„ansprechBar“: Pfarrer baut Gesprächsangebot im Bistum aus

Von: Sabine Rother
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Pfarrer Hans-Georg Schornstein hat „ansprechBar“, ein freies Gesprächsangebot, aufgebaut. Nach einem Jahr zieht er Bilanz. Foto: Michael Jaspers
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Mit diesen Karten lässt sich bereits ein Gespräch beginnen: Eine Idee in der „ansprechBar“.

Aachen. „Ich traue mir selbst nix zu“, „Glaube ja. Kirche nein“, „Ich hab‘ Angst vor meiner Zukunft“ – die stabilen Karten im modernen hell-dunkelgrünen Design klingen wie ein Weckruf, wie der Beginn eines Gesprächs, bei dem man alles sagen darf über Gott und die Welt.

Als Pfarrer Hans-Georg Schornstein vor einigen Jahren die Leitung von sechs Pfarreien zwischen Aachen-Kornelimünster und Roetgen-Rott abgab, war er völlig erschöpft. Zu viel Verwaltung, zu viele wechselnde Pflichten, viel zu wenig Zeit für die Menschen.

Geschützter Raum

Dann kam die Heiligtumsfahrt und eine Idee, die Bischof Heinrich Mussinghoff unterstützte: Schornstein setzte sich an ein Tischchen im Café Extrablatt am Aachener Markt, schräg gegenüber vom Rathaus, und war ansprechbar für alle, die einfach nur reden wollten, die Fragen oder etwas auf der Seele hatten. „ansprechBar“ ist inzwischen der griffige Name eines dauerhaften Angebots, das zwar vom Bistum getragen wird, aber hundertprozentig Schornsteins Vorstellung von einem offenen und doch geschützten Raum für jedermann entspricht.

„Nach Konfession und Religion wird nicht gefragt“, sagt er. „Hier sind alle willkommen.“ Seit einem Jahr gibt es „ansprechBar“: Neben den noch immer regelmäßigen Sprechzeiten im Café Extrablatt, wo sich inzwischen ab und zu sogar die Mitarbeiter einen guten Rat holen, gibt es im Parterre des Hauses Bendel-straße 35 einen stillen Raum mit einem großen Tisch und einer bequemen Sitzecke, wo Schornstein Menschen im Alter zwischen 20 und 70 Jahren zuhört.

Rund 200 Gespräche verbucht er für 2015. Kleine Kümmernisse, große Sorgen, Weltschmerz, Liebeskummer und Gewissensnöte werden hier ausgesprochen – manchmal bei Kerzenlicht, aber immer abgeschirmt von der Außenwelt, mit der Schornsteins Klienten häufig nicht mehr klarkommen, sich unverstanden und beengt fühlen.

Seine Ausbildung in Gesprächsführung und Supervision hilft. Er lässt jedem Zeit, scheut auch das Schweigen nicht, das häufig die erste Phase der Kontaktaufnahme prägt. Der 59-jährige Priester will im Zuhören und später durch gezielte Fragen der verwirrten Seele den Weg freimachen, im Idealfall seine Gäste zu neuer Klarheit und Selbstbestimmung führen.

Die Anfragen nehmen zu. „Anfangs kamen mehr Leute, die mich kannten, jetzt sind es viele neue Gesichter“, freut sich Schornstein. Flyer, Karten mit flotten Sprüchen, eine Homepage – all das hat entscheidend zum Bekanntwerden von „ansprechBar“ beigetragen. Die hell-dunkelgrünen Rechtecke, die in der Mitte einen hellen Rahmen und eine weiße geschwungene Linie zeigen, hat sich der 23-jährige Grafiker Max Pohlen ausgedacht und setzt damit ein Zeichen der Hoffnung. Pohlen sitzt auch im sechsköpfigen Beirat, der das Angebot betreut und trägt.

Entscheidend für Schornstein: „Niemand soll bei mir das Gefühl haben, ich möchte missionieren“, betont er. „Aber wenn Menschen sich wünschen, dass ich mit ihnen bete oder dass aus dem Gespräch vielleicht sogar ein Beichtgespräch wird, dann ist das natürlich kein Problem.“

Viel Lebenserfahrung, das Wissen um widerstreitende Gefühle und lähmende Ängste, Empathie gehören dazu, wenn man ein einfühlsamer und zugleich unaufdringlicher Gesprächspartner sein will. Schornsteins Angebot soll keine Beratungsstelle ersetzen. „Da gibt es andere, die spezialisiert sind“, sagt er. „Ich baue mir zurzeit ein Netzwerk auf, um in Fragen, bei denen ich überfordert bin, jemanden weiterleiten zu können.“ Wie er sich auf Gespräche mit unbekanntem Inhalt vorbereitet? „Ich sorge dafür, dass ich selbst ruhig bin, dass ich nicht abgelenkt bin, etwa durch einen Folgetermin.“

Ein Gespräch kann bis zu zwei Stunden dauern, manchmal fließen Tränen – wenn etwa ein nahestehender Mensch gestorben oder eine Liebe zerbrochen ist. „Die Einsamkeit quält viele“, weiß der Pfarrer, der bereits aus der Biografie eines Menschen einiges ablesen kann. Häufig plagt das Gewissen, gibt es Selbstvorwürfe, taucht die Frage auf, ob vielleicht ein strafender Gott eine Krankheit oder einen Verlust geschickt haben könnte, werden Sorgen um die erwachsenen Kinder geäußert. Dann ist der sensible Seelsorger gefragt.

„Es geht um Versöhnung und Vergebung“, meint Schornstein. „Ich sage dann oft, dass man nichts rückgängig machen kann, dass niemand ohne Fehler ist und das Negative zum Leben gehört.“ Jetzt, wo Schornstein Zeit dafür hat, seine früher oft eingeengte seelsorgerliche Arbeit zu tun, sprudeln die Ideen. Das macht ihn froh, und das sieht man ihm an. So begleitet er auf Wunsch Gruppen im Bereich des Eifelsteigs, die beim Wandern ins Gespräch kommen möchten. Oder er ist Gast in einer Runde, die sich ein substanzielles Gespräch wünscht. Er hatte einen Infostand beim Historischen Jahrmarkt in Kornelimünster und bei der Verbrauchermesse „50+“ in der Eissporthalle.

Wie schützt sich Schornstein vor dem Leid der anderen? Er führt kein Gespräch in privater Umgebung und radelt sooft es möglich ist von Richterich zur Innenstadt und zurück. „Unterwegs kann ich vieles gut verarbeiten, und natürlich nehme ich die Sorgen der anderen mit in mein Gebet.“

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