sieht es bei Unfallfluchten aus, wenn Menschen verletzt oder sogar getötet werden. Die Zahl der aufgeklärten Fälle in unserer Region steigt dann auf etwa 70 Prozent.

Doch solche Unfälle sind glücklicherweise selten. Etwa 95 Prozent aller Fahrerfluchten sind Blechschäden, so schätzte der ACE im Jahr 2014. Für die Versicherungen spielen die Unfälle mit Unfallfluchten jedenfalls keine große Rolle. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherer (GDV) erklärt, dass keine Zahlen dazu erhoben werden, wie groß der jährliche Schaden durch Unfallfluchten ist. Und deswegen kann der GDV auch keine Angaben dazu machen, wie sich die steigenden Unfallfluchtzahlen auf die Versicherungsbeiträge auswirkt. Fest steht lediglich, dass der Schaden auf alle Beitragszahler umgelegt, am Ende also Solidarisiert wird. Am Ende zahlen alle.

Dass Autofahrer schlicht nicht mitbekommen, dass sie ein Auto beschädigt haben, nimmt ihnen der Aachener Richter Thomas Stoppelmann in der Regel nicht ab. Und dann hat er die Möglichkeit, ein aufwendiges Gutachten anfertigen zu lassen. Ein Unfallsachverständiger rekonstruiert anhand der Schäden und gegebenenfalls von Zeugenaussagen, wie der Unfall zustande gekommen ist. Wenn der Sachverständige das weiß, dann kann er auch herleiten, wie laut der Kontakt der bei der Kollision, wie stark die Vibration des Unfallfahrer-Autos gewesen sein muss. Und daraus lässt sich dann ableiten, wie plausibel es ist, dass der Verursacher nichts von dem Unfall mitbekommen haben will.

„Die wenigsten haben eine Art Motiv wie Trunkenheit oder unversichertes Auto, sagt ein erfahrener Unfallermittler aus Süddeutschland. Aber dafür jede Menge Ausreden: „Der Sprudelkasten hat geklirrt, das Radio war an, mein Auto klappert sowieso“, sagt der Polizist aus Karlsruhe. „Es gibt nichts, was es nicht gibt.“ Unter den Fahrerflüchtigen sind dann gerne auch solche, die es von Amts wegen eigentlich besser wissen müssten: „Von ranghohem Polizeibeamten bis Bundesrichter war schon alles dabei“, sagt er.

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